Missbrauch in der katholischen Kirche
Sprecher des „Eckigen Tisches“: „Ich bin kein Kirchenfeind“

Münster -

Matthias Katsch wurde als 13-Jähriger in einem Jesuiten-Kolleg in Berlin missbraucht. Er hat vor neun Jahren die Verbrechen bekannt gemacht und damit eine Lawine losgetreten, deren Wucht ihn selbst überrascht hat. Heute ist der 56-Jährige unter anderem Sprecher des „Eckigen Tisches“ und vertritt bundesweit die Interessen von Missbrauchsopfern. Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat mit ihm gesprochen.

Freitag, 03.01.2020, 08:00 Uhr aktualisiert: 08.01.2020, 17:13 Uhr
Matthias Katsch vom „Eckigen Tisch“
Matthias Katsch vom „Eckigen Tisch“ Foto: Wilfried Gerharz

Was hat Sie mehr verletzt: Der Missbrauch im Canisius-Kolleg oder der Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema und mit Ihnen?

Katsch: Den Missbrauch selber habe ich über drei Jahrzehnte verdrängt und quasi aus meinem Bewusstsein gehalten. Es war mir nicht bewusst, was das für Folgen in meinem Leben gehabt hat. Das ist mir erst im Rückblick klar geworden und lässt mich natürlich verletzt zurück - mit Macken und Einschränkungen. Über den Missbrauch empfinde ich keine Wut und Ärger mehr. Das macht mich im Rückblick eher traurig. Aber die Vertuschungs- und Verdeckungsaktivitäten der Verantwortlichen - die machen mich wütend und schaffen ständig neue Verletzungen. Der Prozess selbst tut weh, wenn man immer wieder das Gefühl hat, gegen Wände zu laufen, gegen Widerstände ankämpfen zu müssen, weil die Institution nicht freiwillig aufdeckt und man ihr alles aus der Nase ziehen muss.

Warum sind Sie damals an die Öffentlichkeit gegangen?

Katsch: Ich habe einen der Täter vom Canisius-Kolleg bei einer Veranstaltung getroffen, da war ich schon Anfang 40. Das hat mich ganz brutal zurückgerissen in die Erinnerung und dann über Jahre einen Prozess des Nachdenkens in Gang gesetzt. Ich habe schnell erfahren, dass die Taten strafrechtlich verjährt sind, wenn sie so lange zurückliegen. Es braucht seine Zeit, um entschieden zu können: Was mache ich damit?

Haben Sie Erfahrungen, was andere Opfer veranlasst, ihr Leid zu veröffentlichen?

Katsch: Offensichtlich ist es so, dass ganz viele aus ganz verschiedenen Gründen -- weil sie eine Zeitung aufschlagen oder etwas im Fernsehen sehen oder von anderen Betroffenen etwas hören -- damit anfangen, über diese traumatischen Erlebnisse in Kindheit und Jugend nachzudenken. Und sich dann anfangen, sich zu Wort zu melden.

Warum haben Sie denn so viel Aufmerksamkeit bekommen und so viele andere Opfer vor Ihnen nicht?

Katsch: Es reicht nicht aus, dass ein Opfer bereit ist zu sprechen. Es muss ja auch jemanden haben, der bereit ist zuzuhören. Das war bei mir offensichtlich der richtige Moment. Die Gesellschaft in Deutschland war an dem Punkt bereit, mir zuzuhören. Auch in den Jahrzehnten von 2010 haben Menschen versucht, über Gewalterfahrung in ihrer Kindheit öffentlich zu sprechen. Aber es hat nicht den Widerhall bekommen, weil Gesellschaft offenbar noch nicht so weit war.1999 erschien ein Artikel über die Fälle an der Odenwaldschule in der Frankfurter Rundschau ohne irgendeinen Effekt in der öffentlichen Diskussion. Das stand dort und das war’s dann auch. Niemand hat das aufgegriffen, keine anderen Journalisten sind dem nachgegangen.

Was sind in Ihren Augen die größten Risikofaktoren für sexuellen Missbrauch in der Kirche?

Es reicht nicht aus, dass ein Opfer bereit ist zu sprechen. Es muss ja auch jemanden haben, der bereit ist zuzuhören.

Matthias Katsch

Katsch: Der Umgang mit Macht, die Haltung zur Sexualität und speziell zur Homosexualität. Die Vorstellung, dass Sexualität etwas Sündenbehaftetes oder Schwieriges ist, führt Menschen in Situationen, in denen sie nicht offen sprechen können. Mangel an Transparenz und Mangel an Offenheit sind ganz klare Risikofaktoren. Damit eng verknüpft ist auch das Thema Beichte. Der Beichtstuhl ist ein Tatort. Dazu gibt es viele Untersuchungen. Die Kinderbeichte halte ich zum Beispiel für ein ganz schwieriges Thema. Ich denke, dass wird man diskutieren müssen. Und ganz klar gehört auch der Zölibat dazu.

Wenn ich zu persönlich werde, sagen Sie bitte Bescheid. Was glauben Sie, wie ihr Leben gelaufen wäre, wenn Sie die Erfahrungen in dem Canisius-Kolleg nicht gemacht hätten?

Katsch: Das weiß ich natürlich nicht. Es gibt allerdings ganz gutes Material über Biografien von Menschen mit unterschiedlichen traumatischen Missbrauchserfahrungen. Das gibt es einen Zusammenhang auch in meinem Leben. Das fängt auf der gesundheitlichen Ebene an: Dass man zu depressivem Verhalten neigt, dass durch die fortdauernde Aufgeregtheit die Gefahr steigt, Herzerkrankungen zu entwickeln. Es gibt eine höhere Neigung zum Risikoverhalten, was Substanzmissbrauch angeht. Missbrauchsopfer haben sehr oft das Bedürfnis, sich zu dämpfen. Das kann Alkohol sein, das können aber auch andere Substanzen sein. Und wer permanent gesundheitlich herausgefordert ist, hat vielleicht auch Probleme, seinen Beruf auf die Reihe zu kriegen und seine Ausbildung zu Ende zu bringen. Davon entdeckte ich einiges in meiner Biografie wieder.

Würden Sie mir sagen was?

Katsch: Zum Beispiel die Neigung zur Depression. Ich war 13, als ich den einen Täter und 14, als ich den anderen kennengelernt habe. Auf der anderen Seite weiß ich auch, dass es davon abhängt, welche Resilienzen man mitbringt, wie gut man Dinge auch verarbeiten kann. Ich habe studiert, relativ erfolgreich im Beruf gearbeitet. Das hätte ich nicht gekonnt, wenn mich nicht eine intakte Familie aufgefangen hätte.

Ich denke auch, dass Fragen von Bindungen und Vertrauen in andere Menschen eine wichtige Rolle spielen.

Katsch: Natürlich. Wenn es um Missbrauch geht, geht es immer um Sexualität und Beziehung. Da gibt es erhebliche Einschränkungen oder Belastungen. Ganz häufig findet man Schwierigkeiten, Vertrauen zu fassen, längerfristiges Vertrauen aufrechtzuerhalten. Das ist immer sehr individuell. Die Neigung zur Selbsttötung von Menschen, die Missbrauchserfahrungen gemacht haben, ist extrem erhöht.

Was hat Sie veranlasst, mit all dem an die Öffentlichkeit zu gehen?

Katsch: Da war kein Plan dahinter, diese Lawine in Gang zu bringen. Es war der Wunsch, andere Betroffenen zu erreichen, weil wir gemerkt haben, dass das Sprechen darüber gut tut. Wir wollten die Mitbetroffenen an der Schule erreichen. Dass sich dann so viel andere Menschen meldeten, konnte ja niemand voraussehen.

Wie viele sind an Ihrem Kolleg missbraucht worden?

Katsch: Es haben sich weit über 100 gemeldet. Die absolute Zahl werden wir nie erfahren, weil viele völlig zu Recht nicht an ihre persönliche Geschichte rühren möchten. Sie haben auch kein Vertrauen in Aufarbeitungsprozesse, so dass sie sich nicht Missbrauchsbeauftragten stellen. Es dürfte eher in Richtung 200 betroffene gehen, die verschiedene Täter über 15 Jahre an der Schule sexuell missbraucht haben.

Sie haben Kontakt zu der Initiative in Rhede, die die Kirche als „Täterorganisation“ bezeichnet. Würden Sie auch so weit gehen?

Katsch: Das ist ein Begriff, den wir auch geprägt haben. Er ist einerseits polemisch und provokativ und meint, dass die Kirche die Organisation der Täter ist. Das lässt sich nicht bestreiten. Sie ist aber auch selber Täterin als Institution gewesen.

… weil sie?

Katsch: Weil sie Täter konsequent und systematisch geschützt hat, Opfer verraten, isoliert und zum Schweigen gebracht hat. Insofern ist sie nicht nur eine zufällig Beteiligte, sie spielt eine eigenverantwortliche Rolle. Wenn man eine Institution dazu bringen will, sich mit der eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen, muss man einen Mittelweg finden zwischen Klarheit und der Motivation dieser Institution. Kirche als Institution ist schuldig geworden. Mitarbeiter und Vorgesetzte in der kirchlichen Organisation haben aktiv an der Vertuschung von Taten mitgewirkt.

Ich hätte mir manchmal gewünscht, die Kirche hätten ein bisschen mehr Abstand genommen.

Matthias Katsch

Kirche hat inzwischen viel getan: Sie hat die Schuld anerkannt, mit Opfern gesprochen, hat Missbrauchsbeauftragte eingesetzt. In Wadersloh hat sich Bischof Genn den Menschen gestellt. In Münster soll ein Historiker den Missbrauch aufarbeiten. Wie bewerten sie die Aktivitäten der Kirche?

Katsch: Freundlich bezeichnet ist das „Learning by doing“. Ich hätte mir manchmal gewünscht, die Kirche hätten ein bisschen mehr Abstand genommen. Gerade weil sie ja nicht unabhängig, sondern tatbeteiligt ist, braucht man an dieser Stelle die Unterstützung von außen. Es ist immer besser, von außen aufklären zu lassen, als zu versuchen, das irgendwie selber zu machen. Die Missbrauchsbeauftragten werden von den Opfern zurecht als kirchliche Mitarbeiter wahrgenommen. Selbst, wenn sie sich um eine Unabhängigkeit bemühen. Im Augenblick hängt es ganz stark von der Kraft der Betroffenen ab, ob sie Prozesse in Gang bringen können. Aber sie werden damit letztlich alleine gelassen.

Was könnte das Bistum Münster besser machen?

Katsch: Das Geld ist gar nicht der Punkt. Eigentlich brauchen die Opfer jemanden, der sie in dem Prozess professionell begleitet und stärkt. Wie der Nebenkläger in einem Prozess. Der ist nur der Anwalt des Opfers und nicht gleichzeitig noch zuständig für die Aufklärung. Diese Rollenklarheit fehlt oft. Ich hoffe, dass sich das verändert, dass die Kirchen das erkennen und entsprechend reagieren.

Sie haben den Bischöfen vorgeschlagen, allen Opfern von Missbrauch 300 000 Euro zu geben. Ist das nicht ungerecht, weil die Opfer unterschiedliche Formen von Missbrauch ertragen mussten?

Katsch: Man darf nicht nur von der Tat her denken, sondern muss von den Folgen im Leben der Opfer her denken. Es gibt Menschen, denen strafrechtlich gesehen relativ wenig geschehen ist, die trotzdem schwere Konsequenzen erlebt haben. Und es gibt Menschen, die selbst schlimmste Verletzungen relativ gut verarbeitet haben und damit klargekommen sind. Es wäre unfair, jemandem zu sagen: Wenn du dich selbst so gut durchs Leben gebracht hast, dann brauchst Du ja nichts. Und umgekehrt genauso. Die 300.000 sind nicht aus dem Hut gezogen. Wir haben eine Entschädigung von monatlich 500 Euro angenommen und hochgerechnet auf eine Lebenserwartung von 50 Jahren ab der Tat. Mit dem Geld kann man nicht alles gut machen. Aber man kann Schmerzen lindern und Menschen Perspektiven eröffnen.

Soll ich das mit meiner Kirchensteuer bezahlen oder sollen das die Bistümer bezahlen?

Eckiger Tisch

Der „Eckige Tisch“ wurde im April 2010 von Betroffenen sexuali­sierter Gewalt an Schulen des katholischen Jesuitenordens gegründet. Diese Betroffenen hatten im Januar 2010 die hun­dertfachen Missbrauchsfälle an katholischen Einrichtungen öffentlich gemacht, wie es auf der Homepage des Eckigen Tisches (eckiger-tisch.de) heißt. Der bewusst sperrige Name „Eckiger Tisch“ sei als provokativer Kontrapunkt zum 2010 von der Bundesregierung ins Leben gerufenen „Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch“ gewählt worden, an dem die Betroffenen nicht beteiligt worden seien.

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Katsch: Das ist mir letztendlich egal. Vermutlich wird eine solidarische Anstrengung aller nötig sein. Es kann ja nicht sein, dass die Opfer für diese Unterschiede herhalten müssen.

Setzen Sie noch einen Fuß in eine Kirche?

Katsch: Ich bin nicht traumatisiert, wenn ich eine Kirche betrete. Ich war im Februar im Rom und auch im Petersdom. Ich spüre diese Machtarchitektur körperlich. Ich habe in jungen Jahren als Freiwilliger im kirchlichen Entwicklungsdienst in Südamerika auch Erfahrungen mit der Kirche gemacht, die ganz anders sind als dieses vermachtete System in der Ersten Welt. Ich bin kein Kirchenfeind, der diese Organisation zerstört wissen möchte.

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