Kultur
Hannover bekommt Herrenhauser Schloss zurück

Hannover (dpa) - Fast 70 Jahre lang klaffte in Hannovers berühmtem Barockgarten eine große Lücke. Lange erschien es unwahrscheinlich, dass das 1943 zerbombte Schloss Herrenhausen jemals wieder aufgebaut würde.

Donnerstag, 03.01.2013, 14:18 Uhr

Vor gut fünf Jahren entschied sich jedoch die Volkswagenstiftung als privater Investor, die Welfenresidenz für 20 Millionen Euro zu rekonstruieren. Hinter einer Fassade im historischen Stil entstand ein modernes Kongresszentrum. Am 18. Januar wird das Schloss eröffnet - die Aufgabe teilen sich zwei Tage vor der Landtagswahl voraussichtlich Ministerpräsident David McAllister ( CDU ) und sein SPD-Herausforderer, Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil .

Mit dem Milliardenvorhaben Wiederaufbau des Berliner Schlosses ist das Projekt in der niedersächsischen Landeshauptstadt nicht vergleichbar. Die Sommerresidenz der Welfen ist eher ein Schlösschen, mit ihrer klassizistischen Fassade ähnelt sie ein bisschen dem Sitz des Bundespräsidenten, Schloss Bellevue. Die Haupt-Attraktion bleibt der Garten: Vom großen Saal öffnet sich der Blick auf die weitläufige Barockanlage mit Wasserspielen, Statuen, kunstvoll angelegten Beeten, Rasenflächen und Hecken.

«Die Außenanlagen sind uns ganz gut gelungen», scherzt Architekt Sven Kotulla beim Blick durch ein Sprossenfenster im Festsaal. Die größte Herausforderung des Hamburger Architektenbüros war es, den Baukörper nach den Plänen von Hofbaumeister Georg Ludwig Friedrich Laves von 1819 mit den Anforderungen an ein modernes Tagungszentrum in Einklang zu bringen. So verschwinden beispielsweise Leinwände und Technik hinter mobilen Wänden. Ein Clou ist ein von Lichthöfen umgebener unterirdischer Hörsaal inklusive Dolmetscher-Kabinen, wo demnächst Wissenschaftler aus aller Welt debattieren.

Das Schloss werde den Wissenschaftsstandort Hannover entscheidend stärken, verspricht der Generalsekretär der Volkswagenstiftung, Wilhelm Krull. Daneben gebe es positive touristische Effekte. «Das Architektur- und Gartenensemble erhält seine Mitte zurück und wird dadurch für Gäste aus dem In- und Ausland noch attraktiver», betont der Stiftungschef. An rund 100 Tagen im Jahr will die größte deutsche private Förderinstitution das Schloss selbst als Veranstaltungsort nutzen.

Pächter ist das Unternehmen Hochtief Solution aus Essen, das die Residenz für Veranstaltungen vermarktet. «Die Nachfrage ist extrem hoch. In der Region ist die Bedeutung des Schlosses vergleichbar mit der wieder aufgebauten Frauenkirche in Dresden», sagt Matthias Felten, Pressesprecher von Hochtief Solution. «Wir möchten, dass das Schloss Teil des städtischen Lebens wird.» So soll es beispielsweise Kulturveranstaltungen und Tage der Offenen Tür geben.

Im Frühjahr werden die Seitenflügel als Museum eröffnet. In einer ersten Schau soll es um die Welfen im Barock und die Barockkultur gehen. 2014 ist das Schloss dann ein Schauplatz der großen Landesausstellung «Hannovers Herrscher auf Englands Thron». Später wird dem Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibniz ein Flügel gewidmet. Der Hofgelehrte der Welfen flanierte einst mit Kurfürstin Sophie und ihrer Tochter Sophie Charlotte durch die Gärten.

Schloss-Attrappe nennen Kritiker den Bau. «Ich hätte mir gewünscht, auf den Wiederaufbau zu verzichten und stattdessen die Lücke, die der Krieg gerissen hat, kenntlich zu machen», sagt der Stadtbau-Historiker Sid Auffarth. Bei der Gestaltung des neuen Schlosses Herrenhausen sei verpasst worden, den Besuchern einen Einblick in das höfische Leben der Barockzeit zu geben. «Das Wissenschaftszentrum in exquisiter Lage ist für Hannover allerdings ein Gewinn», räumt der Autor zahlreicher Werke zur Stadtgeschichte ein.

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