Konkrete Poesie
Er hat das «Eu-Gen»: Eugen Gomringer wird 95

Als Anfänger sandte er seine Gedichte an Hermann Hesse. Und erhielt die Antwort: «Da lebt etwas, das von weit her kommt.» Heute zählt Eugen Gomringer zu den wichtigsten Lyrikern unserer Zeit.

Montag, 20.01.2020, 00:01 Uhr aktualisiert: 20.01.2020, 15:08 Uhr
Eugen Gomringer in seinem Arbeitszimmer in Rehau.
Eugen Gomringer in seinem Arbeitszimmer in Rehau. Foto: Nicolas Armer

Rehau (dpa) - Die Schrankwand quillt über mit Poesie von Eugen Gomringer. Unzählige Lyrikbände, Manuskripte und Gedichtheftchen. Nebeneinander, selbst übereinander. «Ein kreatives Chaos», entschuldigt sich der Schriftsteller.

Für seine konkrete Poesie braucht er sonst nur eine minimale Anzahl an Wörtern in klarer grafischer Anordnung. «Aber in 95 Jahren sammelt sich eben einiges an.»

Und so dauert es auch mehrere Stunden, wenn Eugen Gomringer anlässlich seines Geburtstags am Montag (20. Januar) seine Lebensgeschichte erzählt. «Mein Vater war ein Kaufmann…», setzt er an und muss plötzlich lachen. «So hat Goethe auch mal einen Satz angefangen.» In dessen Trauerspiel «Stella». «Ich kann auch nicht anders», meint er glucksend und fährt fort.

Sein Vater sei - wie so viele in der Zeit - aus der Schweiz ausgewandert, in Bolivien habe er dann eine Frau kennengelernt. «Sie hatten Gefallen aneinander und haben Gene ausgetauscht. Das Eu-Gen wurde ich dann», sagt Eugen Gomringer. Er muss schon wieder lachen. Nur drei Jahre blieb er bei seiner Familie in Bolivien, dann wuchs er bei den Großeltern in der Schweiz auf. «Der guten Ordnung wegen», meint Gomringer. «Das war der älteste Sohn, der sollte europäische Bildung genießen», erklärt seine Ehefrau Nortrud Gomringer.

Ein großes Glück, wie der Schriftsteller findet. Überhaupt habe er viel Glück in seinem Leben gehabt. Sogar seine Zeit als Offizier bei der Schweizer Armee mit Beginn des Zweiten Weltkriegs zähle dazu. «Ich hatte immer schon Freude an der Disziplin. An mir selbst, aber auch an der verordneten Disziplin.» Nur beim Studium fehlte ihm diese Disziplin. Er schrieb sich erst für Nationalökonomie in Bern ein, dann für Kunst- und Literaturgeschichte. «Ich habe immer noch nichts abgeschlossen», sagt er mit Grinsen im Gesicht.

Doch in der Zeit habe er seine ersten Gedichte geschrieben, die er kurzerhand Hermann Hesse schickte. «Ich kannte ihn natürlich, aber nicht persönlich», meint Gomringer und schüttelt rückblickend selbst den Kopf. «Ich war nur ein Junge, der sich an den ganz großen Dichter gewandt hat.» Doch Hesse habe ihm geantwortet, immerhin ein Satz: «Da lebt etwas, das von weit her kommt.»

Zur gleichen Zeit lernte er auch den Schweizer Architekten und Künstler Max Bill kennen. Es war die Zürcher Schule der Konkreten, die ihn zu seiner konkreten Poesie inspirierten, vermutet Gomringer. So genau wisse er das selbst nicht mehr. «Ich habe mir gedacht: Man müsste doch auch mit Worten so einfache Werke schaffen können.» Konkrete Kunst sei für ihn damals das ästhetische Kapitel einer neuen literarischen Weltbewegung gewesen.

Sein erster Gedichtband erschien 1953. «konstellationen constellations constelaciones», kurz nach dem Krieg bewusst dreisprachig. Ein großformatiges Buch mit edlem Papier. «Das war so anders als die Büchlein aus Löschpapier zu der Zeit. Eben schweizerisch», meint der Schriftsteller. «Wir haben schon gedacht, dass wir etwas in die Welt setzen.» Gomringer zieht das Buch aus seiner Schrankwand und streicht über den Einband. Gleich auf der ersten Seite sein bekanntestes Gedicht: «avenidas».

Das spanische Gedicht prangte jahrelang an der Südfassade einer Berliner Hochschule, bis Studentinnen die Zeilen als diskriminierend auffassten. Denn im letzten Satz heißt es übersetzt: «Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer». Damit würden Frauen, so die Kritikerinnen, zum Objekt männlicher Bewunderung degradiert. «Das war ganz schrecklich», sagt Nortrud Gomringer rückblickend. Noch immer zittert ihre Stimme, wenn sie davon erzählt. «Jeden Tag hatte ich Angst den Computer hochzufahren». Mehr als 50 Anfragen täglich, zu viel für die 78-Jährige. Bis heute habe sie sich nicht davon erholt.

Ihr 95-jähriger Ehemann blickt beim Erzählen nur manchmal irritiert durch seine Brillengläser. Erst seit drei Wochen habe er die Sehhilfe. «Eugen Gomringer mit Brille - das ist etwas ganz Neues», sagt er fast schon empört. Dabei sei er doch für seinen guten Augen bekannt, ebenso wie für sein Gespür für Kunst.

So holte ihn damals Max Bill als Sekretär an die Hochschule für Gestaltung nach Ulm. «In Ulm habe ich die großen Leute kennengelernt», sagt der Schriftsteller. Den Gründer des Bauhauses, Walter Gropius, zum Beispiel. Es war schließlich Max Frisch, auf dessen Empfehlung der «Spracharbeiter» - wie ihn Frisch bezeichnete - nach Ascona ging. Zum Entziffern von Joseph Haydns Kompositionen.

Ab den 60er Jahren führte Eugen Gomringer «Parallelleben», wie er selbst sagt. Erst als Propagandachef der Schweizer Schmirgel- und Schleifindustrie und als Geschäftsführer des Schweizer Werkbundes. Später als Kulturbeauftragter des Porzellan-Herstellers Rosenthal, Professor an der Kunstakademie Düsseldorf und Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. «Ich bin viel Auto gefahren. Beim Autokauf habe ich gefragt: Können Sie mir garantieren, dass der Wagen dauerhaft 180 fährt?», erzählt Gomringer. Er führte ein Leben auf der Überholspur, zwischen seiner Wahlheimat im oberfränkischen Rehau und dem Rheinland, zwischen Familie und Kunst.

Über eine Examensarbeit zur experimentellen Lyrik in der Hauptschule lernte er seine Ehefrau Nortrud kennen. Aus dem Briefwechsel entsteht eine Patchwork-Familie mit sieben Söhnen und der gemeinsamen Tochter Nora Gomringer. «Schneewittchen und die sieben Zwerge», meint Nortrud Gomringer. «Oder die sieben Raben», wirft der Schriftsteller ein. Das Ehepaar veröffentlicht zusammen Gedichtbände und organisiert jährlich sechs Ausstellungen in der Galerie ein Stockwerk unterhalb ihrer Wohnung. «Meine Honorare hängen an den Wänden», sagt Gomringer. Konkrete Kunst schmückt das ganze Haus, kein Fleck bleibt weiß. Alles Geschenke für Vorträge oder Kataloge.

Eugen Gomringer schreibt seit einer Reise entlang des Rheins, ein Geschenk seiner Frau vor mehr als zehn Jahren, nur noch Sonette. «ein dank für nortrud» hieß das erste Sonett, mehr als 100 hat er seitdem geschrieben. Immer noch auf seiner Schreibmaschine, ausschließlich in Kleinbuchstaben. Warum keine konkrete Poesie mehr? «Die wichtigsten Beispiele habe ich geleistet», sagt Gomringer und zuckt mit den Schultern. «Ich habe mich weiterentwickelt, da kommt Welt hinzu.» Sein neues Buch heißt deshalb auch «welt im sonett». Eine Biografie in metrischer Versform, für die Eugen Gomringer aber erst noch einen Platz in seiner Schrankwand finden muss.

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