«Wie ein Chirurg»
Mannheim restauriert vernachlässigte Kunstsammlung

Die Kunsthalle Mannheim wird aufwendig verändert und ist bis Weihnachten eine Baustelle. Mittendrin reparieren Restauratorinnen mit großer Sorgfalt beschädigte Gemälde im Millionenwert.

Samstag, 13.05.2017, 12:04 Uhr

«Wie ein Chirurg» : Mannheim restauriert vernachlässigte Kunstsammlung
Foto: Uwe Anspach

Mannheim (dpa) - Es ist ein seltener Blick hinter die Kulissen eines Museums. Fast wie Patienten in einem Operationssaal liegen in Mannheim einzigartige Kunstwerke auf dem Tisch von Restauratorinnen.

«Stimmt, man fühlt sich wie ein Chirurg», sagt Daniela Hedinger und beugt sich über das Bild «Fastnacht» von Max Beckmann (1884–1950). Die Arbeit mit Spezialwerkzeug wirkt wie ein Eingriff am offenen Herzen, mit großer Sorgfalt und verborgen vor der Öffentlichkeit. Noch bis Weihnachten ist die Kunsthalle in Mannheim wegen eines Neubaus geschlossen, das Museum nutzt die Zeit zum Restaurieren.

Mit Respekt, aber doch entschlossen bearbeitet Hedinger mit einem Heizspachtel den Rand des Gemäldes. «Ich denke nicht an den Millionenwert, wenn ich an einem solchen Bild arbeite - das würde mich vielleicht hemmen», meint die erfahrene Expertin. In dem fensterlosen Raum imitieren Strahler das Tageslicht, auf einem Tisch stehen Mikroskope, Watte und Störleim. An der Wand hängen Gemälde von Rudolf Schlichter (1890–1955) und Erich Heckel (1883-1970). Es ist eine Werkstatt auf Zeit - normalerweise flanieren hier Besucher.

Staub, Schmutz, Transportschäden: Nicht alle Werke der Kunsthalle sind in einem wirklich guten Zustand. «Viele unserer 2000 Gemälde waren lange vernachlässigt», räumt Vizedirektorin Inge Herold ein. Einiges befinde sich seit Jahrzehnten im Depot. «Was nutzt das schönste Bild, wenn der Rahmen Abplatzungen zeigt?», meint Herold.

Um den eigenen Haushalt zu entlasten, schuf das Museum 2009 das Projekt von «Bildpaten» zur Restaurierung von Kunstwerken. Das Geld komme von Privatpersonen, aber auch etwa von Stiftungen, sagt Herold. Allein zwischen 2009 und 2016 seien so rund 270 000 Euro eingegangen. Mit den Spenden wurden bisher 55 Rahmen und 26 Gemälde sowie 11 Grafiken und 5 Skulpturen wieder hergerichtet. «Das ist eine Erfolgsgeschichte», meint die Vizedirektorin. Unter den Bildern sind Kunstwerke von Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc oder Marc Chagall.

In der temporären Werkstatt arbeitet unterdessen Restauratorin Henrike Bierbrodt an einem Gemälde. Bis zum Sommer will die Kunsthalle den Zustand von 50 Bildern und 15 Skulpturen verbessern. Davon sind 20 Gemälde und 5 Skulpturen bereits fertig. Vorsichtig bessert Bierbrodt Schäden am Bild aus. «Bei manchen reicht eine Oberflächenreinigung, bei anderen ist eine tiefere Restaurierung nötig», sagt die Expertin und streicht die lockigen Haare zurück.

Schäden, die auch ein Profi nicht mit bloßem Auge erkennt, zeichnet ein Schwingungsmesser auf. Ein roter Laserpunkt tastet sich summend von links nach rechts auf der Leinwand vor. 24 Stunden benötigt das Gerät der TU Berlin, um etwa Beckmanns «Fastnacht» mit einer Größe von 160 mal 100 Zentimeter zu inspizieren. Bei einer Voruntersuchung hatte Restauratorin Katrin Radermacher bemerkt, dass Stabilität und Spannung der Leinwand unzureichend sind, was bei Transporten zu Schäden führt - etwa, dass sich die Farbe vom Hintergrund löst.

«Das Schwingungsverhalten ist nun sichtbar. Das bringt neues Wissen für die notwendigen konservatorischen Maßnahmen», sagt Radermacher. «Nicht wiedererkennen» würden die Besucher das Gemälde von 1922. «Die Restaurierung wird ein Knaller. Das Bild wird leuchten - das ist ein Eingriff für die nächsten 200 Jahre», schwärmt die Expertin.

Draußen bohren und schrauben Handwerker auf der Baustelle. Rund 68,3 Millionen Euro soll der Neubau kosten. Es geht nicht nur um mehr Platz für Gemälde und Skulpturen, wie Direktorin Ulrike Lorenz betont. Das Museum der 300 000-Einwohner-Stadt will sich «neu erfinden». Schon jetzt läuft die Digitalisierung der Kunstwerke.

Lorenz will in ihrem Haus nicht bloß Kunstgeschichte nacherzählen. «Unser Ziel ist eine Ausrichtung auf Fragen, die die gegenwärtige Stadtgesellschaft interessieren: Leidenschaft, Gewalt, Ordnung, Chaos», sagt die 1963 in Gera (Thüringen) geborene Direktorin. Für Lorenz haben Museen einen Bildungsauftrag: «Kunst ist Aufklärung.»

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