«Es werde Licht»
Thomas Hengelbrock wagt erstes Chorkonzert seit Corona

Die Corona-Pandemie hat die klassische Musik ausgebremst und vor allem freie Musiker in Existenznot gebracht. In Dortmund findet jetzt erstmals wieder ein großes Chorkonzert statt. Das treibt auch Profis die Tränen in die Augen.

Mittwoch, 02.09.2020, 13:59 Uhr aktualisiert: 02.09.2020, 14:03 Uhr
Thomas Hengelbrock, Dirigent des Balthasar-Neumann-Ensembles, probt für das erste große Chorkonzert seit Beginn der Corona-Pandemie, Haydns «Schöpfung».
Thomas Hengelbrock, Dirigent des Balthasar-Neumann-Ensembles, probt für das erste große Chorkonzert seit Beginn der Corona-Pandemie, Haydns «Schöpfung». Foto: Roland Weihrauch

Dortmund (dpa) - Der Klarinettist Florian Schüle hat schon drei mehr oder weniger schmerzhafte Corona-Abstriche hinter sich, in seinem Hotel in Dortmund muss er zwei Meter Abstand von Kollegen und anderen Gästen halten, das Frühstück bekommt der Musiker in einer Tüte vors Zimmer gelegt.

Strikte Hygieneauflagen für das bundesweit wohl erste große Chorkonzert seit Beginn der Corona-Pandemie, für das Schüle mit dem renommierten Balthasar-Neumann-Ensemble unter Dirigent Thomas Hengelbrock gerade probt. Am Donnerstag führen die rund 90 Musiker im Dortmunder Konzerthaus mit Chor und Orchester das Oratorium «Die Schöpfung» von Joseph Haydn (1732-1809) auf. «Ich könnte die ganze Zeit heulen, das ist so ein Befreiungsschlag», sagt der 44-jährige aus Pforzheim.

Seit März dieses Jahres können professionelle Chöre wegen der gefährlichen Aerosol-Wolken beim Singen nicht mehr auftreten, für Orchestermusiker gelten strenge Abstandsregeln auf der Bühne und - wenn überhaupt - stark reduzierte Besetzungen. Der gewohnte Orchesterklang ist damit unmöglich, und freiberuflichen Musikern haben die Vorgaben teils sechs Monate ohne Einnahmen und existenzielle Einschränkungen gebracht. «Klar, wir leben von den Ersparnissen», sagt etwa die Neumann-Chor-Sopranistin Dorothee Wohlgemuth - vor allem, wenn - wie bei ihr - auch der Mann Musiker ist.

«Ich kenne Künstler, die derzeit nebenbei im Call-Center arbeiten», sagt der Dortmunder Intendant Raphael von Hoensbroech. Für professionelle Chorsänger gelte de facto derzeit ein Berufsverbot, das nicht nur ihre Finanzen, sondern ihre gesamte künstlerische Existenz angreife.

Um dagegen ein Zeichen zu setzen, hat von Hoensbroech sein Haus geöffnet für Hengelbrocks Ensemble und dessen besonderes Corona-Konzertkonzept, das mit Unterstützung aus der Berliner Charité entwickelt wurde und sich an der Praxis des Profi-Fußballs orientiert: drei bis vier Abstriche für jeden Musiker, strenge Separierung im Hotel, vier Meter Mindestabstand zum Publikum - dafür aber keine Sicherheitsabstände auf der Bühne mehr, da alle Musiker immer wieder getestet werden.

Aufgrund der vielen Tests sei alles sicher, versichert Hengelbrock. «Wir sind keine Hasardeure.» Und ohne zwei Meter Abstand auf der Bühne klängen etwa die Bläsergruppen endlich wieder wie vom Komponisten gedacht, sagt der Musiker, der 2017 das Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie dirigiert hatte. «Wir müssen die Welt, die derzeit so zerborsten scheint, mit unserer Musik heilen.» Musiker dürften nicht in der Hoffnungslosigkeit versinken angesichts einer möglicherweise noch langen Pandemie. Mit dem Konzert wolle er auch anderen Chören Mut machen und ein Beispiel geben, sagt Hengelbrock.

Denn die Corona-Krise der klassischen Musik wirkt sich bundesweit aus: Die rund 9500 fest angestellten Musiker der 129 Berufsorchester in Deutschland seien in der Krise auch durch Kurzarbeitergeld noch relativ gut abgesichert, sagt der Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung, Gerald Mertens. Aber Orchester in freier Trägerschaft könnten mangels ausreichender Zuhörerzahlen derzeit kaum spielen. Die Berufsvereinigung kritisiert vor allem strikte Obergrenzen - egal wie groß das Haus ist. Sie hält mit Abstand und Maske die Nutzung mindestens jedes zweiten Platzes für möglich.

Das Dortmunder Konzerthaus bietet am Donnerstag 790 von 1550 Plätzen an, die Warteliste für Karten ist lang - und dennoch wird das Konzert ein fünfstelliges Defizit erwirtschaften, sagt Intendant von Hoensbroech. Die Musiker verzichteten auf einen Teil des Honorars, ein Sponsor springe ein, und die Kosten für die zahlreichen Coronatests übernehme ein weiterer Unterstützer.

Haydns 1798 in Wien uraufgeführte «Schöpfung» sei wie geschaffen für den Versuch, mit einem Kunstwerk die Dunkelheit der Zeit bei Musikern und Publikum zu überwinden, sagt der Intendant: «Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht!» heißt es in der bekannten Anfangspassage des Chors - dann folgt der triumphale Einsatz des Orchesters im Fortissimo mit Gänsehautgarantie, der das Chaos der Vorzeit überwindet. «Endlich bekommen wir unser Lebenselixier zurück», sagt Sopranistin Wohlgemuth.

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