Krise der transatlantischen Beziehungen
Die große Entfremdung

Münster -

Iran-Abkommen, Pariser Klimaabkommen – die USA unter Donald Trump verabschieden sich aus internationalen Verträgen. Zudem will Trump nun die US-Truppen aus Deutschland abziehen. Ungeachtet der transatlantischen Eiszeit. Wird durch die Krise der persönliche Draht zerstört?

Donnerstag, 09.07.2020, 20:30 Uhr aktualisiert: 09.07.2020, 20:44 Uhr
Krise der transatlantischen Beziehungen: Die große Entfremdung
Foto: imago

Selbst für eingefleischte USA-Fans verursacht ein Blick ins US-Fernsehen derzeit fast schmerzhafte Reaktionen. Die nationalistischen Reaktionen in den USA auf die Ausbreitung des Coronavirus und die verstörenden Bilder von Polizeigewalt gegen schwarze US-Bürger haben die ohnehin stark angespannten transatlantischen Beziehungen massiv verschlechtert.

Das Alliiertenmuseum in Berlin mit seinem Luftbrückenflugzeug und Fotowänden aus der Nachkriegszeit wirkt inzwischen wie eine Ansammlung historischer Versatzstücke aus einer anderen Ära. Damals blickte Deutschland zu den USA hoch. Heute kommt selbst in Berlin, dessen Westteil einst als Frontstadt galt, seit Jahren kein deutsch-amerikanisches Volksfest mehr zustande. Bis zum Jahr 2017 zog es Hunderttausende an. Zerbricht nun auch der traditionell enge Draht der Gesellschaften in der Kälte der politischen Eiszeit?

Die Methode, die zu guter Zusammenarbeit führt, ist nicht Zwang oder Angst. Es ist Vertrauen.

Karen Donfried, Präsidentin des German Marshall Funds of the United States
  • Eine aktuelle Umfrage des European Council of Foreign Relations zeigt, dass die Corona-Krise das Zeug hat, diesen Trend zu befördern und die ohnehin negativen Gefühle gegenüber den USA nachweislich zu verstärken – besonders in Frankreich und Deutschland. Der Rückhalt für die transatlantische Partnerschaft hat danach deutlich nachgelassen, ­lediglich zwei Prozent der befragten Europäer und ein Prozent der Deutschen bezeichnen die Vereinigten Staaten als „hilfreichen“ Verbündeten im Kampf gegen Covid-19. Der von den Politikexperten Susi Dennison und Pawel Zerka verfasste Bericht vertritt den Standpunkt, dass sich Europa im Zustand eines „Traumas“ befindet und sich die Bürger im Kampf mit dem Virus „allein und verwundbar“ fühlen. Hauptursache: Die Entfremdung mit den USA und die Bedrohung aus China.
  • Zu einer ähnlich negativen Bewertung der Gesamtlage kommt eine aktuelle Umfrage in Deutschland, Frankreich und den USA des German Marshall Fund. Danach ist während der Corona-Krise der Anteil der Deutschen, der die USA als einflussreichsten internationalen Akteur wahrnimmt, von 62 auf 54 Prozent gesunken. Die Einschätzung des chinesischen Einflusses ist nach Auskunft der Befragten dagegen deutlich gestiegen. Auch die befragten US-Bürger sehen den Einfluss ihres Landes in ähnlich hohem Maß schwinden (-9,8 Prozent.) Die wahrgenommene Bedeutung Deutschlands ist dagegen stark gestiegen, weil es die Krise gut gemanagt hat.
  • Michel Duclos vom Pariser Institut Montaigne beschreibt auf einer Online-Tagung eine interessante Diskrepanz der Umfrage: Während die Meinung der Deutschen über Amerika im Sinkflug begriffen ist, „ist die Wahrnehmung der Deutschen bei den US-Bürgern weiter sehr gut“. Eine Mehrheit der Amerikaner unterstützt auch in der Zukunft ein starkes Engagement der Amerikaner in Europa – auch wenn Trump gerade rüde einen Abzug der Truppen aus Deutschland verkündet hat. Er könnte so mit seinem Vorgehen im eigenen Land langfristig auf Widerstand stoßen. Sein „Merkel-Bashing“, die Dauerkritik an der deutschen Kanzlerin, kommt bei seinen Wählern nicht gut an. Es gibt ein weiteres Ergebnis der Umfrage, das Mut macht: In den USA bewerten besonders junge Menschen die Klimafrage als sehr wichtig – in Europa wird sie trotz der Corona-Pandemie ohnehin als größtes Problem wahrgenommen. Ein Ansatzpunkt für neue Kooperationen – trotz der von Trump vollzogenen Absage an das Pariser Klimaabkommen.

So schmerzhaft die Lage ist, vielleicht besteht in der derzeitigen Krise auch eine Chance. Wolfgang Ischinger, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz: „Deutschland und die EU haben in der Auseinandersetzung mit Donald Trump jetzt eigentlich die Chance bekommen, endlich erwachsen zu werden. Zu erkennen, dass sie sich um sich selber kümmern müssen.“ Die Beziehungen sind an einem Tiefpunkt, doch es gibt immer noch ein Bedürfnis der Öffentlichkeit auf Kooperation, auch im Bereich des Handels und der Wirtschaft.

Jeder, der meint, dass mit einem Präsidenten der Demokratischen Partei wieder alles so wird, wie es mal war, unterschätzt die strukturellen Veränderungen.

Bundesaußenminister Heiko Maas

Anders sieht es Alexandra de Hoop Scheffer vom German Marshall Funds: „Es wird kein Zurück in den Normalmodus nach Trump geben, auch wenn Joe Biden Präsident werden sollte. Die Fokussierung auf Asien bleibt, denn sie hat schon unter Obama eingesetzt.“ Es komme nun auf die Europäer an, mehr für die Zusammenarbeit mit den USA zu machen.

Doch selbst Heiko Maas zeigt sich da skeptisch. Der deutsche Chefdiplomat sagte gerade fast resigniert: „Wir sind enge Partner im transatlantischen Bündnis. Aber: Es ist kompliziert.“ Zu kompliziert?

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