Initiative Fair Share
Streit um Streaming-Erlöse: Stars als Reform-Speerspitze?

Die deutsche Musikindustrie floriert wieder, weil die Fans sich ihre Lieblingssounds massenhaft aus dem Netz holen. Der Boom beim Audiostreaming hat nun Nebeneffekte: Stars wie Helene Fischer oder Peter Maffay wollen den Reibach anders verteilen. Auch gerechter?

Donnerstag, 27.02.2020, 14:14 Uhr aktualisiert: 27.02.2020, 14:16 Uhr
Die «Initiative Fair Share» will erreichen, dass Streaming-Erlöse anders verteilt werden.
Die «Initiative Fair Share» will erreichen, dass Streaming-Erlöse anders verteilt werden. Foto: Franziska Gabbert

Berlin (dpa) - 107 Milliarden Audiostreams wurden 2019 auf dem weltweit viertgrößten Musikmarkt Deutschland aus dem Internet abgerufen - doppelt so viele wie zwei Jahre zuvor.

Das Wachstum im noch jungen Digitalsektor ist also enorm, die Branche jubiliert: Nach negativen Jahresbilanzen 2017 und 2018 verzeichnet der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) fürs Vorjahr wegen der hohen Streaming-Erlöse wieder 8,2 Prozent Gesamtumsatz-Plus auf gut 1,6 Milliarden Euro. Alles wieder gut in der lange darbenden Musikwirtschaft? Nicht ganz.

Denn während die Industrie «stimmungsmäßig zwischen digitaler Euphorie und digitaler Demut» (Verbandschef Florian Drücke) Überleben und Aufschwung dank Audiostreaming feiert, wird im Hintergrund ein Verteilungskampf ausgefochten. An der Spitze der Bewegung stehen nicht irgendwelche trotz Booms zu kurz gekommenen Nachwuchsmusiker - sondern Großkünstler wie Sarah Connor, Herbert Grönemeyer, Helene Fischer oder Peter Maffay.

Adressaten des Protests unter dem Motto «Fair Share» (Faire Teilhabe): die großen Musiklabels. Das Ziel der Reform: ein transparenteres, am Ende auch gerechteres Verteilungsmodell für die Streaming-Erlöse. Das kürzlich als «Brandbrief der Stars» lancierte Schreiben von Künstlermanagern an die Weltunternehmen Universal, Sony, Warner und BMG soll dafür nur der Anfang sein.

Der Sprecher der «Initiative Fair Share», Daniel Maurer aus dem Maffay-Management, sagte der Deutschen Presse-Agentur, der Vorstoß sei «für die gesamte Musikwirtschaft relevant. Gerade die Künstler, die eher Nischen bedienen, und die Nachwuchsmusiker würden enorm davon profitieren, wenn wir uns mit unseren Forderungen durchsetzen.» Denn weniger bekannte Künstler seien «nicht in der Lage, solchen Forderungen den notwendigen Nachdruck zu verleihen. Deshalb geht die Initiative von den etablierten Musikern aus», so Maurer.

Derzeit, so die Kritik, habe man keinen Einfluss auf die Verträge der Labels mit Streamingdiensten wie Spotify, Apple oder Amazon - und keinerlei Einblick in Abrechnungsunterlagen. «Alle Erlöse kommen in einen Topf und werden dann an die Musikfirmen ausgeschüttet, nach Abzug dessen, was die Streamingplattformen selbst einbehalten», erklärte Maurer. «Die Musikfirmen verteilen das Geld dann nach einem Schlüssel, der nicht offen kommuniziert wird, an die Künstler» - eine Art Wundertüte.

Besserung sollen «nutzerzentrierte Abrechnungsmodelle» schaffen: Der monatliche Obolus eines Musikhörers von etwa zehn Euro fließt dabei nicht in einen großen Topf, sondern an diejenigen Künstler, die der Kunde tatsächlich hört. Wer also einen Monat lang nur Musik von Bob Dylan streamt, zahlt auch nur für Dylan ein.

«The Times They Are a-Changin’» - die großen Musiklabels stehen durchaus unter Druck, weil Künstler mit der digitalen Vermarktbarkeit ihrer Musik verstärkt eigene Wege gehen können, bei Erfolg also auch mehr Macht haben. Während die Firmen bei den physischen Tonträgern CD und Vinyl noch auf Produktions-, Verpackungs- und Vertriebsaufwand verweisen können, fallen diese Kostentreiber beim digitalen Musikangebot per Audiostream weg.

Daraus könnte sich eine gewisse Offenheit für neue Modelle ergeben - auch wenn bisher von den Labels wenig zu dem Reformvorstoß zu hören ist. «Wettbewerbsrechtliche Grenzen» führt Warner laut «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» an, während BMG «Ungereimtheiten traditioneller Plattenverträge» einräumt.

Konkretere Gespräche gibt es seit kurzem mit Universal und BMG, wie «Fair Share»-Sprecher Maurer verriet. «Das erste Ziel unserer Initiative, nämlich mit allen Labels an einen Tisch zu kommen, ist damit zumindest schon teilweise erreicht. Bei Sony Music und Warner Music haben wir erneut um ein Gespräch gebeten. Sony Music hat bereits Bereitschaft dazu signalisiert.»

Der Dachverband BVMI für rund 200 Produzenten und Unternehmen, die gut 80 Prozent des deutschen Musikmarkts repräsentieren, hält sich bisher zurück. Vorstandschef Drücke sagte im dpa-Gespräch über «Fair Share», man habe es hier zu tun «mit einem Zusammenschluss mehrerer Manager, mit ganz unterschiedlichen Geschäftsmodellen, sehr unterschiedlich positioniert am Markt». Als Schiedsrichter sieht sich der Verband nicht: Neue Wege bei der Abrechnung - das sei «eine Diskussion, die die Plattformen letztlich gemeinsam mit allen Marktteilnehmern entscheiden».

Zu der Branche mit insgesamt 20.000 Beschäftigten gehört auch der Verband unabhängiger Musikunternehmer*innen (VUT). Dessen Vorstandschef Mark Chung, bekannt als Bassist der Indierock-Ikonen Einstürzende Neubauten, wünscht sich eine Vergütungsreform nach dem Prinzip: «Das, was ich gehört habe - das sind die Leute, die das Geld bekommen», wie er dem Deutschlandfunk sagte. Unterstützung kommt auch vom Deutschen Musikverleger-Verband: «Wir fordern schon länger, die Verteilung der Streaming-Erlöse so anzupassen, dass auch die Musikautoren mehr vom Kuchen abbekommen.»

Stars wie Connor, Fischer, Grönemeyer oder Maffay verdienen jetzt schon viel Geld mit Audiostreaming - weniger Prominente könnten indes ein größeres Stück von der Torte gut gebrauchen. Nach Berechnungen des Initiativensprechers Maurer landen pro eine Million Streams 3000 Euro bei den Plattenfirmen. «Und in der Regel ist es so, dass zwischen 15 und 20 Prozent der 3000 Euro bei den Künstlern ankommen.» Maximal 600 Euro bei einer Million Audiostreams - für viele Musiker tröpfeln die Einnahmen da nur sehr langsam aufs Konto.

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