Loveparade-Prozess endet ohne Urteil
Gericht zählt lange Fehlerkette auf

Düsseödorf/Duisburg -

21 Tote, 650 Verletzte: Vor knapp zehn Jahren endete die Loveparade in Duisburg in einer Katastrophe. Nun wurde das Strafverfahren eingestellt - der Mammutprozess endet ohne Urteil.

Montag, 04.05.2020, 19:29 Uhr aktualisiert: 04.05.2020, 20:37 Uhr
Die Gedenkstelle für die Opfer der Loveparade 2010 in Duisburg.
Die Gedenkstelle für die Opfer der Loveparade 2010 in Duisburg. Foto: Bernd Thissen

Seit Jahren sprießt hier Unkraut in Unmengen. Dabei wirkt die trostlose Industriebrache am Duisburger Hauptbahnhof wie ein unfruchtbarer Acker. Wie ein unwirtliches Stück Erde, auf dem nichts Gutes entstehen kann. Ein kleines Stück ist einer neuen Straße gewichen, doch der größte Teil des einst leichtsinnig zum Festivalgelände für die letzte Loveparade am 24. Juli 2010 auserkorenen Areals wirkt unnahbar und unversöhnlich mit seiner jüngsten Geschichte.

Damals wie heute ist es kaum vorstellbar, dass ausgerechnet hier zig Tausende Raver zu Technomusik ausgelassen feiern sollten. Es endete im Desaster, bei einer Massenpanik starben 21 junge Menschen, mehr als 650 Teilnehmer wurden verletzt. Seit Montag ist nun endgültig klar: Eine abschließende gerichtliche Aufarbeitung wird es nicht geben. Das Landgericht Duisburg hat den Prozess am Montag wegen geringer Schuld der letzten drei Angeklagten eingestellt.

Bereits vor mehr als einem Jahr hatte das Gericht den Prozess gegen sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und einen Angestellten der Veranstalterfirma Lopavent von Fitness-Unternehmer Rainer Schaller eingestellt. Gegen drei leitende Mitarbeiter des Unternehmens war das Verfahren zunächst fortgeführt worden. Sie treffe persönlich eine eher geringe Schuld an der Katastrophe, stellte die Sechste Große Strafkammer des Landgerichts fest. Bei der Vorbereitung habe es zwar schwere Planungsfehler gegeben, die hätten aber nur durch das Zusammenwirken mit einer Vielzahl weiterer Fehler an zahlreichen Stellen zum Fiasko der Loveparade geführt.

Kommentar

Für die Opfer und die Hinterbliebenen ist diese Entscheidung kaum ertragbar: Die Einstellung des Loveparade-Verfahrens bedeutet für sie ein neuerliches Drama, weil es auch zehn Jahre nach der Katastrophe von Duisburg keinen greif­baren Schlusspunkt gibt. Dass es keine abschließende Aufarbeitung durch die Justiz geben wird, kann nicht befriedigen.

Dabei ergeht es den Richtern vermutlich kaum anders: Indem sie die bisher zusammengetragenen Erkenntnisse zusammenfassen und damit auch die Verantwortung einzelner Personen und Institutionen verbinden, sorgen sie dafür, dass niemand den eingestellten Prozess als Freispruch werten kann. Vielmehr wird deutlich, dass es mehr Verantwort­liche gab, als auf der Anklagebank Platz genommen haben. Und dass die Loveparade auf der Duisburger Industriebrache, wo 21 junge Menschen starben und mehr als 650 verletzt wurden, nie hätte stattfinden dürfen.
Das Fiasko der Duisburger Loveparade prägt bis heute jede Großveranstaltung, nicht nur in NRW. Die Lehren aus Behördenversagen und nie zugegebenen Fehlern der Polizei haben Konsequenzen ausgelöst. Immerhin. Und doch ist das nicht genug.

Jetzt rächt sich, dass ein Untersuchungsausschuss des Landtags 2010 aus parteipolitischen Interessen nicht zustande kam. Heute käme dieser zu spät. Trotzdem liegt es jetzt wieder in der Verantwortung des Landtags, die Aufarbeitung zu einem Ende zu bringen. Den Opfern schuldet er zumindest einen politischen Schlusspunkt.

...

Das Gericht führte beim letzten Verhandlungstermin in dem zu einem Gerichtssaal umgebauten Düsseldorfer Congress Centrum eine Reihe der Fehlentscheidungen auf. So seien der Veranstaltungsort und die Zugangsanlagen für das Veranstaltungskonzept und die erwarteten Besuchermengen nicht geeignet gewesen. Teilnehmerströme wurden unkoordiniert und ohne Absprachen gesteuert, Kommunikation scheiterte an technischen Pannen. Eine zusätzliche Polizeikette auf der einzigen Zugangsrampe verschärfte die Lage, gleiches gilt für die mit Öffnung von Sperren. Das Gericht betonte, die Katastrophe hätte durch klare Absprachen, mehr Ordner, eine Steuerung der Musik-Trucks und den konsequenten Abbruch des Besucherstroms verhindert werden können.

Der Beschluss des Landgerichts stieß bei den Anwälten der Nebenkläger auf scharfe Kritik und Unverständnis. „Ein unwürdiges Ende des Prozesses“ sei die Einstellung, rügte der Düsseldorfer Anwalt Julius Reiter. Der Verein der Betroffenen-Initiative „Lopa 2010 e.V.“ reagierte verbittert: Die Loveparade reihe sich ein in weitere Katastrophen, „bei denen unser Rechtssystem versagt“. Der Verein wolle jetzt Hilfe und Aufklärung bei der EU suchen.

Nachrichten-Ticker