Zeitgenössische Kunst
Berlin verliert Flick-Sammlung

Der Namen Flick steht nicht nur für tiefste NS-Verstrickung, sondern auch für eine spektakuläre Kunstsammlung. Noch sind die Werke in Berlin zu sehen. Doch bald ist Schluss.

Freitag, 24.04.2020, 17:46 Uhr aktualisiert: 24.04.2020, 17:50 Uhr
«Indoor Outdoor Seating Arrangement» von Bruce Naumann im Museum Hamburger Bahnhof.
«Indoor Outdoor Seating Arrangement» von Bruce Naumann im Museum Hamburger Bahnhof. Foto: Wolfgang Kumm

Berlin (dpa) - Mit der «Flick Collection» verlieren die Berliner Museen überraschend eine der wichtigsten und zugleich umstrittensten Privatsammlungen. Der Leihvertrag endet im kommenden Jahr.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Contemporary Art Limited haben sich geeinigt, den im Jahr 2003 geschlossenen Leihvertrag über die «Flick Collection» am 30. September 2021 auslaufen zu lassen, wie die Stiftung am Freitag mitteilte. Hinweise, wo die Sammlung des Unternehmers Friedrich Christian Flick künftig verbleiben soll, gab es zunächst nicht.

Der Stiftungs-Präsident Hermann Parzinger sprach von einem gravierenden Verlust. «Das ist für uns extrem bedauerlich, weil die Sammlung von herausragender Bedeutung ist», sagte Parzinger der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. «Wir haben mit Flick über viele Jahre sehr gut zusammengearbeitet.» Er sei einer der ganz großen Mäzene der Nationalgalerie. «Er hat fast 300 Werke in zwei großen Schenkungen der Nationalgalerie und der Stiftung vermacht.» Die Stiftung gehe mit Flick im Guten auseinander. «Es gibt die Möglichkeit weiterer Leihgaben.»

In einer gemeinsamen Erklärung werden der geplante Abriss der Rieck-Hallen, in der die Sammlung neben dem Hamburger Bahnhof in Berlin gezeigt wird, und die vorgesehene Neubauten als Gründe genannt. Der Ausbau des Standorts Hamburger Bahnhof werde weiterverfolgt, sagte Parzinger. «Vielleicht wird das neue Gebäude so attraktiv, dass wir die Zusammenarbeit auch wieder verstärken können.»

Die Sammlung wurde im Hamburger Bahnhof der Nationalgalerie präsentiert. Nach der Eröffnungsausstellung 2004 wurden dort jährlich ein bis drei Ausstellungen mit Werken aus der Sammlung gezeigt.

Im Zentrum der etwa 1500 Arbeiten umfassenden «Flick Collection» stehen rund 100 Werke des US-amerikanischen Künstlers Bruce Nauman. Daneben gehören zentrale Arbeiten von Andy Warhol, Sol LeWitt, Robert Ryman, Nam June Paik oder Pipilotti Rist zur Sammlung. Auch deutsche Künstler sind vertreten etwa mit Sigmar Polke, Gerhard Richter, Georg Baselitz und Neo Rauch.

Experten schätzten den Wert der Sammlung schon vor Jahren auf mehrere hundert Millionen Euro. Flick wurde schon früh verdächtigt, seine Sammlung über die Präsentation im Museum aufwerten zu wollen.

Hoch umstritten war die Leihgabe aber vor allem wegen der NS-Vergangenheit von Großvater Friedrich Flick, der als Rüstungsunternehmer während des Nationalsozialismus von Zwangsarbeitern profitierte. Sein Enkel beteiligte sich dennoch nicht am Entschädigungsfonds und gründete stattdessen eine eigene Stiftung. Während manche die Sammlung als Glücksfall für Berlin verklärten, ätzten Kritiker gegen eine «Göring Collection».

Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie, sprach in einer Mitteilung von einer «der weltweit herausragendsten internationalen Sammlungen zur zeitgenössischen Kunst». Die Auswirkung der Entscheidung sei «in ihrer gesamten Tragweite zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht absehbar».

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