«Kein würdiger Umgang»
Warnung wegen Ausschluss Russlands bei Weltkriegs-Gedenken

Vor 80 Jahren haben Nazi-Deutschland und die Sowjetunion einen Nichtangriffspakt unterzeichnet. Das Abkommen wird noch heute unterschiedlich bewertet. Historiker finden auch mahnende Worte.

Freitag, 23.08.2019, 12:21 Uhr aktualisiert: 23.08.2019, 12:24 Uhr
Der deutsche Historiker Matthias Uhl kritisiert, dass Russland bei wichtigen Gedenkfeiern zum Zweiten Weltkrieg ausgeschlossen wurde.
Der deutsche Historiker Matthias Uhl kritisiert, dass Russland bei wichtigen Gedenkfeiern zum Zweiten Weltkrieg ausgeschlossen wurde. Foto: Claudia Thaler

Moskau/Berlin (dpa) - Zum 80. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes haben Historiker kritisiert, dass Russland bei wichtigen Gedenkfeiern zum Zweiten Weltkrieg ausgeschlossen wurde.

«Das ist kein würdiger Umgang», sagte Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau der Deutschen Presse-Agentur. Die Sowjetunion, zu der auch die Ukraine und Weißrussland gehörten, habe mit 27 Millionen Toten die Hauptlast getragen. Vielmehr sollten die Alliierten an den «gemeinsamen Kampf gegen den Nationalsozialismus» erinnern.

Russland war Mitte August nicht zu den Feiern zum Jahrestag der Landung alliierter Truppen in der Normandie in Frankreich vor 75 Jahren eingeladen worden. Auch Polen verzichtete darauf, Kremlchef Wladimir Putin zu den anstehenden Feiern zum Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September vor 80 Jahren einzuladen.

Nun sollte sich die Politik auf den 8. Mai 2020 konzentrieren, wenn an das Kriegsende vor 75 Jahren erinnert werde, sagte Uhl. «Es sollte Überlegungen geben für ein gemeinsames Treffen in Deutschland, zum Beispiel an der Elbe.» Er halte es aber eher für unwahrscheinlich, dass so etwas zustande kommt. «Die Politik sollte das Tagesgeschäft hinter sich lassen und sich zusammenraufen.»

Am 23. August 1939 hatten Nazi-Deutschland und die Sowjetunion einen Nichtangriffspakt geschlossen und im Geheimen eine Aufteilung Europas in Interessensphären vereinbart. Dies machte Adolf Hitler einen Angriff auf Polen möglich, mit dem der Zweite Weltkrieg wenige Tage später begann. In Deutschland sollte an diesem Freitag mit zahlreichen Veranstaltungen daran erinnert werden.

«Dieser Pakt hat den Weg in den Weltkrieg beschleunigt», sagte Historiker Uhl. «Es ist aber nicht so, dass Stalin damit die Schuld für den Krieg trägt. Denn auch ohne diesen Pakt hätte Hitler Polen angegriffen.» Die Ursachen für den Ausbruch lägen tiefer.

Aus Sicht des Osteuropa-Experten Theocharis Grigoriadis von der Freien Universität Berlin sollte die Sowjetunion mit den von den Außenministern beider Länder unterzeichneten Abkommen «neutral» gehalten werden, während Nazi-Deutschland beabsichtigt habe, west- und mitteleuropäische Länder anzugreifen. «Der Pakt war nicht gerechtfertigt. Er brachte eine weitere Teilung Polens.»

Nach Auffassung des russischen Historikers Alexander Latyschew bestand die Hauptabsicht Stalins darin, mit dem Pakt einen Angriff Hitler-Deutschlands so lange wie möglich hinauszuzögern. Er habe gewusst, dass es irgendwann dazu komme. Stalin habe sich damit wertvolle Zeit verschaffen wollen, um sich besser verteidigen zu können, meinte er und ergänzte: «Die Deutschen haben den Pakt gebrochen und die Sowjetunion verräterisch angegriffen.»

In Moskau wird nach Meinung von Historiker Uhl der Vertrag mittlerweile umgedeutet. «In Russland wird dieser Pakt wieder als genialer Schachzug bewertet.» Ähnlich sei es schon zu Sowjetzeiten gewesen. «Durch die Hintertür wird so versucht, das unmoralische Geheimprotokoll zur Aufteilung Polens zu relativieren.»

1989 hatte das Parlament unter dem Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, den Vertrag noch verurteilt. Dieser habe nicht den Willen des sowjetischen Volkes widergespiegelt. 2009 hatte Putin in seiner Funktion als Regierungschef noch von einem «unmoralischen» Pakt gesprochen. Sechs Jahre später stellte er ihn dagegen als eine friedenssichernde Maßnahme dar.

Putin wolle mit seiner Auslegung wohl verhindern, dass Nazi-Deutschland und die Sowjetunion als «ähnliches Übel» wahrgenommen werden könnten, sagte Geschichtsprofessor Iwan Kurilla von der Europäischen Universität im nordrussischen St. Petersburg.

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