Attacke in Berlin
Arrest nach Schlägen gegen Kippa-Träger in Berlin

Die Schläge mit einem Hosengürtel auf einen jungen Israeli in Berlin lösen Empörung und Solidarität aus. Der Student ist mit einem Freund unterwegs, beide tragen Kippa. Der Angreifer muss unter anderem das Haus der Wannsee-Konferenz besuchen.

Montag, 25.06.2018, 19:28 Uhr

Der Angeklagte versteckt in einem Gerichtssaal des Amtsgerichts Tiergarten sein Gesicht.
Der Angeklagte versteckt in einem Gerichtssaal des Amtsgerichts Tiergarten sein Gesicht. Foto: Paul Zinken

Berlin (dpa) - Zwei Monate nach dem Gürtel-Angriff auf einen Kippa tragenden Israeli in Berlin ist ein 19-Jähriger wegen Beleidigung und Körperverletzung schuldig gesprochen worden. Das Amtsgericht Tiergarten verhängte einen Arrest von vier Wochen gegen den Syrer nach Jugendstrafrecht.

Zudem wird er für ein Jahr unter Erziehungsaufsicht gestellt. Der Arrest gilt wegen der Untersuchungshaft als verbüßt. Der Verurteilte kommt frei. Laut Urteil muss der 19-Jährige zudem das Haus der Wannsee-Konferenz besuchen. In der Villa am Berliner Wannsee hatten die Nazis die systematische Vernichtung der Juden abgesprochen.

Dem Urteil zufolge schlug der Syrer den jungen Israeli mehrmals mit einem Hosengürtel, dessen Freund, ein Deutsch-Marokkaner, beschimpfte er antisemitisch. Beide trugen am 17. April im Stadtteil Prenzlauer Berg die traditionelle Kopfbedeckung jüdischer Männer. Der Angriff hatte eine Antisemitismus-Debatte ausgelöst, in mehreren deutschen Städten gab es Solidaritätskundgebungen. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich betroffen gezeigt.

Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, begrüßte den Schuldspruch. Das Gericht sei den absurden Ausflüchten und Rechtfertigungen der Verteidigung nicht gefolgt. «Es zeigt sich aber auch, dass wir mit dem Strafrecht alleine das Antisemitismus-Problem nicht in den Griff bekommen werden.» In der Schulbildung und bei der Integration von Migranten bestehe «sehr viel Nachholbedarf», so Schuster.

Der angegriffene Israeli hatte die Schläge gefilmt und die Aufnahme ins Internet gestellt. Zu sehen ist, wie ein Mann wütend und hasserfüllt mit einem Gürtel auf den Filmenden einschlägt und auf Arabisch «Jude» ruft.

Der Flüchtling hatte die Schläge mit dem Hosengürtel zugegeben. Antisemitische Motive bestritt er aber, die Kippa habe er erst zum Schluss gesehen. Er habe sich im Recht gefühlt, weil er zuerst beschimpft und beleidigt worden sei. Zudem habe er Drogen genommen. Der junge Israeli sagte aus, er habe mit dem Angreifer kein Wort gewechselt.

Richter Günter Räcke urteilte: «Natürlich hat er die Kippa gesehen.» Er habe angegriffen, ohne beleidigt worden zu sein. Es sei ein Ventil für seinen Frust und seine Abscheu gewesen. «Wer sich so benimmt und dann auch noch meint, er fühle sich im Recht, der braucht ein deutliches Stoppsignal.» Die Staatsanwaltschaft hatte neben dem Arrest noch 40 Stunden gemeinnützige Arbeit gefordert. Die verhängte das Gericht nicht - wegen der U-Haft. Die Verteidigung hatte auch für Erziehungsmaßnahmen plädiert. Der Syrer sei nicht antisemitisch, es sei eine «Spontanhandlung» gewesen.

«Ich würde die Kippa nicht wieder aufsetzen, wenn ich allein bin», hatte der 21 Jahre alte Israeli als Zeuge gesagt. Adam A. erlitt Schmerzen an Bauch und Beinen, eine Lippe platzte auf. Als er in die Hauptstadt kam, sei er überzeugt gewesen, dass Berlin sicher sei. «Es war nicht der Fall.» Seelisch sei der Angriff schlimmer als körperlich gewesen, so der Student. Er sei nicht jüdisch, aber unter Juden aufgewachsen.

Dessen Begleiter sagte ebenfalls als Zeuge, er habe nicht gedacht, dass es so gefährlich sei, mit Kippa durch Berlin zu gehen. Das sei kein Experiment gewesen. Er und sein Freund trugen demnach Kippot, weil sie einen Bekannten mit jüdischen Wurzeln besuchen wollten, so der 24-Jährige. Er war weggerannt.

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