Interview mit Moka Efti Orchestra
„Wir haben unser eigenes Profil“

Münster -

Das Corona-Virus wirft so manchen Plan über den Haufen. Auch den von Mario Kamien vom Moka Efti Orchestra, den unser Redakteur Carsten Vogel beim Gespräch auf der Tour-Station in Bremen erreicht.

Montag, 20.04.2020, 19:00 Uhr aktualisiert: 20.04.2020, 19:11 Uhr
Sängerin Severija, Nikko Weidemann, Mario Kamien und Sebastian Borkowski mit dem Moka Efti Ochestra.
Sängerin Severija, Nikko Weidemann, Mario Kamien und Sebastian Borkowski mit dem Moka Efti Ochestra. Foto: Joachim Gern

Zu diesem Zeitpunkt hoffte Mario Kamien noch, dass die Musiker ihre Deutschlandtour noch würden fortsetzen können. Aber die Sorge vor der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus machte auch die Auftritte jener Bigband unmöglich, die durch die TV-Serie „Babylon Berlin“ bekannt geworden ist. Kamien hat zusammen mit Nikko Weidemann und Sebastian Borkowski die Musik zur Serie komponiert und arrangiert.

Der von Severija Janušauskaitė gesungene Titelsong „Zu Asche, zu Staub“ war ein veritabler Hit. Das Ende Februar erschienene Debütalbum „Erstausgabe“ erreichte Platz 23 der deutschen Albumcharts. Also doch genug Themen für ein Interview.

Gerade für eine Band, die nicht nur aus vier Leuten besteht, ist die Logistik noch mal eine ganz andere, oder?

Kamien: Wir sind im Nightliner 18 Personen mit Tontechniker und Licht. Mehr passen nicht rein. Das ist schon ein großer Dampfer.

Schränkt Sie das ein? In kleinen Locations können Sie mit so vielen Leuten bestimmt nicht spielen.

Kamien: Wir haben auch auf relativ kleinen Bühnen gespielt, aber wir benötigen schon eine gewisse Anzahl an Zuschauern, damit sich die Kosten decken. Um es etwas anders auszudrücken: Unsere glückliche Fügung ist, dass wir vielleicht nicht auf ganz kleinen Bühnen spielen, dafür aber ganz unterschiedliche Venues bespielen können. Zum Beispiel haben wir sowohl in der Philharmonie in München – also im Gasteig – gespielt. Das ist dann Abo- und Sitzpublikum. Als auch andererseits beim Haldern-Open-Air nachts um zwei Uhr im Spiegelzelt. Oder in Clubs wie das Gloria in Köln. Wir haben den Vorteil uns an die Städte und das Publikum anpassen zu können.

Im Gasteig kann man aber schlecht tanzen.

Kamien: (lacht) Ja, auch das Konzert in der Essener „Lichtburg“ war konzertant. Aber sowohl da als auch im Gasteig sind die Leute später aufgestanden. Manchmal wird eben nur applaudiert, an anderen Abend wird sogar fast Pogo getanzt.

Was macht denn für Sie den Reiz aus, 20er Jahre Musik in den 20er Jahren zu spielen?

Kamien: Wenn man sich das Album anhört oder auch den Song „Zu Asche, zu Staub“, dann merkt man schon, dass das 20er-Jahre Etikett musikalisch nur bedingt passt, weil es nicht puristische 20er Jahre Musik ist. Und das war auch nie unsere Absicht. Unser Ensemble hat eine Instrumentierung, die damals durchaus schon hätte existieren können. Mit diesem Setup haben wir die Möglichkeit, musikalisch ein bisschen die stilistischen Grenzen der 20er Jahre auszuloten. Aber es gibt auch Songs, die damit wenig zu tun haben.

Ist es im Moment ein Vorteil oder ist es möglicherweise auf Dauer eher eine Bürde mit der Serie „Babylon Berlin“ in Verbindung gebracht zu werden?

Kamien: Als wir im vergangenen Jahr angefangen haben zu touren, war das durchaus ein Dosenöffner. Nicht nur das Publikum, sondern auch die Veranstalter brauchen einen Aufhänger. Und wir haben ja nicht nur die Musik geschrieben, wir sind auch die original Bigband aus der Serie. Bei den Live-Shows gibt es kaum optische Referenzen. Hin und wieder erzählen wir eine Anekdote zu einem Song. Aber sowohl mit dem Album als auch mit unseren Konzerten machen wir deutlich, dass wir ein eigenständiger Akt mit einem eigenen Profil sind, der lediglich in der Geburtsurkunde die Serie stehen hat.

Das Albumcover ist aber schon eine Referenz an den Expressionismus der 20er Jahre.

Kamien: Wir hatten das große Glück mit der hervorragenden Illustratorin Elsa Klever zusammenarbeiten zu dürfen. Das Cover ist tatsächlich gemalt. Es hat nicht nur eine gewisse Ästhetik, die definitiv einen optischen Bezug zu der Zeit herstellt. Sondern, weil wir eine akustische Band sind und kein Elektronik-Act, verdeutlicht es auch unser Empfinden dieser Zeit. Das war eine bewusste Entscheidung.

Ab der dritten Staffel von „Babylon Berlin“ fehlt aber Ihre Musik.

Kamien: Genau, im Drehbuch und damit auch in der dritten Staffel, steht das Epizentrum – also der „Moka Efti Club“ – unter Wasser. Es geht eher um eine Kriminalgeschichte in einem anderen Setting. Der eine oder andere musikalische Sprenkel in Form eines Solo-Klavier ist von uns aber noch dabei. Das ist eben eine Entscheidung der Regisseure. Wir hätten gerne weitergemacht, aber das ist kein Beinbruch, weil wir unsere Musik auf die Straße bringen wollen.

Die Hoffnung der Band liegt jetzt auf den Festivals im Sommer und im Herbst. „Wir arbeiten auch bereits an neuen Kompositionen. Und ein bisschen steht der Fokus schon auf dem Ausland“, sagt Kamien im Hinblick auf die Zukunft.

Live

Moka Efti Orchestra, 31. Oktober, Konzerthaus Dortmund, 20 Uhr. Tickets gibt es hier.  

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