Momentaufnahmen
Pete Dohertys «Hamburg Demonstrations»

Im Jahr 2014 verbrachte der als Skandalrocker bekannt gewordene Pete Doherty einige denkwürdige Monate in Hamburg. Jetzt, mehr als zwei Jahre später, kommt sein Album «Hamburg Demonstrations» auf den Markt: ein Tagebuch aus einer Zeit voller Dämonen.

Montag, 05.12.2016, 06:02 Uhr
Veröffentlicht: Montag, 05.12.2016, 06:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 05.12.2016, 06:02 Uhr
Peter Doherty und Johann Scheerer bei einer Aufnahmesession zum Album «Hamburg Demonstrations».
Peter Doherty und Johann Scheerer bei einer Aufnahmesession zum Album «Hamburg Demonstrations». Foto: Gerrit Starczewski

Hamburg (dpa) - Als Pete Doherty 2014 nach Hamburg kam, da ging es ihm nicht gut. Er torkelte nachts betrunken und zugedröhnt über den Kiez, lebte sogar zeitweise in einem Wohnwagen.

Und schwärmte damals in einem «Spiegel»-Interview vom «Drob Inn», einer Einrichtung der Hamburger Suchthilfe am Hauptbahnhof, «weil es da saubere Spritzen gibt und man sich in Ruhe einen Druck setzen kann».

«Einerseits war ich abenteuerlustig, oft auch ziemlich ungezogen, ich habe ein paar gefährliche Dinge gemacht. Es gab eine Menge verlorener Wochenenden», sagte Doherty jüngst in einem Interview des «Musikexpress».

Jetzt kommt gewissermaßen sein Tagebuch aus dieser Zeit auf den Markt: Rund ein Jahr nach der spektakulären Wiedervereinigung der Libertines ist jetzt Dohertys Solo-Album mit dem Titel «Hamburg Demonstrations» erschienen.

Seine Stimmung bei den Studioaufnahmen, so sagte Doherty, der sich inzwischen lieber Peter als Pete nennt, der Zeitschrift, sei «eher finster, manchmal sogar verzweifelt» gewesen. Die Fürsorglichkeit seines Produzenten sei für ihn ein Problem gewesen: «Ich wurde quasi an den Busen seiner wohlmeinenden Familie gedrückt, während ich einfach nur mein Leben leben wollte.»

«Das Album heißt nicht ohne Grund Hamburg Demonstrations, da sind sicherlich auch die 'demons', die Dämonen, drin, die ihn hier geplagt haben während seines ersten halben Jahres», sagt eben jener Produzent Johann Scheerer im Interview der Deutschen Presse-Agentur , der das Album mit Doherty aufgenommen und dazu viel Geduld gebraucht hat.

«Die Arbeit mit Pete ist immer - wie bei jedem Menschen - abhängig davon, wie es ihm geht. Das gilt ja vor allem bei Kreativen: Die Tagesform ist immer entscheidend», sagt er. «Wenn man schwerst multitox drogenabhängig ist, dann variiert die Tagesform natürlich dementsprechend heftiger als bei einem Nicht-Drogenabhängigen. Insofern gibt es da eine totale Unberechenbarkeit.»

Diese Unberechenbarkeit ist dem Album allerdings nicht anzumerken. Es ist eine ebenso ruhige und melodische wie starke und vielschichtige Platte geworden, auf der Doherty sich wünscht, nicht so zu enden wie «Kolly Kibber» (Song 1) aus Graham Greenes Roman «Brighton Rock», oder vom «prison of my mind» (etwa: «Gefängnis meines Geistes») singt (Song 2, «Down For The Outing»). «Only luck can heal the sickness of celebrity» (Nur das Glück kann die Krankheit der Berühmtheit heilen) singt er im dritten Lied «Birdcage» von einem Vogel im Käfig.

Zum ersten Mal singt Doherty auf Deutsch: «Oh Liebling, Liebling die Form zerbrach noch in der ersten Nacht, die Nacht des ersten Lichts» heißt es in «Kolly Kibber». Und: «Danach kommt nix, oder?»

«Es geht um eine Momentaufnahme und darum, abzubilden, in welchem Geisteszustand er sich gerade befindet», sagt Produzent Scheerer, der Doherty monatelang in seiner Künstlerwohnung über dem Studio wohnen ließ, damit er nicht obdachlos war, und ihm nach eigener Aussage zu dem Entzug in Thailand riet, den Doherty in Angriff nahm, bevor er 2015 mit den Libertines die großen Bühnen zurückeroberte. Als er von dem Entzug und der Tour mit den Libertines zurück nach Hamburg kam, sei die Arbeit viel einfacher gewesen, sagt Scheerer.

Für «Hamburg Demonstrations» hat Doherty auch das Lied «Flags From The Old Regime» neu aufgenommen, das er seiner 2011 gestorbenen Freundin Amy Winehouse gewidmet hat. Und die Platte präsentiert mit der Ballade «She Is Far» so etwas wie eine Legende. Das Lied schrieb Doherty als Teenager, und es wird nach Angaben Scheerers schon seit 15 Jahren online schwarz gehandelt. Jetzt gibt es den Song ganz offiziell.

Das Herzstück des Albums ist aber «Hell To Pay At The Gaters Of Heaven», das Doherty unter dem Eindruck der Terroranschläge in Paris - vor allem im Konzertsaal «Bataclan» - schrieb. «Oh come on boys - you gotta choose your weapon» (Los Jungs, ihr müsst Eure Waffen wählen) heißt es darin. Und zur Auswahl gibt Doherty die J-45, die legendäre Gitarre, auf der einst auch John Lennon spielte, und die AK 47 - das Sturmgewehr Kalschnikow. Die Kernbotschaft: Junge Männer müssen nicht töten, um berühmt zu werden. Es geht auch mit Musik.

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