Kultur
Briefwechsel: Brecht und Weigel schreiben sich

Berlin (dpa) - Wer sich für Bertolt Brechts erotischen Appetit außerhalb seiner Partnerschaft mit Helene Weigel interessiert, dürfte neugierig werden. Denn zum ersten Mal sind jetzt alle verfügbaren Briefe zwischen dem Dichter und der Schauspielerin seit Beginn ihrer Beziehung 1923 veröffentlicht.

Dienstag, 04.12.2012, 11:08 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 04.12.2012, 11:08 Uhr

Was sich beide wohl zu schreiben hatten über die Geliebten, die Brecht offen als zusätzliche «Mitarbeiterinnen» neben Weigel installierte? Über die Einschläge um sie herum mit gemeinsamer Flucht vor den Nazis durch diverse Länder, den Schrecken des Zweiten Weltkrieges , der Innenansicht des Stalin-Terrors bei Aufenthalten in Moskau, dem Volksaufstand in Ost-Berlin 1953?

Zu allem fast völlige Fehlanzeige. «Liebe Helli, die Fahrt unangenehm, die Kriminalromane schlecht. Hab vergessen, Adressen von Korsch und Reyher mitzunehmen. Bitte, schreib mir. Bräuchte auch ein englisches Exemplar der "Simone" (letzte Fassung, wo zum Schluss der Engel noch einmal auftritt)», lautet ein typischer Briefbeginn im US- Exil 1943, während die Schlacht um Stalingrad tobt.

Von den ersten Episteln des noch anderweitig verheirateten Jung-Dramatikers 1927 («Hast Du die Garagensache geordnet?») bis zur DDR-Zeit beim erfolgreichen Aufbau des Berliner Ensembles bringt Brecht vor allem praktische Wünsche und Aufträge zu Papier. 1953 auch, was Weigel im Falle seines Todes tun möge. Unter 2): «dass der Sarg aus Stahl oder Eisen ist». Und: «8) dass das Grab im Garten in Buckow oder im Friedhof neben meiner Wohnung in der Chausseestraße liegt und nur den Namen Brecht auf einem Stein hat. Danke, Helli!»

Der Granit-Grabstein auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Berliner Chausseestraße trägt aber doch den Schriftzug « Bertolt Brecht ». Ob er neben seiner Frau begraben zu sein wünschte, hat der weltberühmte Dichter unter 1) bis 8) nicht wissen lassen. Weigel wurde 1971 neben Brecht zur letzten Ruhe gebettet.

Zum atemberaubenden Grundeindruck dieser Briefe als Geschäftspost einer perfekt funktionierenden «Brecht&Co.» trägt auch der weibliche Teil nach Kräften bei. Die Briefe der Intendantin Weigel am Schiffbauerdamm-Theater an dessen wichtigstem Autor klingen in den DDR-Jahren überwiegend so: «Lieber Brecht, ich musste feststellen, dass es ab 14.00 Uhr keinen der Herren Regie-Assistenten mehr im Hause gibt und dass sie sich auch nirgends abmelden.» Mit einem Buchtitel des gemeinsam bewunderten Lenin fragt sie: «Was tun?»

Leider sind Weigel-Briefe erst ab 1938 erhalten, insgesamt drei Viertel aller hier abgedruckten Briefe stammen von Brecht. 1944 begehrt die Ehefrau doch mal gegen das abermalige Verschwinden ihres Mannes wegen einer anderen auf: «...weil es mir närrisch vorkommt, dass ich nein sagte, wenn Du mit mir schlafen willst, und außerdem erstaunt mich Dein sofort auftretendes neubelebtes Interesse, wieso, nur wegen dem Nein?»

Weder in diesem hochinteressanten Fall noch sonst liegen direkte Antworten vor. Hoch zu loben ist die sorgsame Erläuterung der Briefe durch Erdmut Wizisla, den Leiter des Berliner Brecht-Archives. Mitgewirkt hat auch die Brecht-Weigel Tochter Barbara Brecht-Schall (82), das Haupt der «Brecht-Erben GmbH».

Bertolt Brecht, Helene Weigel, «ich lerne: gläser + tassen spülen» - Briefe 1923-1956, hrsg. von Erdmut Wizisla, Suhrkamp Verlag, Berlin, 402 Seiten, 26,95 Euro, ISBN 978-3-518-41857

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/1324616?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947955%2F947961%2F
Nachrichten-Ticker