Braune Tierliebe
Blondi und Muschel: «Tiere im Nationalsozialismus»

Treue Hunde, «jüdische» Katzen und schädliche Schmarotzer. Für die Nazis waren auch die Tiere Teil ihrer kruden Ideologie.

Dienstag, 05.05.2020, 13:06 Uhr aktualisiert: 05.05.2020, 13:08 Uhr
«Tiere im Nationalsozialismus»: treue Hunde, «jüdische» Katzen und schädliche Schmarotzer. Für die Nazis waren auch die Tiere Teil ihrer kruden Ideologie.
«Tiere im Nationalsozialismus»: treue Hunde, «jüdische» Katzen und schädliche Schmarotzer. Für die Nazis waren auch die Tiere Teil ihrer kruden Ideologie. Foto: --

Berlin (dpa) - Hitler liebte bekanntlich Deutsche Schäferhunde. Angeblich soll er im Laufe seines Lebens 13 Hunde dieser Rasse besessen habe.

Die Hündin Blondi ging sogar in die Geschichte ein. Sie genoss Privilegien besonderer Art, durfte etwa als eines von wenigen Lebewesen in der Limousine des Diktators mitfahren. Außerdem diente sie zu Propagandazwecken. In der «Wochenschau» zeigte sich Hitler oft mit ihr im Spiel und machte mit ihr Kunststückchen. Diese Inszenierungen sollten den «Führer» seinem Volk näher bringen. Als das Nazireich unterging, musste auch Blondi sterben, sie wurde im Führerbunker vergiftet.

Hunde standen allgemein hoch im Kurs bei den Nationalsozialisten. Sie galten als treu und gehorsam, ließen sich wie Soldaten gut drillen - und bisweilen auch zu Bestien abrichten. In den meisten Konzentrationslagern kamen große bissige Hunde zum Einsatz, um die Häftlinge zu terrorisieren. Manche Tiere erlangten traurige Berühmtheit wie etwa der Bernhardiner-Mischling Barry, der im Lager Treblinka auf Befehl des Kommandanten Menschen zerfleischte. Solche «Herrentiere» wurden von den Nationalsozialisten weitaus besser behandelt, verpflegt und höher geachtet als sogenannte «Untermenschen», zu denen sie Juden und russische Kriegsgefangene zählten.

Man meint ja, über den Nationalsozialismus sei schon fast alles erforscht und veröffentlicht worden. Doch der Publizist Jan Mohnhaupt hat mit dem Thema «Tiere im Nationalsozialismus» ein noch wenig beackertes Feld aufgetan. Das ist erstaunlich, da sich die Nazis als Vorreiter des Tierschutzes sahen und Tiere in ihrer Selbstvermarktung eine so große Rolle spielten. Mohnhaupt zeigt nun, dass es mit der braunen Tierliebe in Wahrheit nicht so weit her war, vielmehr standen Nützlichkeitserwägungen, aber auch ideologische Motive im Vordergrund.

Die Kategorisierung in «wertvoll» und «unwert», die die Nazis auf Menschen anwandten, galt durchaus auch für Tiere. Die bizarre Ideologie der Nationalsozialisten zeigte sich etwa an den Katzen, in denen sie «jüdische Tiere» sahen, weil sie ursprünglich aus Wüstenregionen stammten. Katzen passten ihnen auch schon deshalb nicht so recht ins Konzept, weil sie im Gegensatz zu Hunden eigensinnige und wenig anhängliche Tiere sind. Befehl und Gehorsam funktionieren bei ihnen nicht.

Eine der tragischsten Geschichten in dem Buch handelt von Kater Muschel. Er gab dem total isoliert lebenden jüdischen Philologen Victor Klemperer («Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten») und seiner Frau Eva noch ein wenig Freude in schwerer Zeit. Doch dann verfügten die Behörden grausamerweise, dass Muschel abgegeben werden müsste. Juden durften keine Haustiere mehr besitzen. Da die Klemperers ihn keiner anderen Person überlassen durften, ließen sie ihn schweren Herzens einschläfern. Nun waren sie noch einsamer.

Doch Mohnhaupt erzählt nicht nur von Haustieren im Nationalsozialismus. Es geht auch um Insekten, Nutz- und Raubtiere. Millionen Schulkinder wurden dazu angeleitet, Seidenraupen zu züchten, als Teil von Kriegsvorbereitungen. Aus der Seide sollten Fallschirme entstehen. Ganz nebenbei bekamen die Kinder dabei eingetrichtert, wie sie Nützlinge von Parasiten und Schädlingen unterscheiden konnten, was man praktischerweise gleich auf den Menschen übertragen konnte. Schweine wiederum wurden allein für die Verwertung gezüchtet. Das «Fettrüsten» in der Schweinemast lief auf Hochtouren.

Am meisten verehrten die Nationalsozialisten Raubtiere, denn sie passten gut zu ihrem herrischen Anspruch. Es ist bekannt, dass Hitler sich im vertrauten Kreis gerne «Wolf» nennen ließ, auch seine männlichen Schäferhunde hießen so. Seine NS-Jugend wünschte er sich wie das «freie, wilde Raubtier». Der exzentrische Hermann Göring, seines Zeichens «Reichsjägermeister», hielt sich zu Hause sogar echte wilde Tiere. Auf Fotos zeigte sich der «fanatische Tierfreund» gern mit einem Löwenbaby auf dem Sofa.

Das Dritte Reich ist längst Geschichte, doch der Deutsche Schäferhund wird immer noch mit ihm in Verbindung gebracht. Und auch der Wolf gilt bis heute als Symboltier der Rechten. So nannte sich eine bekannte rechtsextreme türkische Gruppierung «Graue Wölfe».

- Jan Mohnhaupt: Tiere im Nationalsozialismus, Hanser Verlag, München, 288 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-446-26404-5.

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