Kultur
Schonungslos: Theaterstück zu Kindesmisshandlung

Hannover (dpa) - Wie bringt man Inzest auf die Theaterbühne? Vielleicht, indem man nichts scheut und alle Tabus abklopft, die dieses heikle Thema umgibt. So jedenfalls wird der sexuelle Missbrauch eines Vaters an seiner Tochter in dem Drama «Von den Beinen zu kurz» verhandelt.

Sonntag, 06.01.2013, 11:06 Uhr

Das gewagte Stück der Schweizer Nachwuchsdramatikerin Katja Brunner aus dem Jahr 2010 wurde am Samstag am Schauspielhaus Hannover zum ersten Mal in Deutschland gezeigt und mit kräftigem Applaus quittiert. Die starke und schonungslose Inszenierung von Heike M. Götze kam an - auch und gerade weil viele Szenen nur schwer auszuhalten waren.

Das Grauen geht so: Ein Vater missbraucht seine kleine Tochter, die Mutter schaut weg, das Umfeld auch, am Ende ist das Mädchen schwanger, der Vater tot, die Familie zerstört. Leicht ist der Stoff nicht, den die 21-jährige Brunner in ihren multiperspektivischen Stück aufgeschrieben hat. Aber wie sollte das auch gehen?

Die Einsichten, die Brunner liefert, sind keine erwartbaren oder einfachen. Die Zuschauer sehen die Tragödie aus Sicht derer, die betroffen sind samt ihrer teils schockierenden Gedanken. So bleibt der Mutter nicht nur der Schrei im Hals stecken, als sie erkennt, was sich zwischen ihrem Mann und der Tochter abspielt. Sie ist auch eifersüchtig auf das Mädchen, sieht die Sache «von Frau zu Frau».

Zugleich versucht der Vater sich zu rechtfertigen: «Weich», «warm» und «auch so schnurrend» sei doch sein Kind gewesen - «das geht manchmal von ganz allein los». Nicht nur an Stellen wie diesen ist die Anspannung im Publikum zu spüren. Schwer auszuhalten sind auch die Gedanken des kleinen Mädchens, wenn es sich als «zu kurz geratene Erwachsene» beschreibt und die Liebe zum Vater verteidigt.

Neben der Texttreue überzeugt Götzes Aufführung durch ein stimmiges Bühnenbild (Dirk Thiele und Mareike Hantschel) und starke Kostüme (auch Götze). Die Kleidung der Figuren ähnelt Patientenleibchen, der Blick auf Rücken und Gesäß ist frei, die Unterleiber sind zu sehen: Die Sexualität also bestimmt ihre Geschichte - eine Geschichte, die sie zu Patienten gemacht hat.

Täter-Opfer-Schablonen bestimmen das Stück aber nicht. Stattdessen gelingt Brunner ein aufreibender Einblick in das Thema, weil sie die Sicht aller auf das Geschehene zeigt. Die Vergangenheit wird dabei von verschiedenen Erzählerstimmen - die in einem eindringlichen Spiel von Lisa Natalie Arnold, Katja Gaudard, Dominik Maringer und Oscar Olivo dargestellt werden - verhandelt. Dabei bleibt die Deutung des Erlebten und Gedachten immer offen, immer werden verschiedene Versionen angeboten.

Das Stück, das vergangenes Jahr in Zürich uraufgeführt wurde, sei auch eines über konkurrierende Versionen der Vergangenheit und über die Herstellung des Ichs, sagt Brunner. «Ich wollte den Mechanismus angucken, wie ein Missbrauch so lange verdeckt bleiben kann», erklärt die 21-Jährige, die Literarisches Schreiben in Bern und Berlin studiert.

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