«Fake»
Wenn die Trollarmee losmarschiert

In Frank Rudkoffskys Roman «Fake» wird getrollt und beleidigt, was die Tastatur hergibt. Der Autor zeigt, wie leicht es ist, im Internet Entrüstungsstürme auszulösen - und wie schwer das im echten Leben auszuhalten ist.

Dienstag, 12.11.2019, 14:33 Uhr aktualisiert: 12.11.2019, 14:36 Uhr
«Fake», ein Roman von Frank Rudkoffsky.
«Fake», ein Roman von Frank Rudkoffsky. Foto: ---

Leipzig (dpa) - Es ist eine Allerweltsgeschichte, mit der Frank Rudkoffsky seinen Roman «Fake» anfangen lässt.

Die Hauptfigur Sophia ist Mitte 20, beruflich höchst erfolgreich, gerade in Elternzeit. Ihr Sohn Max ist ein Wunschkind. Der Vater, Jan, ist Volontär bei einer Zeitung und arbeitet viel, denn er hofft auf einen festen Job. So weit, so unspektakulär.

Aber Max ist ein Schreibaby. Sophia kriegt wenig Ruhe und steht unter Druck. Sie surft wie alle Eltern auf der Suche nach Rat im Internet. Dabei nimmt das Unheil seinen Lauf. Eine besonders perfekte Über-Mami in einem Forum bringt Sophia auf die Palme - und auf eine Idee: «Ich hatte Lust, Troll zu spielen und den Laden ein bisschen aufzumischen. Der Gedanke gefiel mir. Er gefiel mir sogar richtig gut. Und so fing es an.»

«Fake» ist der zweite Roman des 1980 geborenen Autors Rudkoffsky. Er ist im Independent-Verlag Voland & Quist erschienen. Rudkoffsky ist auch selbst Journalist und Blogger. Man darf also vermuten, dass er die «Fake»-Themen aus eigener Anschauung kennt.

Sophia formiert mit Hilfe zahlreicher Fake-Accounts eine Trollarmee im Internet. Sie kommentiert als «Werner bei Focus», macht mit absurden Kommentaren im Bewertungsportal den Kinderarzt zur Schnecke. «Max schrie vier Stunden am Stück? Ein guter Grund, um Homöopathiefreunde und Impfgegner aufzumischen.» Die entnervte Mutter reagiert sich im Netz ab. «Es war so ein einfach, mit gezielten Provokationen und Tabubrüchen Reaktionen hervorzurufen.»

Rudkoffsky macht ein Phänomen zum Thema seines zweiten Romans, das wohl jeder aus dem Internet kennt. Trolle vergiften dort das Klima und machen die sozialen Netzwerke oft genug zu einem asozialen Ort. Aber dass hinter rechten #Lügenpresse-Kommentaren reihenweise überreizte junge Mütter stecken, würde wohl kaum als Erklärung ausreichen. So simpel ist Rudkoffskys Geschichte auch nicht gestrickt.

Auch Jan, die zweite Hauptfigur, kommt nach einigen Kapiteln zu Wort. Auch er erzählt in der Ich-Form. Er hat naturgemäß eine andere Sicht auf die Dinge, und er hat eigene Probleme, die die junge Familie belasten. Eine Undercover-Reportage bei einer Pegida-Demo in Dresden bringt zwar seine Karriere in Schwung - hetzt ihm aber selbst Trolle auf den Hals. Und wie sauber hat der Journalist Jan Lorenz in Dresden eigentlich gearbeitet?

Rudkoffsky erzählt von einer Gegenwart, in der sich Eltern zwischen Kind und Karriere aufreiben, in der Festanstellungen Luxus und Fessel zugleich sind, in der ein paar Klicks reichen, um eine Aufregungswelle losschwappen zu lassen. Und in der Handlungen im Internet ganz reale Auswirkungen haben können. Als Sophia ihrer Facebook-Figur Rita die Krankheit ALS andichtet, wird sie von der Ice Bucket Challenge kalt erwischt. Ritas Follower sammeln plötzlich Spenden, 11.253 Euro sind schnell zusammen.

«Fake» steuert scheinbar auf eine große Katastrophe zu. Es ist realistisch beschrieben und spannend zu lesen, wie Jan und Sophia sich zusehens verheddern und auf dem heimischen Sofa, jeder vor seinem MacBook, immer sprachloser werden. Am Ende bietet Rudkoffsky eine überraschend positive Auflösung an. Aber kann das Wirklichkeit werden - oder ist es nur der Einstieg in die nächste Luftnummer für Sophia und Jan?

- Frank Rudkoffsky: Fake. Verlag Voland & Quist, Leipzig, 240 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-863912-43-7.

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