When You See Yourself
Kings Of Leon: Auf der Suche nach dem Feuer

Fünf Jahre, so lange wie noch nie in ihrer Karriere, haben sich die Kings Of Leon mit ihrem neuen Album Zeit gelassen. Nach dem Eindruck der Mitglieder bedurfte es der langen Pause.

Dienstag, 09.03.2021, 06:00 Uhr aktualisiert: 09.03.2021, 06:04 Uhr
Entspannter und gereifter: Kings Of Leon.
Entspannter und gereifter: Kings Of Leon. Foto: -

Nashville/London (dpa) - Seit die Kings Of Leon vor rund zwölf Jahren mit ihrem vierten Album «Only By The Night» von der Indie-Kultband zu internationalen Superstars mutiert sind, wirkte das Quartett zuweilen mit sich selbst überfordert.

Querelen innerhalb der Band, sichtbare Lustlosigkeit auf der Bühne und ein peinlicher Konzertabbruch liegen jedoch längst in der Vergangenheit. Mit ihrem neuen Album «When You See Yourself» wollen sich die Brüder Caleb, Nathan, Jared und Cousin Matthew Followill endgültig als gereifte Band positionieren.

«Ich habe das Gefühl, dass wir alle woanders stehen als früher in unserer Karriere», sagt Sänger und Gitarrist Caleb Followill im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in London. «Wir alle sind jetzt irgendwie Familienmenschen.» Via Telefonkonferenz ist der 39-Jährige mit seinem Bruder Nathan aus ihrer Heimat Nashville zugeschaltet.

Dort - und nicht wie zuletzt in Los Angeles - haben die Kings Of Leon auch ihr achtes Studioalbum aufgenommen. «Es fühlte sich wie zuhause an», so Caleb. «Dadurch haben wir uns etwas mehr reingehängt.» Dass alle vier Musiker inzwischen Väter sind, war laut Schlagzeuger Nathan ebenfalls gut für das Bandklima. «Ich sehe definitiv eine zahmere Version von mir als früher», sagt der 41-Jährige mit Blick auf den Albumtitel und das Stichwort Selbstbetrachtung.

Zahm klingt das Quartett aus Tennessee tatsächlich auf seinem achten Album. «When You See Yourself» ist eine melancholische und teilweise sehr ruhige Platte. «Time In Disguise», die Single «100,000 People» oder der Titelsong wirken beinahe verträumt. «A Wave» beginnt seicht und ambientmäßig, türmt sich aber im Refrain zu einer musikalischen Welle auf, die dann wieder abklingt. Ein kleiner Geniestreich.

«Ich glaube, wir sind alle an einem Punkt, wo wir das genießen, was wir tun», stellt Caleb fest. Das war bei den Kings Of Leon bekanntlich nicht immer der Fall. Legendär der Konzertabbruch 2011, als der Frontmann ankündigte, sich hinter der Bühne übergeben zu wollen und den Rest der Band erzürnte. Nathan entschuldigte sich später für das «peinliche Fiasko». Die restlichen Konzerte der Tournee wurden abgesagt. Einige befürchteten bereits die Trennung.

«Einmal im Monat treffen wir uns zur Therapie», scherzt Caleb heute, ein Zeichen dafür, dass es mittlerweile wieder entspannt und familiär zugeht. Tatsächlich treffen sich die Followills auch privat gern. «Es ist großartig, sich auch außerhalb der Berufswelt zu sehen», sagt der Sänger. «Dann können wir wieder Brüder und Freunde sein. Dann sind wir nicht unterwegs, und es geht nicht nur ums Geschäft.»

Die mehrjährige Auszeit hat den Kings Of Leon offensichtlich gut getan. «Nicht nur, um den Fans eine Pause von uns zu geben», meint Drummer Nathan. So ruhig wie zuletzt sei es in der Band selten zugegangen. «Es war auch gut für uns, ein wenig kürzer zu treten, damit wir die Gelegenheit hatten, unser Feuer zurückzubekommen.»

Dabei spüren die Followills immer noch Druck, sogar mehr als vorher, wie Caleb betont. «Wir wissen heute noch besser, wie wichtig es ist, ins Studio zu gehen und mit etwas rauszukommen, was so gut oder besser ist als das, was man vorher gemacht hat.» Wohl eine Lektion des vergangenen Jahrzehnts. «Mechanical Bull» (2013) und «Walls» (2016) waren kommerziell erfolgreich. Für einige neugewonnene Fans reichten sie aber nicht an «Only By The Night» heran. Anhänger der ersten Stunde kritisierten wiederum, die Band sei zu kommerziell geworden.

Dass die Kings Of Leon auf «When You See Yourself» versucht haben, den nächsten Radiohit zu schreiben, kann man ihnen nicht vorwerfen. Unmittelbare Ohrwürmer enthält das Album nicht. Erst nach mehreren Durchläufen nisten sich die Melodien nach und nach in den Gehörgängen ein. Der gleichermaßen erfolgreiche wie unter Fans umstrittene Stadionrock-Sound eines «Sex On Fire» blitzt nur selten noch auf, am deutlichsten vielleicht noch in der Single «The Bandit».

«Wir genießen den kreativen Prozess jetzt mehr, sind gern im Studio und probieren verschiedene Dinge aus», erzählt Caleb. Sein Cousin, Gitarrist Matthew habe alte Klaviere und Synthesizer eingebracht. Zu hören ist das sehr schön bei den bereits genannten, ruhigeren Tracks oder auch beim treibenden «Golden Restless Age». Die wunderbare Rock'n'Roll-Nummer erinnert entfernt an die Anfänge der Gruppe.

Ob die neuen Songs bei den Konzerten nach der Pandemie und bei großen Festivalauftritten das Publikum mitreißen, wird die Zeit zeigen. Man kann es eben nicht allen recht machen. Aber zumindest vermitteln die von Natur aus nicht gerade überschwänglichen Kings Of Leon den Eindruck, als seien sie wieder mit Leidenschaft dabei.

«Einfach nur Musik zu machen, das macht immer Spaß, das ist der beste Beruf der Welt», schwärmt Caleb Followill. «Aber manchmal kommst du an einen Punkt, wo du das Gefühl hast, dass es klickt und alles passt. Und ich habe das Gefühl, an dem Punkt sind wir jetzt gerade.»

© dpa-infocom, dpa:210302-99-652441/4

Nachrichten-Ticker