«Open Access»
Vom Turmbau zu Babel bis Sigmar Polke: Bürger gestalten Ausstellung

Gelungenes Experiment in der Kunsthalle: 13 Hamburger aus unterschiedlichen Ländern diskutieren über gesellschaftliche Themen, die sie bewegen - und suchen die passenden Bilder dazu aus.

Donnerstag, 11.05.2017, 14:08 Uhr

Die Kuratorin Delphine Takwi in der Ausstellung «Open Access. 13 Blicke in die Sammlung».
Die Kuratorin Delphine Takwi in der Ausstellung «Open Access. 13 Blicke in die Sammlung». Foto: Daniel Reinhardt

Hamburg (dpa) - «Wolf, Löwe und Bär sehe ich als die drei großen Religionen: Judentum, Christentum und Islam. Auf dieser Zeichnung leben sie in Frieden zusammen. Das ist es, was wir uns alle wünschen.»

Das hat Ali Awudu, geboren in Ghana, unter die Radierung «Die Befreiung vom Wolf und Bären» von Allaert van Everdingen (1621-1675) geschrieben.

Delphine Takwi, geboren in Kamerun, hat sich Selbstporträts von Cindy Sherman ausgesucht: «Jugendliche in Deutschland haben alle Möglichkeiten. Das Schulsystem ist frei und an jeder Ecke ist eine Schule. Aber dieses Mädchen hat keine Lust zu lernen. Es braucht einen Schubs - und das geht nur mit einem richtigen Empowerment-Programm für Jugendliche», schreibt sie dazu.

13 Menschen - 13 Blicke auf die Sammlung der Hamburger Kunsthalle. Für seine erste Ausstellung «Open Access» hat der neue Direktor Christoph Martin Vogtherr zwölf Hamburger eingeladen, sich in mehrwöchigen Workshops intensiv mit den Werken des Museums zu beschäftigen. «Die Kunsthalle möchte einen Dialog über aktuelle Themen der vielfältigen Stadtgesellschaft anregen und lädt alle Bürger ein, sich daran zu beteiligen», sagte Vogtherr am Donnerstag in Hamburg. Bis zum 27. August sind rund 50 Werke vom Mittelalter bis in die Moderne zu sehen, die sich mit den Themen Dialog, Empowerment, Freiheit, Gemeinschaft und Respekt auseinandersetzen.

In gegenseitigen Interviews lernte sich das Ausstellungsteam zunächst kennen. Unterschiedliche Biografien, Hintergründe und Sichtweisen treffen aufeinander. Es sind Menschen aus Afghanistan und Syrien, aber auch aus der Ukraine dabei, so wie Heide Kadula, die als kleines Mädchen während des Zweiten Weltkriegs mit ihren Eltern vor den Russen fliehen musste. Sie ist mit 73 Jahren die Älteste, Nursima Nas mit 19 Jahren die Jüngste. Sie alle eint, dass sie zu unterschiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen Ländern nach Hamburg gekommen und geblieben sind. Unter dem Motto «Was ist mir wichtig?» und «Welche Kunst hat mit mir zu tun?» recherchieren sie in der Museumsdatenbank und Bestandskatalogen und wählen schließlich die Werke aus, die in der Ausstellung zu sehen sind.

«Nicht kunsthistorisches Fachwissen steht im Vordergrund, sondern persönliche Sichtweisen, Bezüge zur eigenen Herkunft und individuelle Deutungen», sagt Marion Koch vom Projektteam. So hat Heide Kadula verschiedene Stadtansichten von Hamburg ausgesucht, die mit dem Gängeviertel die Schatten- und mit Alster und Elbe die schönen Seiten von Hamburg zeigen. Khalil Balbisi aus Israel hat auf einem Gemälde von Erich Brill (1895-1942) das Viertel in Jerusalem entdeckt, in dem er zehn Jahre gelebt hat. Als Beispiel für das Thema Dialog wählten die Teilnehmer eine Skulptur von Franz Erhard Walther, in der sich zwei Menschen gegenüber stehen sollen. Ein Foto von Andy Warhol zeigt zwei Männer, die sich ungeniert in der Öffentlichkeit küssen.

Hosein Youssofi aus Afghanistan entdeckte ein mittelalterliches Gemälde, das den Turmbau zu Babel zeigt. «Das muss zu der Geschichte in meinem Religionsbuch gehören», erzählt er in einem Video, das sich die Besucher ansehen können. «Die Geschichte gibt es auch in der Bibel», ergänzt Gala aus der Ukraine. «Zwei unterschiedliche Religionen, aber so viele Gemeinsamkeiten», stellt Hosein daraufhin fest. Einer jungen Frau mit Kopftuch, geboren in Indonesien, gefällt das Gemälde «Flucht Schwarz - Rot - Gold» von Sigmar Polke, «weil in meiner Kultur Freiheit Luxus ist». Und Delphine aus Kamerun stellt fest: «Über das Projekt habe ich die Liebe zur Kunst entdeckt und war sehr traurig, als es zu Ende ging.»

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