Kultur
Munchs Kollege - der Grafiker Rolf Nesch

Stade (dpa) - Erst waren es Briefmarken, dann Uhren. Doch die fand Klaus Friedrich Meyer bald zu langweilig. Jetzt sammelt er Kunst. Max Beckmann, Lyonel Feininger und Sigmar Polke hängen bei ihm Zuhause in Hamburg an den Wänden.

Dienstag, 14.05.2013, 09:48 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 14.05.2013, 09:43 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 14.05.2013, 09:48 Uhr

Doch seine große Leidenschaft gilt dem Grafiker Rolf Nesch , der in Norwegen neben Edvard Munch als einer der ganz Großen verehrt wird. Rund 130 Arbeiten hat der 81-Jährige über die Jahre zusammengetragen, eine der größten Nesch-Sammlungen überhaupt.

Doch Meyer ist nicht einfach nur ein begeisterter Kunstliebhaber, Nesch ist für ihn auch sowas wie eine Lebensaufgabe. Er will den 1975 gestorbenen Vorreiter des Metalldrucks auch in dessen Geburtsland Deutschland bekannter machen. Dafür hat sich Meyer gerade zum ersten Mal von seinen Schätzen getrennt. Bis Ende Juni sind sie in einer Ausstellung im Kunsthaus Stade zu sehen.

Zeichnungen, Radierungen, Lithographien, farbige Metalldrucke, Materialbilder und sogar Ölgemälde - wie vielfältig Nesch gearbeitet hat, wird beim Rundgang schnell deutlich. «Mich fasziniert, dass er immer was Neues gemacht hat», sagt Meyer. Als junger Mann studierte Nesch unter anderem Malerei bei Oskar Kokoschka in Dresden. Ernst Ludwig Kirchner führte ihn in die Drucktechnik ein. Er schloss sich der Hamburgischen Sezession an und machte sich als Revolutionär des Metalldrucks einen Namen. Als die Nazis 1933 seine Bilder aus einer Ausstellung entfernten, wanderte der Künstler nach Norwegen aus.

Farbenfrohe Tiere, Fabelwesen und reduzierte, fast comicartige Gestalten tummeln sich auf Neschs Blättern. Alles scheint in Bewegung. Einen Effekt, den der Grafiker mit einem speziellen Druckverfahren erzeugte. Dafür lötete Draht, Lochplatten und Gitter auf seine Druckplatten oder ätzte Löcher in sie. Dadurch entstand eine reliefartige Struktur auf dem Papier, das den Motiven Tiefe verleiht.

Bewundernd bleibt Meyer vor der sechsteiligen Serie «Schlachten von Rentieren» stehen. «Hier kann man sehen, wie unglaublich präzise er gearbeitet hat.» Nesch besaß nur eine Presse, musste den Druck also in mehreren Teilen anfertigen. Trotzdem passt alles exakt.

Der Kunstexperte Wilhelm Hornbostel sieht in Nesch einen der innovativsten Grafiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu Lebzeiten stellte dieser auf der documenta in Kassel und der Biennale in Venedig aus. Heute hängen seine Werke in der Nationalgalerie in Oslo. In seinem früheren Wohnort Ål ist ihm sogar ein eigenes Museum gewidmet. Außerhalb Skandinaviens geriet Nesch nach seinem Tod dagegen in Vergessenheit. Doch das ändert sich gerade.

«Neschs Ruhm wächst», sagt Hornbostel. 20 Jahre lang leitete er das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg , das selbst einige Nesch-Arbeiten besitzt. «Die Preise für Nesch haben ordentlich angezogen. Diese sind quasi ein Indikator für die Bedeutung des Künstlers», erläutert der Kenner. Auf einer Auktion in München brachte der Druck «Elbbrücke II» jüngst fast 165 000 Euro ein. Angesetzt war er für 7000 Euro. Dass Nesch zurzeit eine kleine Renaissance erfährt, verdankt er vor allem Menschen wie Klaus Friedrich Meyer. «Die Sammler haben ihn wieder groß gemacht», meint Hornbostel.

Dabei war Meyer anfangs eigentlich gar kein Nesch-Fan. Von seinem Vater erbte er nicht nur den Holzhandel, sondern auch elf, zwölf - so genau kann er es nicht mehr benennen - Radierungen aus der Hamburger Zeit. Erst in den 80ern entdeckte er seine Liebe für Neschs Stil. Seitdem wächst seine Sammlung kontinuierlich und ist nach Angaben des Direktors des Stader Kunsthauses, Sebastian Möllers, die größte außerhalb Norwegens. «Die Sammlung ist einzigartig, weil sie Neschs Werk lückenlos abdeckt.»

Die Ausstellung soll 2015 im baden-württembergischen Reutlingen und voraussichtlich im kommenden Jahr in Oslo zu sehen sein. Dass Nesch demnächst die großen Häuser in Deutschland erobert, hält Hornbostel trotzdem für unwahrscheinlich. «Die Grafiker stehen immer in der zweiten Reihe. Die Museen setzen aber eher auf die großen Namen.»

Einem Museum will Meyer seine Sammlung deshalb später nicht vermachen. «Die würde da doch nur in den Keller kommen.» Er wird die Bilder seinem Sohn vererben, damit sie weiterhin täglich bewundert werden können - wie bisher Zuhause in «Petersburger Hängung», also mehrere übereinander bis zur Decke.

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