Kultur
Skandalautor Bukowski im Klassik-Programm

Frankfurt am Main (dpa) - Darauf hätte Charles Bukowski sicher einen kräftigen Schluck genommen: 18 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht der Fischer Verlag eine Sammlung seiner Erzählungen und Kolumnen - in der Klassiker-Reihe.

Dienstag, 11.12.2012, 08:03 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 11.12.2012, 08:03 Uhr

Damit hat Bukowski (1920-1994) nach seinen Anfängen als Provokateur über den Aufstieg zum Kultautor jetzt posthum sozusagen den finalen Karriereschritt gemacht. Und das ist allemal einen Drink wert, wie eigentlich fast alles für Bukowski ein Grund zum - pardon - Saufen war. Auch deshalb trägt das Buch mit erstmals auf Deutsch veröffentlichten Texten den Titel «Das weingetränkte Notizbuch.»

Was aber macht einen Klassiker aus? Unter anderem, dass er auch nach seiner Schaffenszeit den Lesern etwas mitzuteilen hat, dass er mehr ist, als nur eine Modeerscheinung. Um es gleich vorwegzunehmen: Underground-Idol Bukowski besteht den Test, wenngleich mit kleinen Abstrichen. Seine Geschichten aus der Gosse, seine Derbheit und Schnoddrigkeit, seine Abscheu für das Leben und seine mit Witz gewürzte Verzweiflung treffen noch immer.

Der in Andernach am Rhein geborene und in amerikanischen Slums aufgewachsene Bukowski wollte die dunkle Seite der USA beleuchten, nicht das Leben der oberen Mittelschicht, das zu seinem Leidwesen in so vielen Romanen besungen wurde. «Über das verpfuschte Leben fast aller Menschen, die Traurigkeit, die ganze Traurigkeit, den Irrsinn, das Lachen trotz des Kummers stand da wenig», heißt es in der anrührenden Erzählung «Ich lerne den Meister kennen».

Wer den Kelch bis zur Neige getrunken hat - und das ist bei Bukowski durchaus wörtlich zu nehmen - der kennt die Abgründe. Der weiß, wie es ist, besoffen, geschunden und ausgeraubt im Dreck zu liegen, sich wie ausgekotzt zu fühlen. Bukowski ließ sich gehen, quälte sich und andere und schuf daraus seine Kunst. Und er fand schließlich, auch überraschend für ihn selbst, seine Leser. Nicht selten stammten sie aus der deutschen Mittelschicht, die in einer Mischung aus Verschämtheit und Bewunderung seine gnadenlose Sicht auf die Welt goutierte, die ihn um seine Freiheit beneidete, seine Konsequenz, zu der ihr der Mut fehlte.

Manche Provokation, etwa seine Abhandlung über Fäkalien aus dem Jahr 1974, klingt heute schal, da Comedians und Rapper mit schlimmeren Begriffen nur so um sich werfen. Die Larmoyanz, die Trinkern zuweilen eigen ist, hat damals schon genervt. Und Bukowskis Faible für Pferdewetten ist auch nicht jedermanns Sache.

Deutlich wird: Der Autor leidet und will im Leid sich und das Leben spüren. Neben Schmerz und Alkohol saugt er Literatur und Musik in sich auf, vermischt all das und vertraut das Ergebnis seinem weingetränkten Notizbuch an. Und das ist voll des heiligen und unterhaltsamen Zorns. «Und ihr versucht mal, so viel zu schreiben wie ich, ohne vom Stuhl zu fallen. Einstweilen schert Euch zum Teufel, bis ihr die Verzweiflung lebendiger Kunst ohne falschen Schnurrbart versteht.»

(Charles Bukowski: Das weingetränkte Notizbuch, Stories und Essays von 1944 bis 1990, 352 S., 19,99 Euro, ISBN 978-3-596-95000-3)

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