Kultur
Richard David Precht hofft auf «Bildungsrevolution»

Berlin (dpa) - Zu den vielen Büchern über die deutsche Schule und ihre Misere gesellt sich ein weiterer Band - dieses Mal aus der Feder des Bestseller-Autors und medienpräsenten Philosophen Richard David Precht.

Montag, 06.05.2013, 12:24 Uhr
Veröffentlicht: Montag, 06.05.2013, 12:05 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 06.05.2013, 12:24 Uhr

Kaum erschienen, katapultierten die Käufer das prächtig umworbene Werk mit dem langen Titel «Anna, die Schule und der liebe Gott. Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern» Ende April an die Spitze der Bestsellerlisten. Precht plädiert für eine « Bildungsrevolution » an der Schule. Ob ihm darin seine Leser folgen?

Seine Diagnose zählt die bekannten Mängel auf: zu viel Pauken von Unterrichtsstoff, zu wenig Vermittlung von Zusammenhängen, zu wenig individuelles Lernen und zudem sozial zu selektiv. Sein Fazit: Rumdoktern an Symptomen bringt nichts. Eine radikale Reform muss her. Dazu gehören laut Precht Kindergartenpflicht vom dritten Lebensjahr an, eine integrative Gesamtschule für alle bis zur zehnten Klasse - als Ganztagsschule mit vielen Projekten und Notenverzicht. Auch diese Rezepte sind nicht wirklich neu.

Und die jahrzehntelangen ideologisch geprägten Grabenkämpfe um eine grundlegende Reform der deutschen Schule sind es auch nicht. Neurobiologische Erkenntnisse über gutes Lernen konnten bislang daran nichts ändern. Zu viele Interessen von Eltern, Lehrern und Kultusministern sind mit dem mehrgliedrigen Schulsystem verknüpft. So manche Akteure wollen daher an den bestehenden Strukturen festhalten.

Neu lesen sich dagegen zum Thema Bildung bei Precht Sätze wie dieser: «Gutes Lernen, so könnte man sagen, ist wie guter Sex: Nicht auf die Athletik kommt es an, auf Tempo und Frequenz, sondern auf die Eindringlichkeit, die individuelle Variation und den nachhaltigen positiven Effekt auf unsere Psyche.» Der Vergleich sei durchaus nicht weit her geholt, beteuert der Autor. Denn bei allen Erregungen unseres Gemüts handele es sich um das gleiche Belohnungszentrums.

Der Publizist («Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?») holt in seinem mit meist flotter Sprache geschriebenen neuen Buch weit aus. Er sei «ein Fan von Überblickswissen», sagte der 48-Jährige kürzlich in einem Interview. Und an diesem Wissen lässt er seine Leser unter Hinweis auf zahlreiche kluge Köpfe vom Römer Seneca über Alexander von Humboldt und Georg Picht bis zum modernen Hirnforscher Manfred Spitzer reichlich teilhaben.

Bereits bestehende gute Schulen mit Reformansätzen sieht der Honorarprofessor ( Lüneburg und Berlin) als Vorboten einer Bildungsrevolution. Für eine deutschlandweite Veränderung brauche es aber politisches Handeln: so die Gründung eines Nationalen Bildungsrats, in dem Bund und Kommunen stimmrechtlich in der Mehrheit sind. Außerdem sollten die Parteien versuchen, mit der Forderung nach einer neuen Kompetenzverteilung in der Bildungspolitik Wahlen zu gewinnen. Und die Länder und ihre Kultusminister müssten auf Kompetenzen verzichten, so Precht. Falls dieser Wunsch in Erfüllung gehen sollte, würde die Geschichte um ein Beispiel von verwirklichter Utopie reicher.

(Richard David Precht: «Anna, die Schule und der liebe Gott - Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern». Goldmann, München, 351 Seiten, Euro 19,99, ISBN 978-3-442-31261-0)

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