Film der Woche
"Über die Unendlichkeit": Der Spaß ist vorbei

Schwedens Meisterregisseur Roy Andersson zeigt in 32 Szenen Elementares, Philosophisches und Theologisches über die seltsame Spezies Mensch.

Donnerstag, 17.09.2020, 16:58 Uhr aktualisiert: 17.09.2020, 17:11 Uhr
Er (Pär Fredriksson) hat sie (Lisa Blohm) vom Bahnhof abgeholt und sitzt mit ihr beim Champagner zusammen. Doch zu sagen haben sie sie sich nichts.
Er (Pär Fredriksson) hat sie (Lisa Blohm) vom Bahnhof abgeholt und sitzt mit ihr beim Champagner zusammen. Doch zu sagen haben sie sie sich nichts. Foto: Neue Visionen Filmverleih/dpa

Der schwedische Regisseur, Autor und Produzent Roy Andersson hat in den vergangenen zwanzig Jahren vier Filme inszeniert, die mit unverwechselbarer Bildsprache Elementares über die seltsame Spezies Mensch vermitteln. Nach „Songs from the Second Floor“, „Jüngstes Gewitter“ und „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ folgt mit „Über die Unendlichkeit“ ein philosophisches und theologisches Resümee über Menschenwesen, die Andersson unverblümt ausstellt, ausführt und ausdenkt.

Mischten sich in den vorherigen Filmen schwarzer Humor, grübelnder Franz Kafka und ironischer Loriot auf nachhaltige Weise zwischen Komik, Ernst und Menschenliebe, so treibt Andersson seine lächelnde Weisheit nun auf die Spitze. In exakt 32 ungeschnittenen Sequenzen, die wie mittelalterliche Tableaus ihre Beispielhaftigkeit behaupten und bekunden, formt Andersson eine Endzeit zwischen Sprachlosigkeit, Geschichtsverlust und dröhnender Leere.

Biblisches, Historisches, Aktuelles

Da steht eine hochmütige Infomanagerin hinter Glasfenstern und blickt vom Hochhaus auf ihre Einsamkeit. Da besprengt eine Frau vor einem Friseurladen eine längst verdorrte Topfpflanze mit Wasser aus der Sprühdose. Da weint ein Mann in der Straßenbahn: „Ich weiß, nicht, was ich will.“ Da schwebt ein Liebespaar über dem zerbombten Köln. So vermengt Andersson Historisches (Hitler im Führerbunker) mit Aktuellem (Studis reden über Thermodynamik), Lächerliches (Teenager tanzen vor Biergartenlokal) mit Schrecklichem (Soldat bettelt um sein Leben).

Großen Raum nimmt Biblisches ein. Fast jedes Kapitel beginnt mit einer Erzählerin, die visionär mit „Ich sah einen Mann, der ...“ das Ende einleitet. Ein betrunkener Priester, der den Glauben verloren hat, tritt mehrfach auf. Jesus sagt auf dem Kreuzweg in einer modernen Stadt (!) unter der Last von Kreuz und Knüppeln: „Was habe ich falsch gemacht?“

Bewertung

Über die Unendlichkeit: Meisterwerk über Menschenwesen, 76 Minuten.

Unsere Bewertung: 5 von 5 Sterne

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Andersson hat alles richtig gemacht und zwingt zum Nachdenken. Der Spaß ist vorbei. Ein herausragendes Meisterwerk.

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