Kultur als Lebens-Elixier in Corona- und Krisenzeiten
Couragiertes Aufbäumen in Salzburg

Salzburg -

Theaterfestivals in Bayreuth oder Recklinghausen fielen in diesem Jahr aus, doch Salzburg spielt und versucht, Zeichen für die Kultur in Corona-Zeiten zu setzen.

Freitag, 07.08.2020, 16:46 Uhr aktualisiert: 07.08.2020, 18:09 Uhr
Ein Ex-Jedermann als Maskenmann: Schauspieler Cornelius Obonya und seine Frau Carolin Pienkos in Salzburg.
Ein Ex-Jedermann als Maskenmann: Schauspieler Cornelius Obonya und seine Frau Carolin Pienkos in Salzburg. Foto: imago images

Eine Woche ist um, drei werden folgen. Salzburg, das ohne seine Festspiele vermutlich nur eine wunderschöne Provinzstadt wäre, stemmt sich tapfer gegen Corona und das in den ersten Monaten der Pandemie beklagte Kultur-Koma. Mit Schachbrett-Sitzordnung, personalisierten Karten, farblich abgestuften Risiko-Gruppen der Akteure, differenzierten Tests. Öfter stellt man dabei logische Brüche fest. So unterziehen sich die Wiener Philharmoniker wöchentlich Tests, um als Klangkörper dicht beieinanderbleiben zu können. Gleichzeitig schiebt aber im Salzburger Traditionslokal der Kellner das Wiener Schnitzel mit den Erdäpfeln ohne Distanz und Maske auf den Tisch. Im Ticket-Büro am Herbert-von-Karajan-Platz ist die Luft zum Schneiden dick, und im Großen Festspielhaus könnte man, auch wenn Plätze frei bleiben, den Kopf des Vordermannes mühelos auf Armlänge erreichen. Da lassen viele auf Anraten und vorsorglich die Maske auf Nase und Mund, auch wenn die Brille beschlägt.

Am Donnerstagabend der ersten Festspielwoche kamen „Jedermann“ Tobias Moretti und seine neue „Buhlschaft“ Caroline Peters endlich in den Genuss, die prächtige Open-Air-Kulisse vor dem Salzburger Dom zu nutzen. Der pausenlose Schnürlregen hatte die Salzach in den Tagen zuvor beim Entwässern der östlichen Hohen Tauern noch bedrohlich anschwellen lassen und die Jedermann-Crew ins Festspielhaus getrieben. Auch wenn mancher österreichische Schlauberger Michael Sturmingers Inszenierung von 2017 schon wieder negativ ins „Modernistische“ abdriften sieht, strahlt diese gerade in der Figur des zerrissenen, sich an dem Anruf des Todes abarbeitenden Managertypen eine stimmige aktuelle Anmutung aus. Und die neue Buhlschaft Caroline Peters kommt eben nicht als dralle Erotik-Gespielin daher, sondern eher als geistig ebenbürtiges Gegenstück des Midlife-Grüblers.

Globalisierungskritik von Handke

Dass sie anfangs auf einer großen Kunststofftorte sitzt und wie Marilyn Monroe „Happy Birthday“ säuselt, ist wohl dem 100. Geburtstag der Festspiele geschuldet, wirkt allerdings nicht wie ein besonders geistreicher Gag. Aber vielleicht steht gerade diese Szene für die dumpfe Diesseitigkeit der hier gezeigten Bussi-Gesellschaft. Die Botschaft des Mysterienspiels bleibt zeitlos: Bloß nicht im schönen Schein verharren, dem schnöden Mammon mit seiner Zins- und Rendite-Logik abschwören, wahren Werten anhängen. Wer würde das in unserer labilen Welt mit dem Virus in kleinsten Spucketröpfchen nicht bereitwillig unterschreiben?

Peter Handkes Szene „Zdeněk Adamec“ schlägt in diesem Kontext erwartungsgemäß härter in die Kerbe einer Globalisierungskritik, die die Welt generell den Bach hinuntergehen sieht. Auch hier steht der Tod, und zwar in Form eines politisch motivierten Suizids, als mahnende Chiffre für Vergeblichkeit und Vergänglichkeit im Raum. Und Handke, der Widerspenstige, weigert sich beharrlich, ein solches politisches Fanal als Ausgeburt eines lebensmüden Gemütskranken wegreden zu lassen.

Zuschauermagnet "Jedermann"

Was die Menschen aus Salzburg mitnehmen, ist die Gewissheit, dass Musik, Bühnenspiel und Kunst Menschen nicht nur anlocken, sondern als Lebenselixier erfrischen und ermutigen können – zumal in Krisenzeiten. Und wenn auch die sonst übliche Zahl von 270 000 Karten natürlich nur zu einem guten Drittel vergeben werden kann, ist spürbar, dass die Menschen sich eben nicht mit digitalem Surrogat und Fernsehen zufriedengeben möchten. Sie möchten vielmehr Musiker spielen hören und Schauspieler auf der Bühne sehen. Man möchte Mensch unter Menschen sein und eben nicht als bleicher Nerd an PC und Spielkonsole im Wohnkeller enden. Pianist Igor Levit, der in Salzburg seinen bewundernswerten Beethoven-Sonatenmarathon absolviert, äußerte sich freilich zugleich skeptisch, was die Solidarität in Gesellschaft und Kulturbetrieb betrifft. Die Frage steht im Raum: Was wird nach der Krise von den guten Vorsätzen für ein besseres Miteinander bleiben?

Tobias Moretti will nach eigenem Bekunden 2021 kein Jedermann mehr sein, vielleicht wird ihm ja Philipp Hochmair folgen, der ihn 2018 schon einmal vertrat, mit seinem rockigen „Jedermann reloaded“ 2019 bei den Ruhrfestspielen gastierte und im Theater Münster auch schon bei Weve­rinck für den 1. Mai 2020 fest im Plan stand. Die Geschichte ist nur scheinbar ausgereizt. Sie wird Salzburg als Markenzeichen, inszenatorische Herausforderung, Zuschauermagnet und damit „sichere Bank“ erhalten bleiben. Auch in den Monaten nach den Festspielen spannt die faszinierende Ausstellung „Großes Welttheater“ im Salzburg-Museum grandios den Bogen über 100 Festspieljahre und zieht diese Präsentation weiter bis Ende 2021. Von dem nächsten Jahr hoffen alle, dass es für Mensch und Kultur ein besseres Jahr wird.

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