Eskalation in Idlib droht
Putin dämpft Hoffnung auf Syrien-Gipfel

Die Lage in der letzten großen Rebellenhochburg Idlib wird immer dramatischer. Fast einen Million Menschen sind auf der Flucht. Mit Hilfe der Türkei versetzen Rebellen der Regierung einen Schlag.

Donnerstag, 27.02.2020, 14:07 Uhr aktualisiert: 27.02.2020, 14:10 Uhr
Ein Kämpfer der Nationalen Befreiungsfront (NFL) steht auf einem Panzer der syrischen Regierungstruppen.
Ein Kämpfer der Nationalen Befreiungsfront (NFL) steht auf einem Panzer der syrischen Regierungstruppen. Foto: Anas Alkharboutli

Idlib/Moskau (dpa) - In der umkämpften letzten großen syrischen Rebellenhochburg Idlib bahnt sich eine weitere Eskalation an.

Kremlchef Wladimir Putin dämpfte die Hoffnungen auf einen vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vorgeschlagenen Syrien-Gipfel, an dem auch Deutschland und Frankreich teilnehmen sollen.

Zugleich konnten Rebellen mit Hilfe der türkischen Armee erstmals seit längerem einen strategisch wichtigen Ort von den Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zurückerobern, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete.

Erdogan hatte in diesem Monat einen Gipfel mit Russland, Deutschland und Frankreich am nächsten Donnerstag angekündigt. Er wolle dort mit Putin, Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron über die Lage in Idlib reden. Regierungssprecher Steffen Seibert hatte zuletzt bestätigt, dass von einem «zeitnahen» Treffen gesprochen worden sei, ohne ein genaues Datum zu nennen.

«Das ist im Zeitplan von Präsident Putin bislang nicht vorgesehen», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow jedoch. An dem Tag habe Putin bereits andere Pläne. Es gebe aber andere Formate, bei denen Russland auf Experten-Ebene mit der Türkei über die Lage in Nordsyrien spreche. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) nimmt am Donnerstag in New York an Beratungen des UN-Sicherheitsrats über Syrien teil.

Unterstützt von der russischen Luftwaffe hatten Assads Anhänger im vergangenen Jahr einen Offensive auf die Region um Idlib im Nordwesten Syriens begonnen. In den vergangenen Wochen konnten die Armee und pro-iranische Milizen wichtige Geländegewinne erzielen.

Nach heftigen Kämpfen brachten Rebellen jetzt jedoch die strategisch wichtige Stadt Sarakib wieder unter Kontrolle, die sie in diesem Monat verloren hatten. Der Ort liegt an zwei Verbindungsstraßen, die der oppositionellen Syrischen Nationalarmee zufolge beide unterbrochen wurden. Dazu zählt auch eine Achse zwischen der Hauptstadt Damaskus und Aleppo. Türkische Artillerie habe die Truppen Assads massiv beschossen, meldeten die Menschenrechtsbeobachter.

Russische Militärkreise dementierten die Einnahme der Stadt allerdings. Alle Angriffe seien von den syrischen Truppen abgefangen worden, hieß es der russischen Staatsagentur Tass zufolge.

Bei einem Luftangriff in der Region wurden nach offiziellen Angaben zwei türkische Soldaten getötet. Der Angriff sei von syrischen «Regime-Kräften» ausgegangen, meldete die staatliche Agentur Anadolu. Damit dürfte die Zahl der in rund einem Monat in der Region getöteten türkischen Militärangehörigen auf 19 gestiegen sein.

Die Truppen von Syriens Machthaber Baschar al-Assad hatten Sarakib und die zentrale Verkehrsachse zwischen Damaskus und Aleppo Anfang des Monats vollständig eingenommen. Erdogan forderte jedoch einen Rückzug der Regierungsanhänger und drohte mit einem Militäreinsatz, sollte das nicht bis Ende Februar geschehen.

Die Türkei unterstützt die Rebellen und hat in der Region Idlib mehrere Beobachtungsposten.

Dominiert wird das Gebiet von der Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS), die dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahesteht. Dort kämpfen aber auch moderatere Gruppen. Assads Truppen werden von der russischen Luftwaffe sowie von pro-iranischen Milizen unterstützt.

Nach UN-Angaben sind seit Anfang Dezember fast 950.000 Menschen vor der Gewalt und den heranrückenden Assad-Truppen geflohen. Helfer beklagen eine katastrophale humanitäre Lage.

Es fehlt an Unterkünften, Lebensmitteln, Heizmaterial und medizinischer Versorgung. Hilfsorganisation sprechen vom schlimmsten Flüchtlingsdrama seit Ausbruch des Bürgerkriegs vor fast neun Jahren.

Bei Angriffen auf Wohngebiete in der Provinz Idlib seien in dieser Woche zahlreiche Zivilisten zu Opfern geworden, erklärte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans frontières/MSF). Ärzte in Krankenhäusern hätten von 18 Toten und 185 Verletzten berichtet.

«Dieser willkürliche Beschuss mit Bomben und Granaten am Dienstag kann praktisch nur von der syrischen Regierung und ihren Verbündeten ausgegangen sein», sagte Meinie Nicolai, Leiterin des Operationalen Zentrums von MSF in Brüssel. Auch zwei Schulen und zwei Kindergärten seien getroffen worden. Kritiker werfen der Armee und Russland vor, gezielt wichtige Infrastruktur zu bombardieren.

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