„Tagesschau“-Sprecherin Judith Rakers im Interview
Hühnerglück im eigenen Garten

Münster -

Sie erntet Kartoffeln schon mal mit der Stirnlampe nach der „Tagesschau“-Spätschicht. Und Dünger liefert ihre Stute, die ab und zu im Garten steht. Judith Rakers über ihre Leidenschaft für alles, das wächst.

Sonntag, 11.04.2021, 13:45 Uhr aktualisiert: 11.04.2021, 14:25 Uhr
„Tagesschau“-Sprecherin Judith Rakers im Interview: Hühnerglück im eigenen Garten
Ausgleich von anstrengenden „Tagesschau“-Schichten findet Judith Rakers in ihrem Garten. Foto: Gräfe und Unzer Verlag/ Sebastian Fuchs

Wie geht’s den Hühnern heute Morgen?

Judith Rakers: Den Hühnern geht es sehr gut. Die laufen hier gerade fröhlich in ihrem überdachten Auslauf herum. Es gibt in Hamburg zurzeit immer noch Stallpflicht wegen der Vogelgrippe. Ich habe ihnen deshalb einen überdachten Auslauf gebaut, wo kein Wildvogel reinkommt und wo auch nichts reinfallen kann. Ich bringe das nicht übers Herz, sie einfach einzusperren in ihren Stall.

Und dann steht da ja noch ein freudiges Ereignis bevor…

Judith Rakers: Ja, das Fohlen kommt Ende Mai. Und es ist auch wirklich schon groß. Meine Stute ist jetzt wirklich sehr rund geworden. Wenn ich mit ihr spreche, dann fängt das Fohlen an zu trampeln. Das ist sehr niedlich.

Bei Ihren Hühnern waren Sie ja auch mit Feuereifer dabei, als die Küken kamen…

Judith Rakers: Ja, ich habe mich total gefreut. Aber ich habe mich auch über die Keimlinge gefreut, die aus der Anzuchtschale herauskamen. Mit den Küken hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Bei der Stute habe ich den Nachwuchs ja sogar initiiert, sie zum Hengst gebracht und vorher die Bedingungen geklärt. Das war eine geplante Schwangerschaft. Bei den Hühnern ist es einfach so passiert. Ich hatte eigentlich sogar extra eine Hühnerrasse ausgesucht, die gar nicht dafür bekannt ist, dass die Hennen gerne brüten. Denn der Bruttrieb ist bei den Hühnerrassen extrem unterschiedlich ausgeprägt. Zwei Wochen waren sie hier auf dem Grundstück, da fing Henne „Schatzi“ an zu brüten. Ich konnte gar nicht so schnell gucken, da saß sie auf ihren Eiern. Und irgendwann kam plötzlich ein Küken rausgelaufen, dann kam noch ein zweites und am Tag darauf noch mal zwei. Ich bin dann immer morgens nach der Nachtschicht oder auch vor der Frühschicht zum Stall, habe die Tür geöffnet und dann liefen sie raus, ab in die Freiheit und die Welt erkunden. Selten habe ich so etwas Süßes erlebt wie das.

Können Sie den Sachen gut beim Wachsen zusehen? Oder gucken Sie zwischendurch – zum Beispiel bei den Kartoffeln – was da unter der Erde los ist?

Judith Rakers: Zwischendurch reinluschern? Nein, das mache ich nicht. Jetzt nicht mehr. Aber in meinem ersten Jahr schon. Da wollte ich immer gucken, ob bei der Möhre nicht nur oben das Grün rauskommt, sondern auch unten etwas entsteht. Ich konnte einfach nicht glauben, dass ich so viel Erfolg habe in meinem Beet. Ich hatte gelesen, dass die ganze Kraft einer Gemüsepflanze nur in das Obere und gar nicht in die Frucht gehen kann. Da war ich etwas beunruhigt und habe das Wachstum sehr genau beobachtet. Aber das ist etwas, das man schnell lernt: Ich habe anfangs sowohl bei den Hühnern als auch bei meinem Gemüse viel zu viel geguckt und gemacht – und dann sehr schnell gemerkt, dass man sich deutlich entspannen kann. Die Hühner brauchen den Menschen bei der Brut gar nicht. Ob ich nun danebenstehe und mich freue, ist der Glucke herzlich egal. Und beim Gemüse ist es auch so: Man legt den Samen in die Erde und wenn es regelmäßig regnet, dann muss man nichts weiter machen. Das Leben will einfach existieren, will entstehen und wachsen, und auch wenn man oben an der Kartoffelpflanze zieht, sind deswegen unten nicht mehr Kartoffeln in der Erde. Es braucht weniger Arbeit und weniger Zutun des Menschen, als ich anfangs dachte.

Gärtner sind ja oft Philosophen. Welchen Stellenwert hat das Gärtnern inzwischen bei Ihnen gewonnen?

Judith Rakers: Es ist einfach eine Leidenschaft. Es macht mir eine große Freude, und es ist unglaublich nützlich. Ich gehe immer noch mit dem guten ostwestfälischen Pragmatismus an die Sache heran. Ich bin nicht aus der metaphysischen, ethnologischen Ich-will-Verbundenheit-mit-der-Natur-Ecke in die Gärtnerei gekommen. Das fand ich zwar auch schön, aber ich kam eher aus der Richtung „Ich will jetzt gesund essen, will wissen, was ich esse und wie das entstanden ist. Ich hab’ den Platz, also mache ich das jetzt“. Das Gemüse schmeckt besser, ich muss nicht mehr einkaufen gehen, ich finde das wahnsinnig praktisch. Das ist für mich immer noch ein ganz großer Treiber. Vom guten Gewissen ganz zu schweigen, weil nirgendwo die Lieferkette so kurz ist wie im eigenen Garten und man sowohl COals auch Plastikverpackungen spart. Dieser psychologische Moment, dass Gärtnern einen erdet, dass es ein Ausgleich ist vom Stress und vom Job, das kommt für mich noch dazu. Deswegen finde ich es auch so überzeugend in allen Bereichen.

Kommt daher auch das Mitteilungsbedürfnis und dass Ihnen bei Instagram mehr als 170 000 User folgen?

Judith Rakers: Das Mitteilungsbedürfnis war eher getriggert durch das Interesse auf der anderen Seite. Als ich vor zwei, drei Jahren die ersten Bilder gepostet habe, weil ich mich so gefreut habe über die Keimlinge, kam sofort sehr viel Feedback. Zur Corona-Zeit explodierte das regelrecht. Ich habe dann hier und da mal einen Tipp gegeben, aber es war keine Ratgeberseite. Ich hab’ einfach berichtet und ab und zu Mal lustige Filme aus meinem Hühnerstall gepostet. Als sich alle gefragt haben, was sie im Lockdown Sinnvolles zu Hause tun können, da habe ich gedacht, man kann auch einen kleinen Beitrag leisten, indem man mitteilt, was einen selber in dieser schwierigen Zeit erfüllt. Ich habe mit Handarbeiten angefangen und Kissen mit wahnsinnig kitschigen Tiermotiven bestickt. Ich habe mich jeden Abend über mich selbst kaputtgelacht, aber war unglaublich stolz, dass ich es hingekriegt habe, das ganze Kissen mit Kreuzstich zu besticken. Und ich glaube, so ging es vielen. Das Sticken ist natürlich schön: Man hat etwas, das man sich angucken kann. Aber das Gärtnern – egal, ob man einen kleinen Balkon hat oder einen Garten oder auf der Fensterbank – kann noch mehr: Man sieht das Ergebnis der eigenen Arbeit nicht nur, man kann es mit allen Sinnen genießen und wird auch noch satt davon. Es ist einfach sinnvoll.

Es war ein verrücktes Jahr voller deprimierender Nachrichten. Hat Sie eine Nachricht in der „Tagesschau“ einmal so aus der Fassung gebracht, dass Sie gedacht haben: „Ich muss jetzt dringend in den Garten“?

Judith Rakers: Es gab nicht die eine Nachricht, die mich in den Garten getrieben hätte. Es ist, glaube ich, grundsätzlich gut, wenn man einen Ausgleich von seinem Job hat. Und klar, man ist als Nachrichtensprecherin unter diesem Aktualitätsdruck, man hat den Live-Druck, man ist konfrontiert mit den Zahlen, aber ganz ehrlich: Ein Arzt, der auf einer Corona-Intensivstation arbeitet, hat wirklich mehr auszuhalten als eine Nachrichtensprecherin. Ich hoffe einfach immer, dass Menschen mit stressigen Jobs einen Ausgleich dazu finden. Der eine geht Fallschirmspringen, der andere joggen. Ich gehe halt in den Garten. Ich glaube, dass viele Menschen in dieser digitalen Zeit in Berufen arbeiten, in denen sie viel tun, viel Druck haben, aber am Ende nichts in der Hand, das sie angucken können. Und ich glaube, dass das für uns psychologisch und was die Evolution angeht, schwierig ist. Ob Gärtnern oder Handarbeiten: Sie machen allein schon deshalb glücklich, weil man sieht, was man geschafft hat.

Journalistin mit vielen Leidenschaften

Seit 16 Jahren gehört die gebürtige Ostwestfälin zum Sprecher-Team der „Tagesschau“. Neben ihrem Engagement als Moderatorin der Talkshow    „3 nach 9“ dreht Judith Rakers (45) Reisereportagen in Norddeutschland und macht ihre Leidenschaft für Pferde zum Thema ihrer Dokus. Ihr Buch „Homefarming – Selbstversorung ohne grünen Daumen“ (Gräfe & Unzer, 22 Euro) über ihren Start ins Gärtnerleben  ist kürzlich erschienen. 

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Auch beim Anlegen von Hochbeeten?

Judith Rakers: Ja, ich hab jetzt gerade drei riesige Hochbeete gebaut. Darauf will ich mich in diesem Jahr konzentrieren. Das ist wieder neu für mich. Und über die Kommentare der Follower merke ich: Sie gehen mit, bauen auch Hochbeete. Die Menschen wollen es wieder ein bisschen so haben wie unsere Großeltern. Meine beiden Großeltern wohnten ländlich und hatten einen großen Gemüsegarten. Ich habe da nie mitgeholfen, ich war zu klein, aber ich erinnere mich daran. Wir fragen uns ja alle, was wir zur Nachhaltigkeit beitragen können. Gärtnern ist nur ein kleiner Beitrag, und der rettet nicht die Welt und nicht das Klima, aber jeder Beitrag ist gut. Und dieser hier macht auch noch glücklich. Was will man mehr?

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