Rückblick: 16. Juli 1945
Vor 75 Jahren fand der erste Atomwaffen-Test statt

Washington -

Es war eine kurze Meldung in der vergangenen Woche, die in der globalen Nachrichtenflut unterging und kaum beachtet wurde. Die einflussreiche Schwester des Diktators Kim Jong Un verkündete in Pjöngjang, es werde auf absehbare Zeit keine atomaren Abrüstungsgespräche und keinen Gipfel mit US-Präsident Donald Trump geben. Ein Treffen sei „unpraktisch“ – und das Land sei „völlig fähig“, unter den verhängten Sanktionen zu leben.

Donnerstag, 16.07.2020, 08:35 Uhr aktualisiert: 16.07.2020, 08:51 Uhr
Bei der Explosion einer Atombombe steigt am 9. August 1945 eine 18 000 Meter hohe pilzförmige Rauchwolke über der Stadt Nagasaki auf.
Bei der Explosion einer Atombombe steigt am 9. August 1945 eine 18 000 Meter hohe pilzförmige Rauchwolke über der Stadt Nagasaki auf. Foto: dpa

Das bedeutet im Prinzip das Aus der von Trump mit großen Fanfaren angeschobenen Denuklearisierungs-Bemühungen. Zwei Gipfel, und außer Spesen nichts gewesen. Es ist purer Zufall, aber dennoch vom historischen Aspekt her bezeichnend, dass das Ende der Annäherungsversuche zwischen Nordkorea und den USA ausgerechnet fast zeitgleich mit einem Jahrestag zusammenfällt, der den meisten Bürgern nichts sagen dürfte: dem Test der ersten Atombombe am 16. Juli 1945, also vor 75 Jahren, auf dem „Trinity“-Gelände im US-Bundesstaat New Mexico.

Drei Wochen später, am 6. August 1945, warf der amerikanische Langstreckenbomber „Enola Gay“ einen Nuklear-Sprengsatz über Hiroshima ab. Am Tag des Abwurfs und in den folgenden vier Monaten, nachdem dieses fürchterliche neue Kapitel der Kriegsführung eröffnet worden war, starben schätzungsweise 150.000 Menschen an den Folgen. Im wenig später attackierten Nagasaki forderte die nukleare Zerstörungskraft mindestens 75 000 Menschenleben.

Seit dem „Trinity“-Test und den Angriffen auf Hiroshima und Nagasaki gibt es weltweit einen relativ breiten Konsens. Dieser lautet: Die Zahl der Nuklear-Bomben soll möglichst niedrig gehalten und eliminiert werden. Und der einzige Zweck der Existenz dieser Massen-Vernichtungswaffen ist Abschreckung – und nicht ein Einsatz. Was deshalb irrational anmutet, sind diese Zahlen: Von 1945 an bis heute sind über 2000 Nuklearbomben-Tests durchgeführt worden, die meisten von den USA und der damaligen Sowjetunion.

Die Zahl der Atomwaffen, die zum Höhepunkt des Kalten Krieges auf 70 000 bis 80 000 geschätzt wurde, ist weltweit durch Abrüstungsvereinbarungen auf immerhin noch rund 14 000 re­duziert worden. Das sind weiter atemberaubende Zahlen, die – da die Gefahr einer nuklearen Auseinandersetzung von Sicherheitsexperten als extrem gering an­gesehen wird – schlichtweg keinen Sinn machen.

Bis heute wird debattiert, ob der dem „Trinity“-Test folgende Abwurf der Bomben auf die beiden japanischen Metropolen tatsächlich dem später von den USA als Rechtfertigung formulierten Ziel entsprang: Man habe vermeiden wollen, dass bei einer Fortführung des Krieges ohne den Einsatz dieser Vernichtungswaffen eine Invasion Japans durch die USA unausweichlich geworden wäre – mit einem Blutzoll, der bis zu eine Million Menschen auf beiden Seiten hätte betragen können.

Es entspricht einer besonderen Perfidie der nuklearen Kriegsführung, wenn im Prinzip argumentiert wird, der Atomwaffeneinsatz habe Menschenleben gerettet. Viel wahrscheinlicher erscheint angesichts der politischen Großwetterlage zum Ende des Zweiten Weltkriegs dieses: Washington wollte mit dem Abwurf nicht nur als klarer „Sieger“ aus dem Konflikt hervorgehen, sondern auch ein deutliches Signal der Abschreckung in Richtung Moskau senden.

Wie dieses Kalkül scheiterte, zeigt nicht nur die hohe Zahl der heute noch vorhandenen nuklearen Sprengsätze, sondern auch die Kuba-Krise im Jahr 1962, die die Weltmächte an den Rand eines Atomkriegs brachte. Eine nukleare Bewaffnung ist also nicht immer die Ultima Ratio in Sachen Abschreckung – es kommt immer auch auf die politischen Akteure und ihren Geisteszustand an. Und deshalb ist es so wichtig, dass eine Denuklearisierung Nordkoreas nun nicht einfach zu den Akten gelegt, sondern als humanitäre Pflicht weiter verfolgt wird – vom Januar nächsten Jahres dann vielleicht sogar von einem neuen US-Präsidenten namens Joe Biden.

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