Kultur
Autorin Katja Brunner über Inzestfall als Theaterstück

Hannover (dpa) - Das Thema Inzest als Theaterstück zu verhandeln ist gewagt. Aus Sicht der Schweizer Autorin Katja Brunner ist es notwendig - die 21-Jährige will weg von Täter-Opfer-Kategorien.

Freitag, 04.01.2013, 15:18 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 04.01.2013, 15:09 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 04.01.2013, 15:18 Uhr

Mit «Von den Beinen zu kurz», das am Samstag in Hannover erstmals in Deutschland zu sehen ist, hat sie ein verstörendes Drama geschrieben, das einen Missbrauchsfall aus verschiedenen Perspektiven zeigt. Wieso sie diese Blickwinkel gewählt hat, wie sie sich in die Innenwelt ihrer Figuren hineinversetzt hat und was sie mit einem «Schamhaarstück» meint, erklärt die Nachwuchsautorin im Interview der Nachrichtenagentur dpa.

Wie sind Sie auf das Thema Kindesmisshandlung gekommen?

Brunner : «Unterschiedliche Arten von Übergriffen in Beziehungen sind schon länger ein Thema in meiner Arbeit gewesen. Mich haben außerdem die Missbrauchsfälle der Kirche in Irland, aber auch die Fälle Natascha Kampusch und Josef Fritzl beeinflusst. Dabei hat mich immer diese Täter-Opfer-Kategorie an der Berichterstattung gestört. Der Täter wird als das personifizierte Böse stigmatisiert, auf dem man sich ausruhen kann. Figuren wie Fritzl werden oft so behandelt, als ob sie komplett frei vom Würgegriff unserer Gesellschaft wären - als rührte Fritzls Verhalten aus einem ganz bösen Ort in ihm drin, den niemand sonst in sich trägt. Das ist zu einfach. Deshalb habe ich eine andere Perspektive eingenommen, die nicht unbedingt den Erwartungen entspricht.»

In Ihrem Stück wird der Inzestfall aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigt - vom Vater, der Mutter, dem Kind, dem Umfeld. Warum war Ihnen das wichtig?

Brunner: «Ich wollte den Mechanismus angucken, wie ein Missbrauch so lange verdeckt bleiben kann - und da hat ja jeder sein eigenes Interesse, seine spezifische Art zu deckeln. Es ging mir darum, in diesem Mechanismus ein Panorama zu schreiben. Ich wollte nicht die Einsicht bieten, die man medial geliefert kriegt, sondern eine implizite Anklageschrift herstellen, die den Blick einmal umdreht.»

Sie beschreiben die Innenwelt der Figuren sehr eindringlich - wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Brunner: «Ich hab eigentlich alles durchforstet, was ich kriegen konnte: Selbsthilfeforen im Internet, Erfahrungsberichte, Zeitungsartikel, Ratgeberliteratur. Gerade die fand ich schwierig, weil da das ganze Ich auf der Vergangenheit aufgebaut wird, was eine Loslösung unmöglich macht, das Opfer zementiert sich selbst zum Opfer. Das Stück ist also auch eines über konkurrierende Versionen der Vergangenheit und über die Herstellung des Ichs.»

Welchen Themen wollen Sie sich künftig widmen?

Brunner: «Momentan interessiert mich die Profitgier in Beziehungen, also dass man Beziehungen zum eigenen Zweck instrumentalisiert. Interessant finde ich aber auch die latente oder weniger latente Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz. Und ich habe Lust, ein Stück für jüngeres Publikum zu schreiben als anständige Vorbereitung auf die Pubertät, ein 'Schamhaarstück' sozusagen. Auch das Medium Hörspiel reizt mich, momentan schreibe ich an einer Sitcom.»

Interview: Alexandra Stahl, dpa

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