ZDF-Redakteur im Interview
„Wir peilen 100 Wilsberg-Folgen an“

Münster -

Die ZDF-Serie „Wilsberg“ gehört zu den erfolgreichsten deutschen Krimireihen. In diesem Jahr knackte erstmals eine Folge die Neun-Millionen-Zuschauer-Marke. ZDF-Redakteur Martin R. Neumann hatte in den 90ern den Wilsberg-Krimi des münsterischen Autors Jürgen Kehrer entdeckt und formte daraus einen TV-Hit. Im Interview spricht er über ein coronageprägtes Drehjahr, einen schmerzhaften Abgang und den „Running Gag“.

Samstag, 12.12.2020, 14:00 Uhr aktualisiert: 13.12.2020, 13:44 Uhr
Ahoi, Herr Kapitän: Leonard Lansink - hier 2019 mit Rita Russek auf dem Aasee - wird möglicherweise noch lange als Privatdetektiv Georg Wilsberg weitermachen.
Ahoi, Herr Kapitän: Leonard Lansink - hier 2019 mit Rita Russek auf dem Aasee - wird möglicherweise noch lange als Privatdetektiv Georg Wilsberg weitermachen. Foto: Thomas Kost/ZDF/dpa

Die Dreharbeiten standen in diesem Jahr ganz im Zeichen von Corona. Was bedeuteten die Einschränkungen für Ihr Team?

Neumann: Das sind Herausforderungen für alle Beteiligten. Das gesamte Kreativ-Team, das heißt alle Personen vor und hinter der Kamera, sind davon betroffen. So etwas stemmt man nur gemeinsam.

Wo mussten Sie besonders improvisieren?

Neumann: Wir hatten zunächst ein Hygiene-Konzept erstellt und beim Dreh natürlich die Hygiene- und Abstandsregeln sehr ernst genommen. Zu Beginn des ersten Lockdowns im März mussten die beiden für den Herbst geplanten Folgen zurückgestellt und zeitgleich zwei neue Drehbücher auf den Weg gebracht werden. Ziel war es, eine Produktion unter Corona-Bedingungen möglichst einfach zu gestalten. Wir hatten die Idee eines „closed sets“...

Was kann man sich darunter vorstellen?

Neumann: Das heißt, es gibt nur einen möglichst separierten Drehort – in diesem Fall ein Wasserschloss in der Nähe von Kerpen. Das hatte allerdings den Nachteil, dass wir nicht in Münster gedreht haben. Die Alternative wäre gewesen, gar nicht zu drehen. Das konnten wir den Fans aber nicht zumuten.

Ina Paule Klink spielte als Wilsbergs Patentochter Alex Holtkamp 20 Jahre mit und hat jetzt die Serie verlassen. Wie schwer ist es, eine Hauptfigur zu ersetzen?

Neumann: Das ist natürlich sehr schwer. Ina Paule Klink stieß als 19-Jährige zum Wilsberg-Team – damals noch als quirlige Studentin Alex Holtkamp, die sich zunächst als Aushilfe in Wilsbergs Antiquariat langweilte. Über die Jahre konnten wir in den Wilsberg-Episoden verfolgen, wie sie Jura studiert und als Anwältin agiert. Es war toll, ihre Entwicklung über all die Jahre mitzuerleben. Deswegen fiel es ihr auch besonders schwer, das Format nach so langer Zeit zu verlassen. Aber es war ihr persönlicher Wunsch, den wir natürlich respektieren mussten.

Haben Sie denn einen Plan B, falls Leonard Lansink irgendwann mal aus der Serie aussteigt? Er spielt ja schon seit 1997 den Privatdetektiv Wilsberg und wird im Januar 65 Jahre alt. . .

Neumann: Ein erfolgreiches Programm braucht immer einen Plan B, wenn nicht sogar einen Plan C. Terminliche Unverfügbarkeiten oder auch Krankheiten passieren leider immer wieder.

Und was machen Sie in solchen Notfällen?

Neumann: Wir können sehr kurzfristig reagieren. Das Projekt-Management und die Arbeit im Hintergrund funktionieren bei uns sehr gut. Jeder ist ersetzbar – dieser Erkenntnis kann und darf man sich nicht verschließen. Bitter wird es nur, wenn uns auch noch eine Pandemie in die Quere kommt. Leonard Lansink und Rita Russek (Anm. d. Red.: Sie spielt die Kommissarin Anna Springer) gehören allein schon wegen ihres Alters zur Risikogruppe. Diesen Personenkreis gilt es besonders zu schützen.

Szene-Bilder von Wilsberg-Dreharbeiten

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  • Junggesellenabschied in der Folge „In Treu und Glauben“ (2016) mit (v.l.) Trauzeuge Wilsberg (Leonard Lansink), Junggeselle Ekki (Oliver Korittke), Overbeck (Roland Jankowsky) und Ekkis Chef Grabowski (Vittorio Alfieri).

    Foto: Thomas Kost / ZDF
  • Szene aus der Folge „Gegen den Strom" (2013) mit Overbeck (Roland Jankowsky, hinten l.) Anna Springer (Rita Russek) Ekki (Oliver Korittke) Wilsberg (Leonard Lansink).

    Foto: Thomas Kost / ZDF
  • Szenenfoto aus "Gefahr in Verzug" (2010): Overbeck (Roland Jankowsky) gibt der Reporterin des Lokalfernsehens (Nazan Gökdemir) ein Interview.

    Foto: Thomas Kost / ZDF
  • Folge „Hengstparade (2013): Ekki (Oliver Korittke) bandelt mit der attraktiven Leonie (Julia Kelz) bei einem Fortbildungsseminar zum Thema "Sexismus im Büroalltag" an.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Folge „Hengstparade (2013) mit Nikola Füsting (Susanna Simon, r.) will Wilsberg (Leonard Lansink, 2.v.l.), Ekki (Oliver Korittke) und Alex (Ina Paule Klink) von ihrem Gestüt jagen.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Folge „Die Bielefeld-Verschwörung“ (2012) in alter Besetzung mit Manni (Heinrich Schafmeister, r.), Wilsberg (Leonard Lansink, M.) und Ekki (Oliver Korittke), die einen Verdächtigen während einer Beerdigung beschatten.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Folge „Treuetest“ (2013): Alex (Ina Paule Klink) stellt Wilsberg (Leonard Lansink, Mi.) ihrem neuen Freund Jan Faber (Roman Knizka) vor.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Szenenfoto aus dem Film "Gefahr in Verzug" (2010): Einige Szenen wurden am Newsdesk der Westfälischen Nachrichten gedreht. Der zwielichtige Journalist Ingo Peters (Thomas Dannemann, r.) leugnet die Bekannschaft mit einer Ermordeten. Wilsberg (Leonard Lansink, l.) wird Zeuge seiner Verhaftung.

    Foto: Thomas Kost / ZDF
  • Aus der Folge „Bauch, Beine, Po“ (2015): Georg Wilsberg (Leonard Lansink) mit Dr. Dorith Magunsky (Rebecca Immanuel).

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Ein Gepsräch zwischen Georg Wilsberg (Leonard Lansink, l.) Sonja Conrad (Jasmin Lord) und Ekki (Oliver Korittke) in der Folge „90-60-90“.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Ertappt in der Folge „Essen auf Rädern" (2013 - v.l.): Marvin Berg (Vladimir Burlakov), Alex (Ina Paule Klink), Ekki (Oliver Korittke), Georg Wilsberg (Leonard Lansink) und Overbeck (Roland Jankowsky).

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Folge „Nackt im Netz“ (2014): Alex (Ina Paule Klink) hat ein pikantes Problem, bei der Unterredung mit Wilsberg (Leonard Lansink, Mi.) will sie Ekki (Oliver Korittke) nicht dabei haben.

    Foto: Thomas Kost (ZDF)
  • Folge „Misswahl“ (2007): Wilsberg (Leonard Lansink) mit den Teilnehmerinnen der Misswahl, flankiert von den Gegenspielerinnen Margo (r. Katja Rosin) und Rebecca (l. Vijessna Ferkic).

    Foto: Thomas Kost / ZDF
  • Folge "Tote Hose"(2011): In dieser Szene bedankt sich Overbeck (Roland Jankowsky, li.) kleinlaut bei Wilsberg (Leonard Lansink).

    Foto: ZDF / Thomas Kost
  • Krisensitzung in der Folge „Filmriss“ (2008): Steuerprüfer Ekki Talkötter (Oliver Korittke, l.) sitzt in U-Haft. Er soll im Vollrausch eine Prostituierte umgebracht haben. Detektiv Georg Wilsberg (Leonard Lansink, M.) und Ekkis Anwalt Markus Faber (Philipp Moog) überlegen, was zu tun ist.

    Foto: Thomas Kost / ZDF
  • Szenenfoto aus „Gefahr in Verzug" (2010) mit Alex (Ina Paule Klink) und Wilsberg (Leonard Lansink).

    Foto: Thomas Kost / ZDF
  • Gruppenbild aus „Gefahr in Verzug" (2010 ) mit (v.l.) Ekki Talkötter (Oliver Korittke), Georg Wilsberg (Leonard Lansink), Anna Springer (Rita Russek) und Alex Holtkamp (Ina Paule Klink).

    Foto: Thomas Kost / ZDF
  • Overbeck (Roland Jankowsky) ist in „Gefahr in Verzug" (2010) ganz in seinem Element: Er will Johanna Landau (Finja Martens), die Tochter seines obersten Chefs, mit seinem Wissen beeindrucken.

    Foto: Thomas Kost / ZDF
  • Wilsberg (Leonard Lansink) konfrontiert einen Zeugen in „Gefahr in Verzug" (2010) mit seinen Ermittlungsergebnissen.

    Foto: Thomas Kost / ZDF
  • Szene aus „Mundtot" (2014) mit Ekki (Oliver Korittke, l.), Anna Springer (Rita Russek, M.) und Overbeck (Roland Jankowsky).

    Foto: Thomas Kost / ZDF
  • Folge „Mord und Beton“ (2016): Georg Wilsberg (Leonard Lansink) unter falscher Identität als finanzstarker Investor.

    Foto: Thomas Kost/ZDF
  • In der Folge „Mundtot“ (2014) nimmt Overbeck (Roland Jankowsky, 2.v.l.) Ekki (Oliver Korittke) fest.

    Foto: Thomas Kost / ZDF

Sie haben bereits je zwei Folgen in Bielefeld und auf Norderney gedreht. Welche Schauplätze außerhalb von Münster schweben Ihnen für die nächsten Jahre vor?

Neumann: Konkrete Pläne, wieder mal außerhalb Münsters zu drehen, gibt es derzeit nicht, denn wir müssen die weitere Entwicklung in Sachen Corona abwarten. Produziert wird – Stand jetzt – noch im gewohnten Rhythmus, das heißt vier neue Episoden pro Jahr.

Blicken wir mal zurück, wie alles begann: Können Sie sich noch daran erinnern, wie Sie die Wilsberg-Romane von Jürgen Kehrer entdeckt haben?

Neumann: Ein Bielefelder Schulfreund machte mich Anfang der 90er Jahre auf die Romane aufmerksam. Als junger ZDF-Redakteur war ich damals auf der Suche nach neuen Stoffen und wollte dem Trend „Krimis mit starken Frauen“ unbedingt etwas entgegensetzen. Da kam mir ein vermeintlich schwacher – da chaotischer – Held wie Wilsberg gerade recht.

Zur Person

Martin R. Neumann ist beim ZDF gleich für drei Samstagkrimis verantwortlich. Neben der Krimireihe „Wilsberg“ sind dies die Serien „Stralsund“ und „Friesland“. Der 63-jährige gebürtige Bielefelder machte sein Abitur am Ratsgymnasium in der ostwestfälischen Stadt, studierte in Freiburg und arbeitet seit 1992 als Redakteur beim ZDF in Mainz.

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Aber Sie konnten damals doch nicht ahnen, dass sich die Serie mehr als 25 Jahre lang hält?

Neumann: Ich hoffte damals, dass sich das bewusste Bekenntnis, etwas gegen den Trend zu lancieren, irgendwann auszahlen würde. Ich sollte recht behalten: In diesen Tagen werden wir die 74. Wilsberg-Folge abgedreht haben und das Format ist stärker denn je. Wir peilen jetzt 100 Folgen an.

Als „Running Gag“ gibt es in jeder Wilsberg-Folge eine Hommage an ihre Heimatstadt Bielefeld. Auf welche humorvolle Erwähnung haben Sie die meisten Rückmeldungen erhalten?

Neumann: Den Autoren macht es Spaß, möglichst elegant und ungewöhnlich einen Bielefeld-Bezug einzubauen. Höhepunkt war zweifellos die Erwähnung der Bielefelder Stadtteile Lämershagen und Stieghorst in der Folge „Bittere Pillen“. Da tauchten plötzlich die Namen „Lämers, Hagen“ und „Stieg, Horst“ auf. In der Episode „Die Nadel im Müllhaufen“ schafften die Autoren es sogar, dass „Bielefeld“ das letzte Wort des Films war.

Krimidrehorte vom Tatort und Wilsberg

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  • Das Antiquariat Solder dient als Dreh- und Angelpunkt von Wilsberg.

    Foto: Markus Lehmann
  • Bei Wilsberg und im Tatort eignet sich der Aasee für dramatische Auftritte und um eine Leiche unter- und auftauchen zu lassen.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Aaseitenweg ist auch ein bekannter Drehort.

    Foto: Peter Imkamp
  • Der Allwetterzoo diente dem Tatort-Team bereits als Drehort.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Auch der Alte Steinweg ist hin und wieder im Fernsehen zu sehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Auch grüne Umgebung schützt im Film nicht vor Verbrechen.

    Foto: Julia Erdmann
  • Die Diözesanbibliothek diente bereits als Bankgebäude oder Firmenzentrale.

    Foto: Oliver Werner
  • Auch der Erbdrostenhof wurde schon zum Drehort.

    Foto: Markus Lehmann
  • Prinzipalmarkt und Lambertikirche sind stets untrügliche Zeichen dafür, dass auch wirklich in Münster gedreht wurde.

    Foto: Oliver Werner
  • Auch im LWL Museum am Domplatz haben die TV-Spürnasen schon ermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die Steinbrücke, die am Spiekerhof über die Aa führt, war ebenfalls schon ein Drehort.

    Foto: Peter Imkamp
  • Wilsbergs Kumpel Ekki Thalkötter geht in "Münsters Finanzamt" seinen beruflichen Pflichten als Steuerprüfer nach.

    Foto: Annika Wienhölter
  • Der Stadthausturm spielte im Tatort und bei Wilsberg bereits zentrale Rollen.

    Foto: Oliver Werner
  • Die Stubengasse war ebenfalls schon Drehort für Tatort und Wilsberg.

    Foto: Oliver Werner
  • Die Überwasserkirche rückt recht häufig ins Bild, unter anderem, weil Wilsberg "sein" Antiquariat direkt gegenüber hat.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Prinzipalplatz von Münster ist immer ein Teil im Tatort und Wilsberg Krimi.

    Foto: Markus Lehmann
  • Auch von diesem Winkel aus wird der Prinzipalplatz gerne genutzt.

    Foto: Markus Lehmann
  • In Münsters Szene-Hafen ist Wilsbergs Patentochter als Rechtsanwältin tätig.

    Foto: Markus Lehmann
  • Der Friedensaal diente schon als Drehort für beide Krimis.

    Foto: Markus Lehmann
  • Das Amtsgericht musste in den älteren Wilsberg-Folgen als Stadtverwaltung herhalten.

    Foto: Markus Lehmann
  • Dieses Universitätsgebäude dient im Wilsberg als Polizeirevier.

    Foto: Markus Lehmann
  • Bei einem Tatort wurde der Hafen-Kran in einer Schluss-Szene verwendet.

    Foto: Markus Lehmann
  • Der alte Sitz des Aschendorff-Verlages diente im Tatort als eine Großbäckerei.

    Foto: Markus Lehmann
  • Im Bankhaus Lampe war im Tatort ein Priesterseminar untergebracht.

    Foto: Markus Lehmann
  • Auch die Redaktionszentrale der WN war schon Drehort für eine Wilsberg-Folge.

    Foto: Markus Lehmann
  • Das Universitätsschloss wird gerne als Drehort von beiden Münsterkrimis verwendet.

    Foto: Markus Lehmann
  • Der Domplatz ist ein gern genutzter Hintergrund für beide Krimis.

    Foto: Markus Lehmann
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