Interview mit Andreas Vollenweider
Musik als Motivation in der Krise

Münster -

Andreas Vollenweider hat 18 Alben veröffentlicht, 15 Millionen Tonträger verkauft, den Grammy gewonnen. Der Schweizer Musiker und Multiinstrumentalist ist vor allem bekannt geworden durch seine Art, Harfe zu spielen. Jetzt hat er nicht nur mit „Quiet Places“ ein neues Album, sondern auch den Roman „Im Spiegel der Venus“ veröffentlicht.

Freitag, 06.11.2020, 06:45 Uhr aktualisiert: 06.11.2020, 06:50 Uhr
Andreas Vollenweider mit seiner Harfe. Der Komponist und Musiker hat jetzt einen Roman geschrieben.
Andreas Vollenweider mit seiner Harfe. Der Komponist und Musiker hat jetzt einen Roman geschrieben. Foto: Rene Ruis

Herr Vollenweider, wie sind Sie zur Musik gekommen und was bedeutet diese für Sie?

Andreas Vollenweider: Ich hatte das große Glück, in einem künstlerischen Haus aufzuwachsen. Da gab es eigentlich fast alles: Musik, Tanz, Malerei, Schriftstellerei. Es war einfach eine wunderbare, inspirierende Umgebung. Alle waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ich ungestört meine eigenen Leidenschaften suchen konnte. Ich male und schreibe zwar gerne, aber die Musik stand doch immer im Zentrum für mich. Insbesondere die Tiefe fasziniert mich, die in der Musik zu finden ist. Sie ist wie eine Geheimtür in ein Labyrinth in der Tiefe der eigenen Seele, so führt Musik einen zu sich selbst.

Also hilft Musik, sich selbst zu erkennen?

Vollenweider: Sie hilft auf jeden Fall, dieses verrückte Leben irgendwie zu ertragen (lacht). Ich habe die Schule gehasst, weil es für mich reine Zeitverschwendung war. Es gab so viele andere Themen, denen ich mich hätte widmen wollen. Ich bin nach der Schule nach Hause gerannt, habe die Schultasche in die Ecke geworfen und mich ans Klavier gesetzt. Ich brauchte mindestens eine Stunde freies Musizieren, um meine Welt jeweils wieder aufzubauen. Musik war für mich eine Überlebensstrategie, eine existenzielle Kraft.

Ist Musik auch eine Verbindung zwischen Ihnen und Ihrer Familie?

Vollenweider: Mein Vater war der Musiker in der Familie. Kein einfacher Mann, weil es für ihn eigentlich nur die Musik gab. Um zu ihm durchzudringen, musste man entweder Musik mit ihm machen oder gute Witze auf Lager haben. Er war ein sehr humorvoller Mensch. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass er mit mir auch normale Dinge gemacht hätte, wie Fischen oder Fahrradfahren, stattdessen konnte ich aber stundenlang mit ihm improvisieren. Er hat mir die Sprache der Musik beigebracht: frei zu spielen, nicht nach Noten oder vorgefertigten Strukturen, dem Gefühl folgend.

Was fasziniert Sie an der Harfe?

Vollenweider: Ich habe so lange alle möglichen Instrumente gespielt, bis ich die Harfe gefunden habe, die wie eine Erweiterung von mir selbst ist: im physischen, aber auch im seelischen und emotionalen Sinn. Ein sinnliches Instrument, das eine enorme Bandbreite an Tönen bietet.

Daraus haben Sie einen ganz eigenen Stil entwickelt.

Vollenweider: Das ist irgendwie natürlich gewachsen. Ich bin Autodidakt, in allen Bereichen meines Lebens. Deshalb habe ich auch eine andere Spieltechnik entwickelt, die ganz anders ist, als die klassische Art Harfe zu spielen. Sie ermöglicht mir eine rhythmischere und viel perkussivere Art des Spielens.

Was soll Ihre Musik den Menschen vermitteln?

Vollenweider: In diesen Tagen sind wir alle mit vielen großen Herausforderungen konfrontiert, die uns sehr belasten, und das weltweit. Da ist einmal das Coronavirus, das uns kalt erwischt hat. Dann der Klimawandel, der ja viel dramatischer ist als alles andere. Das haben wir offenbar noch gar nicht wirklich begriffen. Und nachdem wir uns ein paar Jahrzehnte politisch bemüht haben, dass alles zusammenwächst, scheint es jetzt durch einen neuen Nationalismus wieder auseinanderzubrechen. Für die soziale und die ökonomische Krise greift die Politik zwar in die Staatskasse und kann gerade ein bisschen die Strohfeuer löschen, aber für unsere Gefühle, Hoffnungen und auf unsere Ängste, hat sie nichts parat. Dabei sind viele Menschen, offen oder noch versteckt, ziemlich verzweifelt. Und da kommt eben Musik ins Spiel. Musik kann Ruhe schaffen, eine Auszeit ermöglichen, in der man wieder Kraft schöpfen kann. Natürlich nicht jede Art von Musik. Es muss Musik sein, die an all das Positive, Erfreuliche und Wunderbare des Lebens erinnert. Das ist nämlich trotz aller Krisen nach wie vor da. Es werden noch immer Kinder geboren, Bäume wachsen in den Himmel, mit Äpfeln dran, Wasser fließt für uns zu trinken. Ich habe zwei Enkelkinder: Wenn wir uns anschauen, dann kann ich einfach nur glücklich sein, aller Krisen in der Welt zum Trotz. Und das war immer meine Hoffnung, mit der Musik Glücksgefühle auslösen zu können, als Tankstelle für Motivation und Kraft, die wir benötigen, um die Krisen zu meistern und die Welt zu verändern. Wir Menschen haben einen unglaublichen inneren Reichtum. Ich bin ein totaler „Menschen-Fan“, auch wenn es oft niederschmetternd ist, was wir mit diesem großartigen Potenzial wirklich machen. Aber dennoch ist es da und wartet auf uns.

Wann und was war der Durchbruch in Ihrer Karriere?

Vollenweider: Ich wollte nie bewusst eine Karriere als Harfenspieler machen, das hat sich jetzt einfach so ergeben. Und ich habe mich bemüht, es so gut wie möglich zu machen.

Habe Sie Ihre Kinder auch musikalisch erzogen? Und hoffen Sie, dass jemand in Ihre Fußstapfen treten wird?

Vollenweider: Meine Kinder sind mittlerweile erwachsene Menschen. Sie sind so frei wie ich es war. Mit meiner Frau Beata haben wir versucht, auch ihnen eine anregende Umgebung zu bieten. Einer meiner Söhne hat einmal gesagt, er könnte ohne Musik nicht leben. Das hat mich sehr gefreut, weil es mir genauso geht.

Was war der Grund für die lange Pause, die Sie seit 2011 eingelegt haben?

Vollenweider: Das Wort „Pause“ habe ich aus meinem Vokabular gestrichen (lacht). Ich war noch nie so fleißig wie in den vergangenen zehn Jahren. Wir haben 2011 am Montreux Jazz Festival gespielt, ein legendäres Jubiläumskonzert. Es war ein guter Moment für ein Zäsur. Ich habe schon lange an einem Roman gearbeitet und wollte mich ganz darauf konzentrieren. „Im Spiegel der Venus“ hat unglaublich viel Kraft, Zeit und Intensität von mir gefordert.

Wovon handelt der Roman?

Vollenweider: Es geht um Musik, wen wundert‘s (lacht). Und zwar um eben diese Kraft der Musik, die ich vorhin beschrieben habe. Das führt dann aber unvermeidbar zur Frage, wie Wirklichkeit entsteht. Dieses Thema hat mich zeitlebens verfolgt und mich nachts nicht schlafen lassen. Wo ist der Anfang vom Anfang des Anfangs? Ich wollte die Anatomie der Wirklichkeit verstehen. In der Geschichte geht es um einen neunjährigen, argentinischen Jungen, der mit seiner Musik Menschen ganz tief berühren kann. Er kann Dinge auslösen, die rational nicht zu erklären sind, es geht sogar soweit, dass Schwerstkranke geheilt werden können. Natürlich wird er deshalb zum neuen Messias erklärt, er wird verehrt und gejagt. Das Kind ist völlig überfordert, es versucht zu verstehen. In der Romanform konnte ich in diesen Themen in die Tiefe gehen und auf hoffentlich spannende, unterhaltsame und vor allem auf nicht-akademische Weise verarbeiten.

Wie kam Ihnen denn die Idee zu diesem Buch?

Vollenweider: Geschrieben habe ich immer, aber eher für mich. Es war nie etwas davon zur Veröffentlichung bestimmt, es war mehr wie ein erweitertes Tagebuch. Schon als Kind haben mich schwierige Themen beschäftigt, die oft derart komplex und weitläufig waren, dass ich mich leicht darin verlieren konnte. Das Schreiben bietet mir die Möglichkeit, einen gewissen Überblick zu behalten und Ordnung in die Gedanken zu bringen. Dann über die Jahre ist aus solchen Notizen wie von selbst eine Geschichte entstanden. Den Protagonisten habe ich eigentlich dafür missbraucht, dass er sich für mich durch diese ganzen Themen schlägt und Antworten findet. Ich habe ihn beim Schreiben manchmal bedauert. (lacht)

Passend zum Buch wurde auch Ihr neues Album „Quiet Places“ veröffentlicht...

Vollenweider: Ich glaube wirklich, dass die Musik von „Quiet Places“ in diese von schweren Krisen geprägte Zeit passt. Es ist Musik für ruhige Momente, um nach innen zu gehen. Wir teilen diese Krise mit allen Menschen, bis in die hinterste Ecke dieses Planeten. Und wir alle brauchen Quellen der Hoffnung, der Motivation, denn wir sind schlechte Kämpfer für eine bessere Welt, wenn wir entmutigt am Boden liegen. Ich hoffe, dass wir mit unserer Musik Momente schaffen können, in denen die Erinnerung an das was noch immer wertvoll und wichtig und möglich ist, wieder aufleben kann.

Wie sehen jetzt Ihre Pläne aus? Sind schon weitere Projekte in Aussicht?

Vollenweider: Ursprünglich war der Mai dieses Jahres Veröffentlichungstermin. Da waren auch bereits große Konzerte im Vorverkauf. Aber dann kam das Virus und wir mussten alles absagen. Im Moment gibt es keinerlei Planungssicherheit, schon gar nicht für große Konzerte. Deshalb mache ich jetzt viel online: Am 8. Oktober haben wir in Zürich im kleinen Rahmen ein Konzert mit Lesung zur Veröffentlichung des neuen Albums und dem Roman „Im Spiegel der Venus“ veranstaltet. Es wurde gefilmt und wir stellen es online auf YouTube zur Verfügung. Und dann mache ich auch regelmäßig Mini-Konzerte in meinem Studio. Ganz kleine, persönliche Sachen, für die Menschen, die sich die Wirkung dieser Musik abholen möchten.

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