Kultur
Gustav Kuhn: «Das improvisatorische Moment wird bleiben»

Erl (dpa) - Der österreichische Dirigent und Regisseur Gustav Kuhn ist weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt - spätestens seit er 1997 die Tiroler Festspiele in Erl am Inn zwischen Rosenheim und Kufstein gründete. Erl gilt als eine Art alpines Bayreuth.

Sonntag, 06.01.2013, 12:18 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 06.01.2013, 12:11 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Sonntag, 06.01.2013, 12:18 Uhr

Jetzt hat der Mäzen Hans Peter Haselsteiner , Chef des in Wien ansässigen Baukonzerns Strabag , dem Karajan-Schüler ein neues, futuristisches Konzerthaus neben dem alten Erler Passionsspielhaus geschenkt. Es wurde am zweiten Weihnachtsfeiertag mit einer Aufführung von Bela Bartoks «Herzog Blaubarts Burg» eröffnet. «Alle sagen, das Haus sei sensationell bis ein Wunder», sagte Kuhn in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa.

Bei Wikipedia kann man lesen, dass Sie angeblich der erste Festspielgründer nach Richard Wagner sind, für den ein eigenes Festspielhaus erbaut wurde. Fühlen Sie sich geschmeichelt?

Kuhn: «Ich schlage mich nicht selbst bei Wikipedia nach. Aber wenn das da steht, rein formal wird's schon richtig sein.»

Und ihr Mäzen Hans Peter Haselsteiner wäre dann das Pendant von Wagners großmütigem Förderer Ludwig II. von Bayern?

Kuhn: «Stimmt insofern, als Haselsteiner ein sehr kunstsinniger Mensch ist.»

Wie fühlt sich das Haus an? Wie gut ist die Akustik?

Kuhn: «Architektonisch kann man ja schon vieles machen. Die letzten fünf Prozent, den perfekten Wohlklang, kann man aber nicht kalkulieren. Doch alle sagen, das Haus sei sensationell bis ein Wunder.»

Wie wird künftig die künstlerische Arbeitsteilung sein zwischen dem alten Erler Passionsspielhaus aus den 50er Jahren und dem Neubau? Was wird wo zu sehen und zu hören sein?

Kuhn: «Die großen Schlachtrösser wie unsere Reihe mit Wagner-Opern, aber auch Symphonisches von Bruckner bis Mahler wird weiter im alten Haus stattfinden. Das neue Haus ist ideal für Barockes, Belcanto, den frühen Verdi, Zeitgenössisches. Aber auch für Kammermusik. Außerdem wird es dort Jazzkonzerte geben. Ich selbst bin ein großer Jazz-Fan, groove leidlich auf dem Klavier und habe mich in den 70er Jahren auch in der Freejazz-Szene getummelt.»

Wird es vermehrt Gastkonzerte von auswärtigen Ensembles geben, die bislang mit den Tiroler Festspielen noch wenig oder nichts zu tun hatten?

Kuhn: «Wir sind konkret mit den Münchner Philharmonikern im Gespräch. Sie wissen bestimmt, dass kein Geringerer als Sergiu Celibidache bei einem Festkonzert im Jahre 1988 die besondere Eignung des Erler Passionsspielhauses für Bruckner-Symphonien entdeckt hatte.»

Wird es künftig in Erl ganzjährig musikalische Veranstaltungen geben, also nicht nur zu den Sommer- und Winterfestspielen?

Kuhn: «Wir planen so etwas wie einen punktuellen Dauerbetrieb.»

Die Tiroler Festspiele haben lange auch von einem gewissen Charme des Provisoriums gelebt. Wird dieses spezielle Flair nach Eröffnung des neuen Hauses erhalten bleiben?

Kuhn: «Wir wollen nach wie vor keinen Starbetrieb etablieren. Die Accademia di Montegral wird mit ihrem vorzüglichen Reservoir an jungen Musikerinnen und Musikern weiter bestimmend sein. Außerdem spielen wir ja nach wie vor im nicht klimatisierten alten Haus mit seinen Holzbänken und dem fabelhaften Naturklang. Das improvisatorische Moment wird bleiben.»

Interview: Georg Etscheit, dpa

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