Kultur
Unter Mördern: «Pol Pots Lächeln»

Berlin (dpa) - Im Sommer 1978 reisen vier schwedische Idealisten nach Kambodscha, um sich ein Bild von dem Land zu machen, über das damals im Westen Horrornachrichten kursierten. Die Kommunisten unter Pol Pot, hieß es, hätten ein Schreckensregime aus Zwangsarbeit, Hunger und Massenmord errichtet.

Montag, 06.05.2013, 17:27 Uhr

Die Intelligenz würde systematisch ausgerottet, Familien würden zerstört, Menschen versklavt, um einen rückwärtsgewandten kommunistischen Bauernstaat zu errichten. Doch nur wenige gesicherte Nachrichten drangen nach draußen. Die vier Schweden, darunter der seinerzeit bekannte Journalist Jan Myrdal, gehörten zu den wenigen Ausländern, die ins Land gelassen wurden.

Sie waren linksgerichtete Aktivisten mit großen Sympathien für die Roten Khmer um Pol Pot . Was die westlichen Reisenden sahen, schien allen Gräuelnachrichten zu widersprechen. Massenmord, Zwangsarbeit, hungernde Menschen? Nichts davon bekamen sie zu Gesicht. Nur glückliche, wohlgenährte Bauern vor gut bestellten Reisfeldern und prall gefüllten Manioksäcken. Die vier Schweden sandten enthusiastische Berichte nach Hause. Heute ist klar, dass sie einer großen Farce aufgesessen waren.

Jahrzehnte später geht der junge schwedische Autor und Journalist Peter Fröberg Idling , dem Geheimnis dieser seltsamen Reise auf den Grund. Seine faszinierende Spurensuche ist jetzt in dem Buch «Pol Pots Lächeln» nachzulesen. Wie konnte es sein, fragt Idling, dass vier intelligente Menschen nicht merkten, dass sie von den Kommunisten an der Nase herumgeführt wurden und ihnen Potemkinsche Dörfer vorgesetzt wurden? Und wie war das ausgeblutete Kambodscha überhaupt zu einer so aufwendigen Inszenierung fähig?

Idling versucht nicht nur, die damaligen kambodschanischen Organisatoren der Reise aufzutreiben. Er will auch mit den vier Schweden ins Gespräch zu kommen, doch das gelingt nur teilweise. Jan Myrdal etwa verweigert sich ihm barsch. Er bleibt uneinsichtig. Noch Jahrzehnte nach seiner Reise besteht er darauf, keinen Massenmord gesehen zu haben, und dass die Hungersnot in Kambodscha - wenn überhaupt - von den Amerikanern verursacht worden sei.

Andere damalige Mitreisende gestehen immerhin ihre jugendliche Verblendung ein. Mit der sie sich im Übrigen in bester Gesellschaft befanden. Denn auch renommierte Intellektuelle wie etwa der schwedische Autor Per Olov Enquist oder der Amerikaner Noam Chomsky verwiesen die Berichte über die Massenmorde der Roten Khmer damals ins Reich der Legende. Enquist etwa sprach abfällig von westlichen «Krokodilstränen».

Idlings Buch ist deshalb auch eine Reise zurück in die 1970er Jahre mit ihren Salonrevolutionären, die Terror nur bei den «amerikanischen Imperialisten» oder rechtsgerichteten Diktatoren anerkennen wollten und auf dem linken Auge blind waren. Tatsächlich starb beim Völkermord der Roten Khmer fast ein Drittel der Kambodschaner.

Wer wirklich wissen will, wie die Kambodschaner unter der knapp vierjährigen Herrschaft Pol Pots lebten oder vielmehr vegetierten, der sollte die Autobiografie des Regisseurs Rithy Panh lesen, die gerade unter dem Titel «Auslöschung» erschienen ist. Rithy Panh verbrachte seine Jugend unter dem Schreckensregime und verlor damals einen großen Teil seiner Familie. Er selbst wurde als «Genosse Kahlkopf» zum Arbeitssklaven erniedrigt und rettete sich nur mit viel Glück. In seinem erschütternden Buch schildert er auch viele Gespräche mit dem gefürchteten Direktor des Foltergefängnisses S 21 in Phnom Penh, Duch, der zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt wurde. Ein verstörendes Detail bleibt am Ende in Erinnerung: das gewinnende Lächeln dieses Massenmörders - ähnlich wie bei Pol Pot.

- Peter Fröberg Idling: Pol Pots Lächeln. Eine schwedische Reise durch das Kambodscha der Roten Khmer. Edition Büchergilde, Frankfurt am Main, 352 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-86406021-2

- Rithy Panh mit Christophe Bataille: Auslöschung. Ein Überlebender der Roten Khmer berichtet. Hoffmann und Campe, Hamburg, 238 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-455-50264-0

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