Hotspot Hildburghausen
Coronavirus: Erstmals Massentests von Kindern und Erziehern

Der Thüringer Kreis Hildburghausen hat auf explodierende Corona-Infektionszahlen mit einem harten Lockdown reagiert. Seit fast einer Woche sind alle Schulen und Kitas dicht. Ein flächendeckendes Testangebot soll das ändern.

Dienstag, 01.12.2020, 15:13 Uhr
Utensilien für Corona-Schnelltests liegen auf einem Tisch in den Räumen eines Kindergartens in Hildburghausen. Hier beginnt das Testen bei Schülern, Lehrern und Kita-Kindern.
Utensilien für Corona-Schnelltests liegen auf einem Tisch in den Räumen eines Kindergartens in Hildburghausen. Hier beginnt das Testen bei Schülern, Lehrern und Kita-Kindern. Foto: Bodo Schackow

Hildburghausen (dpa) - Im Corona-Hotspot Hildburghausen können sich erstmals in Deutschland tausende Kindergarten- und Schulkinder sowie Lehrer und Erzieher freiwillig auf das Virus testen lassen.

Die nach Angaben des Thüringer Gesundheitsministeriums bisher einmalige Aktion startete im Kindergarten «Werraspatzen» in der Stadt Hildburghausen. Bis 4. Dezember gilt laut Landratsamt das Testangebot in dem Kreis an der Grenze zu Bayern, mit dem die Wiederöffnung der Kindergärten und Schulen ermöglicht werden soll. Sie sind nach einem explosionsartigen Anstieg der Infektionszahlen seit dem 25. November geschlossen.

Wie viele Kinder, Jugendliche, Lehrer, Erzieher und Angestellten die angebotenen Schnelltests nutzen, war zunächst offen. Auch ihr Nutzen ist umstritten, nicht alle Kommunalpolitiker des Kreises unterstützen die Aktion. Eltern, die mit ihren Kindern vor der Kita «Werraspatzen» auf den Schnelltest warteten, teilten die Vorbehalte nicht. Sie sei Kindergartenerzieherin, habe also viel Kontakt mit den Kleinsten und wolle sich deshalb testen lassen, sagte eine Mutter. Angst, dass ihrem einjährigen Sohn der Test schaden könne, habe sie nicht. «So was ist schnell wieder vergessen.»

Der Südthüringer Kreis war tagelang die Region in Deutschland mit der höchsten Inzidenz mit bis zu 630 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen. Am Dienstag ging der Wert weiter zurück und lag laut Gesundheitsministerium bei 519.

Nach dessen Angaben stehen insgesamt rund 11.000 Antigen-Tests zur Verfügung. Unterstützung bei den Tests leisten demnach das Deutsche Rote Kreuz, das Technische Hilfswerk und die Bundeswehr. Nach Angaben des Thüringer Bildungsministeriums gibt es in dem Kreis etwa 6300 Schüler und 2700 Kindergartenkinder. Hinzu kämen ihre Betreuer.

Etwa ein Drittel der Kinder aus den städtischen Kindergärten und die Mehrheit der Erzieherinnen und Erzieher hätten sich zum Test angemeldet, sagte Hildburghausens Bürgermeister Tilo Kummer (Linke), der sich ebenfalls untersuchen ließ. Die Tests seien auch dann wichtig und richtig, wenn nur ein Teil der Kinder in der Region untersucht werde, sagte der Bürgermeister. «Wir werden dann sehen, wie hoch der Anteil der Tests ist, die positiv ausfallen.»

Land und Kreis hätten sich zu den Tests bei gleichzeitiger Schließung von Schulen und Kindergärten entschlossen, um herauszufinden, ob die Einrichtungen wirklich eine erhöhte Corona-Dunkelziffer aufwiesen, sagte Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) in Erfurt.

Sie sieht den Grund für die hohe Inzidenz in einer «gewissen Sorglosigkeit über den Sommer». So habe eine Hochzeitsfeier zu einer großen Anzahl Infizierter geführt, auch sogenannte Garagenparties hätten eine Verbreitung des Virus zur Folge gehabt, sodass jetzt ein diffuses Infektionsgeschehen vorliege. Außerdem spiele wohl auch die hohe Zahl der Pendler nach Bayern eine Rolle, sagte die Ministerin.

Nach einer in der Nacht zu Dienstag veröffentlichten neuen Verordnung des Kreises können Kindergärten und Schulen, an denen es Schnelltests gab, Kinder und Jugendliche mit negativem Testergebnis am Folgetag wieder betreuen. Unabhängig davon sollen alle Schulen des Kreises am 14. Dezember wieder in den eingeschränkten Regelbetrieb gehen, heißt es darin.

Erst am Wochenende waren die Beschränkungen im Kreis Hildburghausen mit einem Verbot unangemeldeter Versammlungen nochmals verschärft worden. Damit reagierte das Landratsamt auf eine spontane Protestaktion gegen den Lockdown vor einer knappen Woche, bei der hunderte Menschen singend und teilweise ohne Einhaltung der Infektionsschutzregeln durch die Stadt gezogen waren.

© dpa-infocom, dpa:201201-99-524277/5

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