70. Geburtstag
Iris Berben: Ich bin furchtloser geworden

Iris Berben wird 70. Im Fernsehen gibt es aus diesem Anlass gleich zwei Filme. Ein Gespräch über ihre neuen Rollen, ihr Leben und ihren Terrier Paul.

Freitag, 07.08.2020, 07:44 Uhr aktualisiert: 07.08.2020, 07:46 Uhr
Die Geburtstagsfeier fällt aus, Iris Berben arbeitet.
Die Geburtstagsfeier fällt aus, Iris Berben arbeitet. Foto: Jens Kalaene

Berlin (dpa) - Iris Berben wird 70 Jahre alt. Zu ihrem Geburtstag am 12. August laufen gleich zwei neue TV-Filme zur besten Sendezeit mit ihr in der Hauptrolle: «Mein Altweibersommer» (ARD), ein leiser Film über eine Ehe, die Sehnsucht und das Älterwerden, und der Thriller «Nicht tot zu kriegen», in dem Berben eine in die Jahre gekommene Schauspiel-Diva spielt.

Beim dpa-Interview in Berlin geht es um die beiden Filme, das Dauerthema Alter, ihren Terrier Paul und wofür man heute auf die Straße gehen sollte.

Frage: Was waren die Momente bei diesen beiden Filmen, dass Sie gesagt haben: Ja, die möchte ich machen?

Antwort: Bei «Mein Altweibersommer» gab es den Moment sehr früh, weil ich mit der Autorin schon «Hanne» gemacht habe. Das war ein Film, der für mich eine besondere Zäsur war: einer Frauenfigur Platz zu geben, sie mit einer extremen Krankheit agieren zu lassen und trotzdem keinen Film zu machen, der schwer wird, sondern obwohl es um Leben und Tod geht, mit Leichtigkeit erzählt wird. Als das neue Angebot kam, musste ich nur das Treatment (den Entwurf) lesen, um die Qualität dieses Buches zu erkennen.

Frage: Wie war das Bärenkostüm in dem Film?

Antwort: Schwer und sehr warm. Bei den vielen Rennereien habe ich dann gemerkt, dass ich vielleicht Sport machen sollte. Der Film war eine schöne Herausforderung. Beate Langmaack kann schreiben, was sie will: Ich finde sie so präzise und fein, und sie hat einen wunderbaren Humor.

Frage: Was hat Ihnen an «Nicht tot zu kriegen» gefallen?

Antwort: Mit Nina Grosse habe ich «Die Protokollantin» gedreht. Was uns da gelungen ist, bei einem ganz anderen Genre: eine Frau in einer Männerdomäne zu besetzen, die nicht 30 ist, sondern 65, und eine starke Geschichte zu erzählen. Und jetzt eine neue Herausforderung: eine alternde Diva, die in ihrer Zeit verhaftet ist, keinen Erfolg mehr hat und zu allem Übel gestalkt wird.

Frage: Gibt es diese Seite an Ihnen, die wie die Filmfigur melancholisch beim Rosé sitzt, sich alte Filme ansieht?

Antwort: Ja, aber bestimmt nicht, wenn ich vor einem alten Film sitze. Ich musste mich für den Film damit beschäftigen, Fotos und Filme zu sichten. Natürlich bleibt man da mal hängen und denkt: Hat man eigentlich noch diese Rotzigkeit wie mit 20? Dieses Gefühl, mir gehört sowieso die Welt. Es war eine tolle Zeit. Es gibt auch Melancholie. Ich reflektiere aber schon immer über das, was ich mache, über das Leben. Ich brauchte Corona nicht, um den Status quo unserer Welt zu betrachten. Wir sehen ihn im Moment jedoch wie durch ein Brennglas.

Wir leben in einer anderen Zeit. Wir werden auch medial anders beobachtet. Man wird vorsichtiger, was schade ist. Ich finde es wichtig, dass man seine Peinlichkeit und Unsicherheit zulässt.

Frage: Sie werden im August 70. Das Thema Alter wird so oft bei Ihnen angesprochen, dass ein Magazin-Beitrag mal nur aus Interview-Fragen zu Ihrem Alter bestand.

Antwort: Super, oder? Andere nehmen so viel mehr an meinem Alter Anteil als ich selbst. Ich lebe einfach von einem Tag zum nächsten.

Frage: Ist die Öffentlichkeit gerechter geworden, was Männer und Frauen angeht?

Antwort: Sie ist sicherlich gerechter geworden, aber sie ist noch nicht gerecht. Man merkt, dass man die Ausnahme ist: dass man jenseits der 40 Filme in einer Hauptrolle tragen kann. Das ist immer noch nicht die Norm. Und wir reden nicht darüber, dass wir noch keine gleiche Bezahlung haben. Wir reden auch nicht davon, dass wir nicht die Möglichkeit haben, den Beruf auszuüben und gleichzeitig eine Familie zu gründen. Es gibt viele Baustellen, an denen wir noch arbeiten müssen. Aber es hat sich ein Fenster geöffnet für Frauenfiguren, denen man Platz einräumt, die komplexer sind.

Frage: Was war Ihr größtes Glück?

Antwort: Ist es nicht ein Glück, dass man so empfinden kann, wie man empfindet? Dass man fähig ist, so zu sehen und zu hören, wie man es tut? Das ist ein Glück, an dem man dann arbeiten kann: Ich will wissen, was noch möglich ist. Ich bin noch furchtloser geworden, gesichertes Terrain zu verlassen.

Frage: Was war für Sie der wichtigste Ort in Ihrem Leben?

Antwort: Dadurch, dass ich früher viel mit meiner Mutter gereist bin, habe ich nicht das Gefühl, dass ich einen bestimmten Ort brauche. Es gibt Orte, an denen ich mich gerne aufhalte, die meiner Seele und meinem Freiheitsgedanken gut tun. Aber die Verortung, was mir wirklich guttut, liegt in mir.

Frage: Welche Rolle hätten Sie gerne gespielt, die Sie aber nicht bekommen haben?

Antwort: «Die Klavierspielerin» von Michael Haneke und «Blue Velvet» mit Isabella Rossellini. Beide Hauptdarstellerinnen waren phänomenal.

Fragen: Was war die wichtigste Rolle in Ihrem Leben? Gab es diese eine Rolle?

Antwort: Nein. Aber eine Rolle, die mir den Beruf noch mal ganz anders nahegebracht hat, war in «Es kommt der Tag», eine Geschichte über die RAF. Ein Kinofilm, der leider überhaupt nicht gelaufen ist, von Susanne Schneider. Eine wunderbare Autorin. Katharina Schüttler spielte meine Tochter. Es ging darum, dass die Tochter nach 30 Jahren die Mutter ausfindig macht, die sie damals in den 68ern weggegeben hat. So schmerzhaft es war, dass dieser Film so wenig wahrgenommen wurde, so wichtig war er für mich.

Frage: Haben Sie einen Wunsch, den Sie sich bald erfüllen möchten?

Antwort: Ja, die Zeit rennt... Jetzt, wo man überdenken muss, mit welcher Leichtigkeit man sich ins Flugzeug gesetzt hat... Ich bin so gerne in anderen Ländern, weil ich Neues sehen möchte. Ich bin gerne unterwegs. Das muss ich sicher einschränken.

Frage: Ihr Terrier Paul ist vor zwei Jahren gestorben. Wie wäre es mit noch einem Hund?

Antwort: Mit Paul Berben kann keiner mithalten. Er ist die große Liebe. Er war 17 Jahre bei mir und ist immer noch da. Er lässt mich nicht los, um anderen Platz zu geben.

Frage: Sie haben sich ja viel politisch engagiert, wofür würden Sie heute auf die Straße gehen?

Antwort: Es gibt eine Menge, wofür wir auf die Straße gehen könnten. Wir merken es gerade wieder, was dieses Virus mit uns macht, welche Verschwörungstheoretiker, welche Menschen es wieder schaffen, Leute zu sammeln, die überfordert sind, die in Umständen leben, mit denen sie nicht fertig werden. Da haben wir ganz viel zu tun, aufzupassen, dass die Populisten und die Rechten nicht noch mehr Macht bekommen.

Frage: Finden Sie, dass die Kanzlerin gerade einen guten Job macht?

Antwort: Ja. Es geht nur gemeinsam. Sie beschwört ein gemeinsames Verhalten und eine gemeinsame Geduld, die wir alle brauchen. Das finde ich richtig und gut. Frage: Wie feiern Sie Ihren Geburtstag?

Antwort: Gar nicht. Ich drehe. So wie ich gerne feiern würde, geht es ja dieses Jahr nicht. Champagner kann ich auch alleine trinken. ZUR

PERSON: Iris Berben, geboren 1950 in Detmold, ist eine der wichtigsten deutschen Schauspielerinnen. Zu ihren Rollen gehören Serien und Filme wie «Sketchup», «Rosa Roth», «Die Guldenburgs», «Die Buddenbrooks», «Die Protokollantin» und «Hanne». Sie war neun Jahre lang Präsidentin der Deutschen Filmakademie und damit Stimme der Branche. Sie engagiert sich gegen Antisemitismus und ist Trägerin des Leo-Baeck-Preises. Ihr Sohn Oliver ist Filmproduzent.

© dpa-infocom, dpa:200806-99-62158/4

Nachrichten-Ticker