KZ-Gedenkstätte
Maas ruft nach Auschwitz-Besuch zu mehr Zivilcourage auf

Zum ersten Mal nach 26 Jahren reist mit Heiko Maas ein deutscher Außenminister nach Auschwitz. Für den Chefdiplomaten ist der Besuch im ehemals größten KZ der Nazis eine persönliche Mission.

Montag, 20.08.2018, 22:56 Uhr
Veröffentlicht: Montag, 20.08.2018, 22:51 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 20.08.2018, 22:56 Uhr
In dem größten Vernichtungslager der Nationalsozialisten wurden etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet, die meisten davon waren Juden.
In dem größten Vernichtungslager der Nationalsozialisten wurden etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet, die meisten davon waren Juden. Foto: Ina Fassbender

Oswiecim (dpa) - Außenminister Heiko Maas hat nach seinem Besuch in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz zu mehr Zivilcourage gegen Rassismus und Antisemitismus aufgerufen.

«Ich glaube, dass die Lautstärke der Rassisten und der Antisemiten vor allen Dingen etwas mit der Stille der Übrigen zu tun hat», sagte er am Montag in einem Gespräch mit jungen Polen und Deutschen in einer Jugendbegegnungsstätte in der Nähe des früheren Konzentrationslagers. Die überwiegende Mehrheit in Deutschland sei für ein weltoffenes Land, artikuliere das aber zu wenig. «Ich glaube, dass viele ihre Möglichkeiten unterschätzen, der Weltoffenheit und Toleranz eine Stimme zu geben.»

Maas besuchte das ehemals größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten, in dem mehr als eine Million Menschen - überwiegend Juden - ermordet wurden, als erster deutscher Außenminister seit 26 Jahren. Zuletzt hatte Klaus Kinkel 1992 die Gedenkstätte besucht. Mass wurde vom polnischen Auschwitz-Überlebenden Marian Turski durch die Gedenkstätte geführt. «Die Hölle auf Erden - sie war eine deutsche Schöpfung namens Auschwitz», schrieb er in das Gedenkbuch. «Aus dem Vermächtnis der Opfer erwächst Deutschlands Verantwortung, für die unantastbare Würde des Menschen einzustehen - überall und jeden Tag. Diese Verantwortung endet nie.»

Maas betonte, dass Auschwitz für ihn der «schrecklichste Ort der Welt» sei. «Hier muss man sich entscheiden: Entweder verliert man den Glauben an die Menschlichkeit, oder man gewinnt die Hoffnung oder die Kraft dafür einzutreten, dass die Menschenwürde gewahrt wird und tut etwas dafür», sagte Maas, der immer wieder betont hatte wegen Auschwitz in die Politik gegangen zu sein.

Eine Besuchspflicht für Schüler in KZ-Gedenkstätten lehnte Maas ab. «Ich bin sehr dafür, dass dieser besondere Ort von so vielen Menschen wie möglich besucht wird. Aber verpflichten möchte ich dazu eigentlich niemanden.» Unter anderen hat sich der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, für solche Pflichtbesuche stark gemacht. Bisher gibt es das für NS-Gedenkstätten nur in Bayern.

Der polnische Außenminister Jacek Czaputowicz begleitete ihn bei seinem Rundgang durch die Gedenkstätte nicht. Maas traf ihn anschließend im knapp fünf Kilometer entfernten Franziskanerkloster in Harmeze. Dieses ist dem polnischen Priester Maximilian Kolbe gewidmet, der in Auschwitz sein Leben für das eines Familienvaters opferte.

Kritiker werfen Polens nationalkonservativer Regierung vor, seit dem Wahlsieg 2015 in Polens Geschichtspolitik neue Akzente zu setzen und Werte wie nationale Identität und Patriotismus zu propagieren. Ein umstrittenes Holocaust-Gesetz der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) hatte zu Jahresbeginn sogar eine diplomatische Krise mit Israel ausgelöst.

Es sah ursprünglich Geld- und Haftstrafen für diejenigen vor, die dem polnischen Staat oder Volk «öffentlich und entgegen den Fakten» die Verantwortung oder Mitverantwortung für Verbrechen des Nazi-Regimes zuschreiben. Kritiker befürchteten, die PiS könnte damit von Polen begangene Verbrechen an Juden vertuschen wollen. Nach heftigen Protesten der israelischen Regierung strich Warschau Ende Juni die Haftstrafen aus dem Gesetz. Jüdischen Organisationen reicht das aber nicht aus. Sie wünschen sich, dass das Gesetz ganz verschwindet.

Maas sagte, er habe sich in dem Gespräch mit seinem Amtskollegen über den Diskussionsstand informiert. Er hoffe «dass die Diskussion zu einem sehr, sehr sensibelen Thema auch dazu führt, das Bewusstsein aller Beteiligten noch einmal zu schärfen».

Czaputowicz betonte, dass seine Regierung das Thema Reparationsforderungen für Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg weiter vorantreiben wolle. «Es gibt ein Gefühl, dass Polen ungerecht behandelt worden ist, wenn man vergleicht, welche Schäden Polen im Zweiten Weltkrieg davongetragen hat und welche Entschädigungszahlungen es im Vergleich zu anderen Ländern bekommen hat», sagte er.

In Polen waren seit vergangenem Sommer aus Kreisen der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit PiS wiederholt Forderungen nach Entschädigungszahlungen aus Deutschland laut geworden. Offizielle Ansprüche der Warschauer Regierung gab es bisher nicht.

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