Im Schatten der Sonnenblume
Winfried Nachtwei erinnert sich an 40 Jahre Grüne

Münster -

Wie fühlt man sich als eine Art grünes Urgestein? Winfried Nachtwei blickt an diesem trüben Nachmittag in Münster auf ein Bild, das ihn auf der Frontseite eines Schüler-Geschichtsprojekts zusammen mit Anti-Atomkraft-Button, Sonnenblume und Friedenstaube zeigt. Der 73-Jährige ist Objekt der Forschung junger Klimaschützer, was ihn irgendwie auch erstaunt.

Freitag, 10.01.2020, 23:00 Uhr
Winfried Nachtwei
Winfried Nachtwei Foto: Oliver Werner

Das Thema Protestkultur hat wegen Greta Thunberg wieder Konjunktur. „Das ist doch toll, Friedensarbeit und Klimaschutz sind aktueller denn je.“

Als vor 40 Jahren die Grünen in Karlsruhe gegründet wurden, hatte er wie viele seiner Zeit bereits „13 Jahre außerparlamentarische Opposition unterschiedlicher Härtegrade“ hinter sich. Wilde grüne Aufbauzeiten in Münster folgen, dann der Bundestag, wo er zum gefragten Friedens- und Sicherheitsexperten wurde. Ein langer Weg.

Doch von wegen Nostalgie. Auf zu neuen Ufern! Diese Stimmung prägt die Party zum 40. Geburtstag am Freitagabend in Berlin. Nachtwei ist dabei. „Viele der jungen Abgeordneten kenne ich doch gar nicht mehr“, bemerkt er realistisch. Es geht um das Image, Hoffnungsträger zu sein mit gleich zwei kanzlertauglichen Grünenchefs – Annalena Baerbock und Robert Habeck – in den Startblöcken. Sogar der Bundespräsident ist dabei.

Was für eine Geschichte! Die Grünen begannen als Anti-Partei, Sammelpool der Friedens-, Anti-Atom- und Frauenbewegung, immer mit dem Anspruch, die Gesellschaft von unten aus zu regeln – Stichwort Basisdemokratie. Für das damalige politische Establishment ein Kulturschock, obwohl die Grünen immer schon im bürgerlichen Milieu wilderten. Die Partei schuf neue, oft anstrengende Elemente – Rotationsprinzip, Abstimmungsmarathons, Frauenquoten, Doppelspitze – auf durchweg turbulenten Parteitagen zwischen Stricknadeln, stillenden Müttern und Müslischalen. „Wir hatten eine hohe Durchlaufquote“, resümiert Nachtwei. „Mitgliederversammlungen vor allem der 80er Jahre sind mir eher in unerfreulicher Erinnerung: viele harte Auseinandersetzungen, viel Streitunkultur.“ Man habe schnell erlebt, dass „bei dem anspruchsvollen Projekt, Alternative zu den Etablierten zu sein, nicht die besseren, sondern normale Menschen mit ihren Licht- und Schattenseiten aktiv waren“.

Viele Superstars mit großem Ego pflastern den grünen Weg. Zunächst Ikonen der Friedensbewegung wie Petra Kelly. Streite zwischen den Fundamentalisten, die den Weg in Regierung ablehnten, und den Realos, die ihn gehen wollten, drohten das Projekt zu zermürben. Dann kam die große Stunde von „Ober-Realo“ Joschka Fischer, der zur Leitfigur wurde und als erster grüner Bundesaußenminister für das Ja zum Kosovo-Einsatz stand – das machte ihn 1999 in Bielefeld zum Ziel eines Farbbeutelwerfers.

Die Grünen 2020 wirken schicker, cooler, abgeklärt. „Stinknormal“ – unkt Gründungsfrontfrau Jutta Ditfurth in diesen Tagen. Sie hat die Partei längst verlassen. Nachtwei ist geblieben – „immer konstruktiv kritisch“, lacht er. „Wir dürfen uns doch nicht damit zufriedengeben, dass alle so werden sollen wie wir!“ Man dürfe keine grüne Monokultur zwischen Altbauten, Fahrradständern und Bioläden kultivieren – sondern müsse alle erreichen. Dazu gehöre es, auch Schattenseiten der Mi-gration anzuerkennen. „Sonst dreht sich der Weg nach oben schnell in die Sackgasse.“

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