«Ewiger Partisan»
Neue Biografie zeigt schillernden Marschall Tito

Er war Kommunist und Widerstandskämpfer gegen den Hitler-Faschismus und schuf das sozialistische Jugoslawien. Im Porträt der Münchner Historikerin Marie-Janine Calic erscheint Josip Broz Tito als charismatischer Feldherr und Autokrat mit menschlichen Schwächen.

Dienstag, 06.10.2020, 15:31 Uhr aktualisiert: 06.10.2020, 15:34 Uhr
Der ehemalige jugoslawische Staatspräsident Josip Broz Tito (1973).
Der ehemalige jugoslawische Staatspräsident Josip Broz Tito (1973). Foto: Heinrich Sanden

München (dpa) - Als Josip Broz Tito, Jugoslawiens Präsident auf Lebenszeit, am 4. Mai 1980 im Universitätsklinikum von Ljubljana (heute Slowenien) im Alter von 87 Jahren starb, stand das ganze Land still. Bestürzung, Fassungslosigkeit und Trauer ergriffen die Menschen.

Der Übervater des sozialistischen Vielvölkerstaates war tot. Eine Ära ging zu Ende. 

Aus der Distanz von 40 Jahren legt nun die Münchner Südosteuropa-Historikerin Marie-Janine Calic mit «Tito. Der ewige Partisan» eine lesenswerte und spannende Biografie dieses schillernden Ausnahmeherrschers vor. Auf knapp 400 Seiten erschließt sich eine komplexe, durchaus flexible politische Persönlichkeit, aber auch – so Calic – «ein typisches Geschöpf des Zeitalters der Extreme, das er persönlich erlebt, erlitten und gestaltet hat». Denn selbst in seinen «liberalsten» Phasen war Tito kein Demokrat im westlichen Sinne. So ließ er am Ende des Zweiten Weltkriegs seine Partisanen grausame Vergeltung an Zehntausenden Unschuldigen üben. 

Unbestrittenes Verdienst Titos ist es, dass er nach dem Überfall Hitlers auf das Königreich Jugoslawien im April 1941 die Partisanenarmee aufbaute und gegen eine schier unüberwindliche Übermacht zum Sieg führte. Mehrfach wurden die Partisanen fast aufgerieben, ihr Anführer wurde verwundet, entkam dem Tod im Felde nur knapp. «Tito war der einzige Oberkommandierende der Anti-Hitler-Koalition», stellt Calic fest, «der sich permanent im Kampfgebiet aufhielt.» Sein «unerschütterliches Vertrauen in die Wirkungsmacht des eigenen Handelns», sein organisatorisches Geschick strahlten auf die Partisanen aus und motivierten sie. Noch mitten im Volksbefreiungskampf formulierten Tito und seine Mitstreiter die Grundzüge des neuen Jugoslawiens: die einer Föderation von gleichberechtigten Völkern.  

Tito hatte Charme, vermochte, wie Calic schreibt, «mit seiner Direktheit (...) Menschen ganz unterschiedlicher sozialer Herkunft  und Stellung für sich einzunehmen». Als Kommunist brach er mit dem sowjetischen Diktator Stalin, von dem er sich nicht gängeln lassen wollte. Er begründete die Bewegung der Blockfreien Staaten, die im Kalten Krieg einen «Dritten Weg» zwischen den atomaren Supermächten USA und Sowjetunion suchte. Die Bundesrepublik Deutschland war ihm wohl näher als die DDR. Die Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt gewannen Vertrauen zu ihm. In ihm sahen sie einen wichtigen Partner für ihre neue, auf Entspannung ausgerichtete Ostpolitik. Bei der Beschreibung dieses besonderen Verhältnisses stützt sich die Autorin auf akribische eigene Nachforschungen im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes.

Titos persönliche Eitelkeit, seine Schwäche für bombastische Inszenierungen, sein Faible für Luxus und Glamour, der allgegenwärtige Kult um seine Person kommen in diesem Buch nicht zu kurz. Dennoch waren Bestürzung und Trauer der Jugoslawen nach seinem Tod echt. Sein Vermächtnis, sein Jugoslawien, überlebte ihn jedoch nur zehn Jahre. Calic bleibt da etwas an der Oberfläche, wenn sie schlussfolgert: «Als Slowenien und Kroatien am 25. Juni 1991 unilateral ihre Unabhängigkeit erklärten, versank Jugoslawien in einem blutigen Bürgerkrieg. Damit war Titos Lebensprojekt gescheitert.»

Nicht die Unabhängigkeitserklärungen der jugoslawischen Nordrepubliken waren der Sargnagel des nach-titoistischen Jugoslawiens. Wie die Autorin an anderer Stelle zutreffend feststellt, war Tito als abgeklärter, gütiger, quasi monarchischer Kommunist schon zu Lebzeiten «aus der Zeit gefallen». Eine Demokratisierung, die über den föderalisierten Ein-Parteien-Staat der repressiven Toleranz hinausgegangen wäre, erschien ihm denkunmöglich. In Serbien ergriff der Nationalkommunist Slobodan Milosevic in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre die Macht. Das Projekt «Groß-Serbien» – der Anschluss serbisch bewohnter Gebiete in Kroatien und Bosnien an Serbien – nahm seinen Lauf. Als Reaktion darauf erfuhren die Nationalisten in den anderen Teilrepubliken starken Auftrieb. Bei den ersten freien Wahlen 1989/90 siegten überall Nationalisten. Titos Erbe war für sie Makulatur.

- Marie-Janine Calic: Tito. Der ewige Partisan. Eine Biographie, Verlag C.H. Beck, München, 387 Seiten, 29,95 Euro, ISBN 978-3-406-75548-4.

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