Interview mit Gerhard Polt
Die Entehrung des Burgtheaters

München/Münster -

1979 trafen die Well-Brüder und Gerhard Polt erstmals aufeinander. Ein Jahr darauf stand das Brüder-Trio als „Biermösl Blosn“ dann mit dem Humoristen gemeinsam auf der Bühne. Jetzt erscheint ein Album, das diese 40 Jahre dokumentiert. Einen kleinen Gastauftritt haben dabei auch die Toten Hosen.

Mittwoch, 23.09.2020, 14:15 Uhr aktualisiert: 23.09.2020, 14:43 Uhr
Bühnenpartner in einem Boot: Gerhard Polt und die Well-Brüder sind seit 40 Jahren freundschaftlich miteinander verbunden.
Bühnenpartner in einem Boot: Gerhard Polt und die Well-Brüder sind seit 40 Jahren freundschaftlich miteinander verbunden. Foto: Hans-Peter Hösl

Herr Polt, im „Prolog“ Ihrer neuen CD heißt es, dass der Mensch ein Biotop sei, den auch die Viren lieben. Haben Sie prophetische Kräfte?

Gerhard Polt: Ich glaube nicht (lacht). Ich habe mal eine Kindergeschichte geschrieben, bei der sich Viren zu einer Sommergrippe in München treffen. Und ein Virus erzählt seine Reise, wie er über einen feuchten Händedruck in Pakistan eingestiegen und hierher gekommen sei. Aber das hat nichts mit Prophezeiung zu tun (lacht), sondern mit der schlichten Einsicht, dass der Mensch universal betrachtet etwas ganz Kleines ist.

Das neue Album ist ein Streifzug durch die bayerische Geschichte der vergangenen zehn Jahre, oder?

Polt: Die Auswahl ist schon etwas willkürlich gewesen, weil wir schlecht 40 Jahre dokumentieren können. Wir haben drei Abende verwendet, die in unterschiedlichen Etablissements aufgenommen worden sind: der Admiralspalast in Berlin, in Stuttgart und ein Bierzelt auf dem Land in der Nähe von Berchtesgaden.

Und die Toten Hosen waren auch dabei...

Polt: Mit denen verbindet uns eine alte Freundschaft, die auf die Zeit von Wackersdorf zurückgeht.

2005 waren Sie auch mit Campino & Co. unterwegs.

Polt: Das war eine irre Geschichte. Wir waren damals im Burgtheater. Das ist – um es vorsichtig auszudrücken – eine Art Tempel: das deutschsprachige Theater schlechthin. Und wir durften es entehren (lacht). Es trafen damals zwei unterschiedliche Gattungen von Publikum aufeinander, die sich vermutlich gegenseitig als Aliens betrachtet haben. Aber es war ein sehr harmonischer Abend, an dem sich augenscheinlich unterschiedliche Menschen sehr gut miteinander verstanden haben.

Wie würden Sie denn Ihr Publikum beschreiben?

Polt: Die Well-Brüder und ich hatten zunächst ein unterschiedliches Publikum. Allein schon, weil sie Musiker sind und woanders herkommen. Man muss bedenken, dass in Bayern in den 70er Jahren die Kleinkunst auf dem Land nicht stattfand, sondern erst langsam aufkam. Das Kabarett war großstädtisch: Berlin, München, Wien – vielleicht Düsseldorf. Wir hatten nicht das intellektuelle Publikum, das zu meinem lieben (und leider verstorbenen) Freund Dieter Hildebrandt gegangen ist. Deshalb nenne ich das, was wir machen, auch gerne Brettl-Kunst. Die ist eher im Kleinbürgertum, im Handwerk oder im bäuerlichen Milieu angesiedelt.

Aber Sie selbst haben gar nicht mit Kleinkunst begonnen, oder?

Polt: Ich habe in den Münchner Kammerspielen angefangen. Das hat sich dann irgendwann vermengt. Das Tolle ist, dass wir sowohl im Burgtheater als auch bei den Kammerspielen, aber auch im Bierzelt irgendwo bei der freiwilligen Feuerwehr von Sowieso (lacht) auftreten können. So einen weiten Bogen spannen zu können, ist nicht üblich.

Gibt es denn außerhalb von Bayern Sprachbarrieren? Ein Stück wie „Ekzem-Gstanzl“ verstehen Österreicher eventuell noch, aber die Preußen?

Polt: Das war durchaus ein Thema. Als wir das erste Mal im Norden gespielt haben, wussten wir auch nicht, was uns erwartet. Aber es gibt ein Publikum, das vielleicht nicht jedes Wort versteht, aber das uns verstehen will. Die Leute merken im Prinzip schon, worum es geht. Da spielen Grenzen keine Rolle.

Apropos: Die Rollen, in die Sie schlüpfen sind meistens sehr stark auf die Spitze getrieben. Sehen Sie sich selbst als Übertreibungskünstler des Kabaretts?

Polt: Alle Figuren, die ich auf die Bühne hieve, sind semi-authentisch. Die sind nie gänzlich erfunden, sondern authentische Menschen. Manchmal habe ich nur zehn oder 20 Prozent dazugedichtet oder untergeschoben, manchmal mehr. Wenn ich diese Rollen spiele, bin ich nie im luftleeren Raum unterwegs und muss auf eine Kunstfigur zurückgreifen, sondern kann mich als Erzähler immer daran erinnern, wer diese Person war. Egal, ob das der indische Pfarrer ist, den ich bei einer Beerdigung im Bayerischen Wald erlebt habe oder wer auch immer – diese Leute gibt oder gab es. Ich übertreibe die Figuren aber nie ins Unwahrscheinliche.

Das ist das Sympathische an Ihnen, das Sie anders als der eine oder andere Comedian, nie beleidigend sind oder Ihre Figuren der Lächerlichkeit preisgeben.

Polt: Wenn Sie mit Menschen über andere Menschen reden, dann müssen Sie einen Grundrespekt haben. Wenn Ihnen jemand Unsympathisches etwas erzählt, dann hören Sie ihm nicht zu, dann wenden Sie sich ab. Spannend wird es, wenn relativ sympathische Leute etwas erzählen, was Sie verblüfft. Zum Beispiel etwas, was zunächst nett klingt, in Wirklichkeit aber abgründig ist. Darin liegt die Theatralik.

Dazu braucht es ein Gespür für Alltagssituationen und Kommunikation. Sie beispielsweise sind dazu auch noch ein Seismograph für Sprache.

Polt: Sprache ist für mich wie Musik: sehr wichtig. Der Klang, der Ton macht die Musik.

Der Schriftsteller Franzobel hat mal den Bachmannpreis bekommen für einen Text, der weniger auf Sinn und Struktur als auf Rhythmus und Klang Wert legt.

Polt: Das haben auch die Dadaisten versucht: Inhaltslose oder schwer nachzuvollziehende Handlungen mit einer Rhythmik oder Emphase des Erzählens so vorzutragen, dass es etwas Attraktives bekommt. Das kann aber auch für klassische Epen gelten. Ich habe mal „Odysseus“ von einem großartigen Münchner Schauspieler vorgetragen gehört: Das ist schon wie Musik.

Früher gab es Kabarettisten, heute gibt es Comedians. Sie selbst beschreiben sich als Humoristen. Wo ist der Unterschied?

Polt: Ich sage mal, was ich meine, ob das stimmt, darüber kann man streiten (lacht). In meiner Jugend habe ich Werner Fink kennengelernt. Das war noch ein richtiger Kabarettist. Hochpolitisch. Das Kabarett vor und nach dem ersten Weltkrieg – teilweise auch nach dem zweiten – wurde unten in den Katakomben und Kellern von Intellektuellen für Intellektuelle gemacht. Wir Brettl-Künstler kommen woanders her und bei uns ist auch das Publikum ein anderes. Wie damals auch bei Karl Valentin beispielsweise.

Also sind die Zielgruppen andere?

Polt: Nicht nur. Die verschiedenen Etiketten von heute, sind manchmal nicht nur etwas oberflächlich, sie werden auch schnell angeheftet: der eine ist Komiker oder Comedian, der andere Satiriker. Ich bin mal gefragt worden, ob die Mächtigen oder die CSU meine Feinde wären. Für den Kabarettisten mag das zutreffen. Der Humorist braucht keine Feinde, der sucht nach der Ironie, oder eher nach den Schwächen und Unzulänglichkeiten dieser Gestalten. Gar nicht mal im politschen Sinne. Dieter Hildebrandt hat mal zu mir über Otto Waalkes gesagt, als der gerade bekannt wurde, dass der zwar kein politisches Kabarett machen würde, aber in seiner Wirkung wahrscheinlich viel politischer ist, als Leute, die bewusst politisch argumentiert haben. Er hatte auch etwas leicht Anarchistisches.

Er hat auch schnell eine breite Masse angesprochen. Früher gab es Typen wie Strauß, Kohl und Wehner. Ein politischer Kabarettist müsste sich doch jetzt auf jemanden wie Trump stürzen, oder?

Polt: Es gibt genügend Figuren wie Trump oder traurige und unglückliche Gestalten wie unseren Verkehrsminister Scheuer, an denen man sich laben könnte. Aber die Situation in Deutschland hat sich in den vergangenen 40 Jahren sehr gewandelt. Auch durch die digitale Welt, in der schnell Karikaturen entstehen und wieder verschwinden.

Wobei auch Weidel, Dobrindt und Söder auf Ihrem neuen Album durchaus ihr Fett wegkriegen.

Polt: Die Well-Brüder und ich sind Kollaborateure, die bestimmte Sachen abdecken und sich gegenseitig ergänzen. Und die Well-Brüder machen das gerne, die können an solchen Politikern nicht vorbeigucken.

Wird Söder im kommenden Jahr Kanzler?

Polt: Ich sehe und höre ihn oft reden – und ich glaube, dass er es auch gerne machen würde. Man weiß aber nicht, welche Karten Laschet noch hat. Aber wenn ich wirklich der eingangs unterstellte Prophet wäre (lacht) . . . Aber nein, ich weiß es wirklich nicht. Wie heißt es so schön: Hättest du geschwiegen, wärst du Philosoph geblieben (lacht).

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