Familiengeschichte
Eugen Ruge über den großen Moskauer Terror

Eugen Ruge hat die Kaderakte seiner kommunistischen Großmutter aus den Jahren des schlimmsten Stalin-Terrors in Moskau gefunden. Daraus ist als Fortsetzung seines Bestsellers «In Zeiten des abnehmenden Lichts» ein neuer großartiger Geschichtsroman entstanden.

Dienstag, 12.11.2019, 14:59 Uhr aktualisiert: 12.11.2019, 15:02 Uhr
Der Schriftsteller Eugen Ruge legt nach.
Der Schriftsteller Eugen Ruge legt nach. Foto: Arne Dedert

Hamburg (dpa) - Mit seinem neuen Roman «Metropol» füllt Eugen Ruge acht Jahre nach dem Bestseller «In Zeiten des abnehmenden Lichts» eine Lücke in seiner großen DDR-Familiengeschichte über mehrere Generationen.

Es ist ja auch die eigene Geschichte des Schriftstellers, der 1952 im Ural als Sohn eines deportierten Deutschen zur Welt kam: «Als mein Vater seiner Mutter bei ihrem Wiedersehen 1956 über seine Erfahrungen im stalinistischen Gulag zu berichten begann, hielt Charlotte sich die Ohren zu.» Über eigene Erlebnisse als kommunistischer Flüchtling vor den Nazis im Mahlwerk des sowjetischen Terrors hat sich Ruges Großmutter zeitlebens den Mund zugehalten. Posthum spricht der Enkel sie jetzt zu Beginn dieser fesselnden 400 Seiten über die Jahre 1936 bis 1938 im Moskauer Hotel Metropol an: «Du hast dein Leben lang daran gearbeitet, sie vergessen zu machen, sie zu löschen aus deinem, aus unserem Gedächtnis. Fast ist es dir gelungen.»

Eben nur fast, denn Ruge hat die «Kaderakte» von Charlotte drei Jahrzehnte nach ihrem Tod in einem russischen Staatsarchiv aufgetrieben. Die 246 Seiten mit Denunziationen durch andere, handschriftliche Erklärung dazu und allerlei Amtlichem dienten ihm als Grundlage für einen historischen Roman. Belegt sind die 477 Tage und Nächte der Großmutter und ihres Partners Wilhelm als Bewohner des Hotels Metropol in permanenter Angst, im Zuge der mörderischen Stalinschen Verfolgungsorgien «abgeholt zu werden», entweder zur sofortigen Erschießung oder zur Sklavenarbeit im Gulag. Belegt ist auch die Denunziation durch die Genossin und Mit-Emigrantin Hilde Tal wegen Kontakt zu dem schon als «trotzkistischen Banditen» abgeurteilten, natürlich voll geständigen und hingerichteten KPD-Intellektuellen Alexander Emel. Hilde Tal, von Wilhelm ein paar Jahre vorher für Charlotte verlassen, hat wie alle Angst, abgeholt zu werden. Die Denunziation wird ihr wenig helfen.

Als so gut wie alle Weggefährten aus der Zeit als Agenten für den Nachrichtendienst OMS der Komintern nach und nach aus dem Metropol «abgeholt» sind, schlafen Charlotte und Wilhelm nur noch angezogen. Die Häscher kommen immer nachts, also ist man besser bereit. Obwohl von Beginn an klar ist, dass beide überleben, erzeugt der dramaturgisch clevere Erzähler Ruge eine sich mitunter fast pervers anfühlende Hochspannung, wann und wie es in diesem Irrsinn aus Angst, Verfolgung und fast sicherer Vernichtung die beiden Hauptpersonen erwischen wird. Oder vielleicht einen von ihnen?

Der Autor legt im Epilog offen, wie er an seine historischen Quellen gekommen ist und sie verarbeitet hat. So faktengetreu wie möglich, aber natürlich, so schreibt er, «ist dieses Buch trotz aller Faktizität eine Erfindung». Weil sich der Enkel vorgestellt hat und als Romanautor erzählt, was seine Großmutter gedacht und empfunden haben könnte in dieser Zeit. Charlottes von ihm erdachte Perspektive ist die wichtigste im Buch und richtet den Blick auch auf ihr kompliziertes Verhältnis zum nur bedingt geliebten Partner Wilhelm, anderweitige sexuelle Interessen und auf ihre nicht weniger kompliziertes Verhältnis zu den auf eigene Rechnung in Moskau ums Überleben kämpfenden Söhnen Werner und Kurt (Eugen Ruges Vater).

Wechselweise wird die Geschichte auch durch die Brille Hilde Tals und aus der Sicht des Obersten Militärrichters Wassili Ulrich erzählt. Der machtvolle Handlanger Stalins bringt es am Tag auf einige hundert Todesurteile ohne den geringsten Grund. Ulrich logierte, auch das verbürgt, im Hotel Metropol zwei Etagen unter Charlotte und Wilhelm. Ruge versetzt sich auch in das Innere dieses zugleich abstoßenden und lächerlichen Mannes, wenn er ihn Sex von der verzweifelten Frau eines von ihm Verurteilten verlangen lässt, den er dann nicht zustande bringt.

Auch für den Täter gilt als potenzielles Opfer dasselbe wie für die Hauptpersonen in diesem herausragenden Geschichtsroman: «Jeder konnte denunziert werden. Jeder war in Gefahr. Und ebenso konnte jemand grundlos verschont bleiben.» Die mit jeder Seite drängendere Frage, warum Charlotte und Wilhelm trotz alledem bis ans Lebensende gläubig blieben, lässt Ruge bewusst offen und nur ein paar Mal «die Ratte des Zweifels» durch ihr Zimmer im Metropol huschen.

- Eugen Ruge: Metropol, Roman, Rowohlt Verlag, Hamburg, 432 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-498-00123-0.

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