Flanieren in der Frühlingsluft
Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren ...

Münster -

Wenn Karfreitag und Ostersonntag mit schönem Wetter daherkommen, haben diese kirchlichen Feiertage auch einen besonderen weltlichen Reiz. Das wussten schon Goethe und Wagner.

Donnerstag, 01.04.2021, 16:02 Uhr aktualisiert: 05.04.2021, 13:38 Uhr
Richard Wagner (l.), der den „Karfreitagszauber“ in Klang verwandelte, ist keineswegs verwandt mit dem Wagner, der im „Faust“ von Goethe (r.) seinen Meister beim Osterspaziergang begleitet.
Richard Wagner (l.), der den „Karfreitagszauber“ in Klang verwandelte, ist keineswegs verwandt mit dem Wagner, der im „Faust“ von Goethe (r.) seinen Meister beim Osterspaziergang begleitet. Foto: colourbox.de

Wohl jeder weiß es: An der frischen Frühlingsluft kann man sich derzeit mit Abstand am besten bewegen. Von Karfreitag bis Ostersonntag dürfte auch das Wetter mitspielen. Und über den tieferen Sinn dieser höchsten christlichen Feiertage lässt es sich im Freien ebenfalls sinnieren. Wozu es aber auch in der Kunst jene beiden klassischen Anregungen gibt, an die wir uns immer wieder gern erinnern.

Da ist der „Karfreitagszauber“, eine zentrale Stelle aus dem „Parsifal“, dem Richard Wagner die pompös-sakrale Gattungsbezeichnung „Bühnenweihfestspiel“ mitgab. Was auf den romantischen Plan verweist, die Kunst an den Platz der Religion zu setzen. Dazu bediente sich der Dichter und Komponist aber auch gern beim Neuen Testament und bei der christlichen Liturgie – und handelte sich prompt die Häme seines früheren Bewunderers Friedrich Nietzsche ein. Die entsprechende Szene in der Oper (um mal diese profane Bezeichnung zu wählen) zeigt, wie der zu Beginn recht tumbe Titelheld nach allerlei Irrfahrten am Karfreitag zu den Rittern des Heiligen Grals zurückkehrt und darüber belehrt wird, dass die blühenden Blumen und das Erwachen des Frühlings nicht im Widerspruch zum „Schmerzenstag“ stehen, sondern von „des Sünders Reuetränen“ genährt wurden und ein Symbol der Erlösung sind.

Man muss kein Freund der Oper (oder des „Bühnenweihfestspiels“) sein, um sich von dieser kaum viertelstündigen Stelle faszinieren zu lassen: Wird der „Karfreitagszauber“ doch gern separat, ganz ohne Gesang, aufgeführt. Und beschert dann auch Gegnern dieses wahrlich kritikwürdigen Komponisten Glücksgefühle. Denn wie nach der hymnischen Eröffnung die sanften Stimmen von Flöte, Oboe oder gedämpften Streichern eine frühlingshafte Idylle beschwören, wie zart dieses Orchesterspiel das Aufknospen der Natur und den Gedanken des Trosts widerspiegelt: Das ist mit kaum einer anderen Musik zu vergleichen. Ganz gleich, ob man dahinter eine kunstreligiöse, buddhistische oder doch christliche Haltung erkennt. Oder ob man sie erst am Karsamstag hört.

Dem Ostersonntag hat ein anderer Künstler gehuldigt: Im ersten Teil seines „Faust“ lädt Goethe zum Osterspaziergang ein, der seither als eines seiner berühmtesten Gedichte gilt. Natürlich setzt auch Goethe die Frühlingsbilder ein, vor allem im sprechenden Kontrast zu den Resten des personalisierten Winters mit seinen Rückzugsgefechten: Er sendet nur „ohnmächtige Schauer körnigen Eises ...“ Doch im Mittelpunkt dieser Betrachtung seines Titelhelden steht etwas anderes, nämlich der Mensch, der sich am Feiertag an und in der Frühlingsnatur erfreut.

Das mag, isoliert betrachtet, nicht christlich klingen. Doch zum einen muss man sich vergegenwärtigen, aus welcher Stimmung der alte Gelehrte Faust mit seinem naiven Famulus Wagner (!) in diese Situation kommt: Hat er doch beim Studieren und Geisterbeschwören die Grenzen seines Erkenntnisvermögens erfahren und bereits die Hand zum Gift ausgestreckt, ehe ihn die „frommen Himmelslieder“ der Osternacht von diesem Schritt zurückhalten. Und zum anderen wird er kurz darauf, während er sich noch an einer Bibel-Übersetzung abmüht, zum Spielball jener Wette zwischen Gott und Mephisto, bei der viel später, am Ende des zweiten „Faust“-Teils, dann doch das Gute gewinnt.

Beim Osterspaziergang indes geht es so wunderbar irdisch zu, dass Faust von „des Volkes wahre(m) Himmel“ schwärmt und emphatisch einen dieser Goethe-Sätze ausruft, an dessen Ursprung man beim Zitieren kaum mehr denkt: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“ Kann man die Stimmung eines – wenn auch momentan nur begrenzt möglichen – sorgenfreien Ostertages in Gottes schöner Natur treffender in Worte fassen?

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