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Tatort: Treibjagd

Selbstjustiz von Wutbürgern ist Thema beim «Tatort: Treibjagd». Wotan Wilke Möhring alias Bundespolizist Falke bekommt es mit einer jungen Einbrecherin und nur scheinbar biederen Vorortbewohnern zu tun. Das wirkt zwar stark überzeichnet, gerät aber trotzdem spannend.

Sonntag, 18.11.2018, 00:01 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 18.11.2018, 00:01 Uhr
Kommissar Thorsten Falke (l) ist erleichtert, dass es seinem Sohn Torben (Levin Liam) gut geht.
Kommissar Thorsten Falke (l) ist erleichtert, dass es seinem Sohn Torben (Levin Liam) gut geht. Foto: Sandra Hoever

Hamburg/Berlin (dpa) - «Internet ist was für Spacken», schnaubt Hauptkommissar Falke mit Blick auf die sozialen Medien. Dass an der groben Einschätzung des bodenständigen Hamburger Bundespolizisten (Wotan Wilke Möhring) einiges dran ist, zeigen zumindest die Ermittlungen im neuen Fall drastisch.

Die Episode «Treibjagd» des norddeutschen «Tatort» an diesem Sonntag (20.15 Uhr) im Ersten führt aufgewühlte Bürger vor, die sich - unzufrieden mit ihrer Polizei - im selbst geführten Kampf gegen überhand nehmende Einbrüche in ihrer Wohngegend über ein digitales «Nachbarschaftsforum» zu immer aggressiveren Worten und Handlungen anstacheln. Mit tödlichen Folgen für Räuber und Beraubte.

Und auch die Polizei bekommt zahlreiche Shit-Stürme an den Hals. Sogar ein Foto von Falkes Wohnung und Posts seines Sohns Torben (Levin Liam) tauchen bald im Forum auf - woraufhin der junge Mann vor der Haustür von einem der Wutbürger krankenhausreif geschlagen wird. Tatsächlich ist es starker Tobak, den die Regisseurin Samira Radsi (50, «Tatort»-Episode «Schlangengrube») den Fernsehzuschauern nach dem Drehbuch von Benjamin Hessler und Florian Oeller da ins Wohnzimmer liefert. Ausgehend von realen gesellschaftlichen Zuständen wie sich häufenden Einbruchserien, Bandenkriminalität und Wutbürgern, die Gesetz und Recht am liebsten in die eigenen Hände nehmen, spitzt die Produktion das Geschehen eher oberflächlich bis zum Grad des Unglaubwürdigen zu.

Spannend gerät der Krimi allerdings schon - etwa wenn Polizei und blutrünstige Vorortbewohner sich im Wald nahe einer Autobahn ein Rennen bei der Suche nach der bei einem Einbruch schwer verletzten Täterin Maja (Michelle Barthel) liefern. Die junge Frau, eine zu einem Clan gehörende Osteuropäerin, wird dabei ebenfalls von einer Menge Wut im Bauch angetrieben - gegen den Mörder ihres Geliebten nämlich. Ausgangspunkt der Geschichte ist der nächtliche Einstieg des Pärchens Maja und Kolya (Tilman Pörzgen) in das schlichte Eigenheim von Dieter Kranzbühler (Jörg Pose) am Rand der Hansestadt. Der Hausbesitzer erschießt Kolya - aber nicht aus Notwehr. Denn der Einbrecher hatte gar keine Waffe dabei. Die legt ihm Kranzbühler später in die Hand.

«Das war die Gelegenheit, auf die wir in der Siedlung immer gewartet haben», gesteht der labil wirkende Täter seinem Bruder Bernd (Andreas Lust), der zu den Rädelsführern der Nachbarschaftshilfe gehört. Ein zweiter Schuss, den Kranzbühler abgibt, streift Kolyas Gefährtin, die entkommen kann. Als einzige Zeugin des Mords steht sie nun jedoch in akuter Todesgefahr. Falke und Weisz, die Ermittler, gehören diesmal zu einer eigens eingerichteten «Sonderkommission», die selbst Thorsten Falke für eine «PR-Maßnahme» der nicht immer optimal agierenden Polizei hält. Der kernige Hauptkommissar, der den Mehrfachtäter Kolya kurz zuvor wegen eines anderen Bruchs in Gewahrsam nehmen wollte, dann aber hat laufen lassen, scheint bei den Untersuchungen zunächst das Heft in der Hand zu haben. Allerdings machen bei seinen impulsiv geführten Verhören die Verdächtigen oft dicht.

Daher kommt es, dass Julia Grosz, die ja einmal traumatisiert und verschlossen von einem Afghanistan-Einsatz zurückgekehrt war, mehr und mehr ihre einfühlsame Seite entfalten darf. Und somit für die Lösung des Falls wesentlich mehr erreicht. Anscheinend aber auch für das ursprünglich von ihrer Seite betont sachlich gehaltene Verhältnis zum Kollegen Falke. So bilden denn warmherzige Momente im Privatleben des Hauptkommissars, zu dem sein mit Selbstfindungsproblemen kämpfender Sohn und langer Abwesenheit wieder sein geliebter Kater Elliot gehören, ein Gegengewicht zur Horrorstory um Großstadtkriminalität und entgleisende Wutbürger. Am Ende ihres fünften gemeinsamen Falls meint der Zuschauer gar, dass sich zwischen Falke und Grosz ein noch engeres Verhältnis anbahnen könnte.

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