Kultur
Revue «Schwabenhatz» amüsiert den Prenzlauer Berg

Berlin (dpa) - «Schwaben raus» steht in großen Graffiti-Buchstaben an der Wand. Davor streiten sich Berliner Demonstranten mit einer putzwütigen Schwäbin.

Mittwoch, 08.05.2013, 13:12 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 08.05.2013, 13:04 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 08.05.2013, 13:12 Uhr

Mit dieser Szene startet die neu produzierte Revue « Schwabenhatz » in der Kulturbrauerei im Berliner In-Stadtteil Prenzlauer Berg .

Das Stück war bereits im vergangenen Jahr während der schwäbischen Kulturwoche «Schwabiennale» aufgeführt worden. Doch die Revue über die vermeintliche Abneigung der Berliner gegen die «Einwanderer» aus Süddeutschland ist aktueller denn je.

Erst vergangene Woche hatte eine Wandschmiererei gegen zugezogene Schwaben Empörung ausgelöst. Unbekannte schrieben auf eine Hauswand in Prenzlauer Berg: «Kauft nicht bei Schwab'n» - ein Boykottaufruf, der an den Anfang der Judenpogrome der Nationalsozialisten erinnert.

Die Schmiererei ist nicht die einzige derartige Parole im Viertel. Nur etwa 200 Meter entfernt steht auf einem Container die Aufforderung «Schwabe verpiss' dich». In beiden Fällen schrieben die Unbekannten die Buchstaben «TSH» dazu - eine auch im Internet kursierende Abkürzung für «Totalen Schwaben-Hass».

In der Kulturbrauerei werden bei der Premiere der «Schwabenhatz» am Dienstagabend die Eigenheiten von Berlinern und Schwaben auf die Schippe genommen. Eine brezelbackende Schwäbin, Berliner Punks und sogar Adam und Eva mit schwäbischem Dialekt diskutieren über die Klischees beider Seiten. Ein Demonstrant singt über die Angst der Berliner vor den Süddeutschen.

In der ersten Reihe amüsiert sich ein Baden-Württemberger über das Stück. Der realen Diskussion über antischwäbische Stimmungen in Berlin steht er eher zwiespältig gegenüber. «Einerseits muss ich darüber lachen, weil es kurios ist. Andererseits gibt es ernste Spitzen», sagt der 37-Jährige in breitem schwäbischen Akzent.

Seit zwei Jahren lebt der gebürtige Ravensburger in Kreuzberg. Schlechte Erfahrungen hat er bisher nicht gemacht. Dennoch hinterlassen die Ereignisse der letzten Wochen Spuren. «Normal bin ich selbstbewusst, aber manchmal versuche ich, nicht so laut zu reden», sagt er. Einige Schwaben hätten Angst, sich mit ihrem Dialekt zu outen und womöglich auf einen verrückten Einzeltäter zu treffen.

Pöbeleien gegen schwäbische Zugezogene haben in den vergangenen Monaten in Berlin zugenommen - vor allem in Prenzlauer Berg. Schwaben würden angeblich die Besonderheiten des Stadtviertels verändern und die Wohnungsmieten in die Höhe treiben. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) hatte Anfang des Jahres in einem Interview über die Schwaben gelästert und damit die Debatte angeheizt. Schätzungsweise 300 000 Menschen aus dem «Ländle» leben in Berlin.

Für Andrej Holm, Professor für Stadtsoziologe an der Humboldt-Universität in Berlin, ist der vermeintliche Hass auf Schwaben eine Scheindiskussion, die Vorfälle seien Einzelphänomene. «Man muss endlich wieder über Mietpolitik sprechen und nicht über Schwaben. Dann wäre schon viel gewonnen», sagte er der Berliner Tageszeitung «taz». Der Soziologe betreibt sogar ein eigenes Blog zum Thema Gentrifizierung. Statt über Verdrängung werde nun über die Intoleranz der Verdrängten diskutiert, schreibt er dort.

Auf der Bühne neigt sich die «Schwabenhatz» dem Ende zu. Ein älterer Herr mit grauem Bart klatscht Beifall. Er lebt seit 63 Jahren in Berlin. Die Vorgänge am Prenzlauer Berg findet er «gespenstisch». Die Diskussion um die Schwaben sei absurd - und hoffentlich vorübergehend, sagt er. «Ich glaube, dass die Leute, die "Schwaben raus" brüllen, demnächst was anderes brüllen.»

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