„Die Wütenden – Les Misérables“: Furioser Sozialthriller
Krieg im Hochhaus

Paris, die glitzernde Metropole, die Wiege der Gotik, die Stadt der Kunst und des schönen Lebens: All das kann nicht über die Zustände in den Vorstädten der französischen Hauptstadt hinwegtäuschen. Ein harter, spannender Polizeifilm bringt die Probleme auf den Punkt und erntete bereits eine Oscar-Nominierung.

Donnerstag, 23.01.2020, 13:26 Uhr aktualisiert: 23.01.2020, 16:37 Uhr
Diese freundlichen Vertreter gehen im Vorort Montfermeil ihren Geschäften nach.
Diese freundlichen Vertreter gehen im Vorort Montfermeil ihren Geschäften nach. Foto: Wild Bunch Germany

Frankreichs Oscar-Kandidat führt einen Provinzpolizisten in den Pariser Vorort Montfermeil, wo der Neuling in der Einheit der Verbrechensbekämpfer sozusagen geröstet wird. Der Stéphane (Damien Bonnard) erlebt am eigenen Leib, was ein Brennpunkt ist, wie explosionsartig Ausschreitungen entstehen, wie Staatsgewalt und Machtkämpfe der Gangs aufeinanderprallen und von wem verkommene Viertel beherrscht und „verwaltet“­­ werden.

„Die Wütenden – Les Misérables“ greift ein Thema auf, das 1995 im Kino einen ebenso furiosen Anfang nahm. In „Hass – La Haine“ findet der 17-jährige Vince (Vincent Cassel, „Alles außer gewöhnlich“) eine verlorene Dienstpistole und erlebt eine Odyssee durch die Banlieue, die mit zunehmender Gewalt und Gegengewalt einher geht.

Das Gesetz der Straße

Regisseur Ladj Ly, der selbst in Montfermeil aufwuchs, mischt in seinem brennend aktuellen, authentischen und explosiven Spielfilmdebüt Muster des Sozialthrillers und des Cop-Movies und fegt mit ungeheuerer Energie durchs Geschehen. Stéphane und Kollegen, längst dem Gesetz der Straße folgend, überschreiten Grenzen, auch wenn der Erfolg beim oft willkürlichen Einsatz gegen Drogendeals und Islamismus im Migrantenmilieu eher schal ist. Als sie einen Verdächtigen verhaften, wird ihr rücksichtsloses Verhalten von einem Jungen mit einer Drohne gefilmt.

Das verändert alles. Die „Bullen“ geraten zwischen Öffentlichkeit und Gangs. Die Gangs stehen am Anfang eines schwelenden Kriegs, als das Löwenbaby der Zirkus-Gang, Maskottchen des Anführers, gestohlen wird. Als schließlich die Kids des Viertels in den Konflikt eingreifen, entlädt sich im Finale die Wut der Vorstadt in einer 15-minütigen atemlosen Sequenz in einem Hochhaus-Sozialbau, wie man sie kaum krasser gesehen hat.

Bewertung

"Die Wütenden - Les Misérables": Krimidrama von Ladj Ly mit Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djebril Didier Zonga  (1 Std. 45 Min.)

Bewertung: 4 von 5 Sterne. 

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Der Filmtitel, auf Victor Hugos Roman zurückgreifend, der ebenfalls im Viertel Montfermeil spielt, ist symbolisch und meint die Kontinuität von Armut und Sozialdesaster. Wie „Hass“ und der brasilianische Kracher „City of God“ eine filmische Wucht. Sehenswert.

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