Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus
Die Erinnerung darf nie sterben

„Die Urenkel möchten wissen, weshalb ihre Urgroßeltern so lange einem Massenmörder die Treue halten konnten“, sagte der Auschwitz-Überlebende Max Mannheimer - 2016 ist er verstorben. Die Ära der Zeitzeugenschaft endet, aber die Brücke über die Generationen einer Familie bleibt.

Sonntag, 24.01.2021, 15:10 Uhr aktualisiert: 24.01.2021, 15:14 Uhr
zeigt die Tätowierung mit seiner Häftlingsnummer.
zeigt die Tätowierung mit seiner Häftlingsnummer. Foto: dpa

Am 27. Januar 1945 wurden die Tore der Hölle geöffnet“, so hat es Israels Präsident Reuven Rivlin genau 75 Jahre nach der Befreiung formuliert. Als Soldaten der Roten Armee an jenem 27. Januar 1945 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau eintrafen, befreiten sie 7500 Häftlinge, die noch lebten. Sie fanden die Leichen jener, die die SS noch kurz vor ihrem Abzug ermordet hatte. Und sie entdeckten Asche – viel Asche.

Zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen wurden hier von Deutschen ermordet. Die Rotarmisten fanden rund 110 000 Schuhe, 3800 Koffer, 40 Kilo Brillen und zwei Tonnen Haar, das deportierten Frauen abgeschnitten worden war. Wer heute die Gedenkstätte Auschwitz besucht, steht erschüttert vor diesen stummen Zeugen: Entziffert Namen auf den Koffern, erstarrt, wenn er zwischen Tausenden Schuhen ein Paar Kinderstiefelchen entdeckt. Diese stummen Zeugen erzählen beredt – und werden es weiter tun, wenn aus Zeitgeschichte Geschichte wird.

Max Mannheimer kann das nicht mehr, er ist 2016 gestorben. Aber bis ins hohe Alter hat er immer wieder den Ärmel hochgeschoben, hat Schülerinnen und Schülern die eintätowierte „99728“ auf seinem Arm gezeigt. Der Auschwitz-Überlebende hat ihnen berichtet vom Ort des Mordens.

Nachfolgende Generationen warnen

„Der ganze Zweck meiner Arbeit ist es, zu den nachfolgenden Generationen zu sprechen und sie vor den Gefahren einer Diktatur zu warnen“, sagte er damals Journalisten. „Die Urenkel möchten wissen, weshalb ihre Urgroßeltern so lange einem Massenmörder die Treue halten konnten“, hat er sich das große Interesse seiner jungen Zuhörer an der NS-Zeit erklärt.

„Die Ära der Zeitzeugenschaft endet, aber es gibt die Brücke über die Familie über die zweite, dritte und vierte Generation – auf der Seite der Opfer und auch auf der der Täter, Profiteure und Mitläufer“, sagt der Historiker Thomas Köhler. „Ich hatte erst vorgestern die Anfrage eines Mannes, der mehr darüber wissen wollte, was sein Großvater als Polizist in einem Polizeibataillon gemacht hat – mehr als sein Vater ihm erzählen konnte.“

Köhler arbeitet am Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster. In der einstigen Villa des „Zementkönigs“ Rudolf ten Hompel saß ab 1940 der Befehlshaber der Ordnungspolizei – zuständig für das heutige Nordrhein-Westfalen, Osnabrück, Teile des besetzten Belgiens. Hier wurden die Wachmannschaften für die Deportationszüge, die „Arbeitserziehungslager“ und später jene Polizeibataillone aufgestellt, die massiv an den Morden an der jüdischen Bevölkerung Europas beteiligt waren. Und: Hier saßen nach 1945 der „Entnazifizierungs-Berufungsausschuss“ und die Behörde für die „Wiedergutmachung“. Heute ist das Haus Gedenkstätte, Dokumentations- und Forschungszentrum.

Interesse an der Geschichte bleibt lebendig

„Wir haben mehr familiäre Anfragen als je zuvor“, sagt Köhler. Denn mit dem Tod der letzten Zeitzeugen ergebe sich auch eine neue Perspektive. Was hat der eigene Vater in der NS-Zeit getan? Die Großmutter? Der Urgroßvater? Das Interesse an der Geschichte der Vorfahren bleibt lebendig, aber die Härte der Konfrontation wird mit zunehmendem Abstand, mit jeder Generation leichter zu ertragen.

Menschen interessieren sich für Menschen. „Biografische Zugänge funktionieren gut“, sagt Köhler. Biografie wirkt auch dann noch, wenn der Zeitzeuge nur auf dem Tonband zu hören, im Video zu sehen oder als Name in den Akten zu verfolgen ist. So haben Schülerinnen und Schüler in Zusammenarbeit mit dem Verein „Stolpersteine – Spuren finden“ Schicksale von Verfolgten aus dem Münsterland nachgezeichnet. Die Gedenkblätter sammelt die Villa ten Hompel. Institutionen wie Yad Vashem in Israel oder die KZ Gedenkstätte Neuengamme nutzen die sozialen Medien: Regelmäßig erinnern sie bei Facebook oder Twitter an das Schicksal einzelner Menschen. Das Leid von sechs Millionen ist unvorstellbar, das eines einzelnen Menschen wird greifbar.

„Wer Zeitzeugen zuhört, der wird selbst zu einem“, hat der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel einst in Yad Vashem gesagt. Der Gedanke steht auch hinter Projekten wie „Zweitzeugen“ oder den „Erinnerungspaten“ der Bezirksregierung Münster. Menschen, die eine enge Beziehung zu Zeitzeugen hatten, tragen deren Geschichte weiter in die Schulklassen, wenn es die Betroffenen selber nicht mehr können.

Was war vor und nach dem Nationalsozialismus?

„Der Blick weitet sich“, hat Köhler zuletzt beobachtet. Nicht mehr nur die Jahre 1933 bis 1945 interessieren. Ausgrenzung, Entrechtung, Verfolgung, Ermordung stehen weiter im Mittelpunkt, aber eine neue Perspektive kommt hinzu: Was war davor? Was ist aus den Überlebenden nach 1945 geworden? Wie lebt man mit dem Grauen? Was richtet es in der nachfolgenden Generation an? Das Schweigen von Tätern und Opfern. Wenn nicht darüber geredet wird, was „Papa im Krieg gemacht hat“ oder – auf der Opfer-Seite – weshalb es keine Großeltern, keine Onkel und Tanten gibt.

„Wir wissen, was geschehen ist, und müssen wissen, dass es wieder geschehen kann.“ Den Satz hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor einem Jahr bei seinem Besuch mit Rivlin in Auschwitz ins Gästebuch geschrieben. Erinnerung als „Navi“, damit die Gesellschaft den richtigen Weg findet. „Ohne Geschichte erleben wir gesellschaftliches Alzheimer“, formuliert es Köhler. Wie sollte sich eine Gesellschaft orientieren, die nur im Augenblick lebt, ohne Erinnerung daran, was zur gegenwärtigen Situation geführt hat?2

Mehr Besucher in Museen und Gedenkstätten

Funktioniert das Navi? „Jedes historische Museum in Deutschland verzeichnet steigende Besucherzahlen – auch die Gedenkstätten“, sagt Köhler. „Das Interesse an Geschichte ist groß.“ Und dennoch tauschen die alten antisemitischen Mythen kaum abgewandelt wieder auf: Die (Finanz-)Eliten hätten sich verschworen, die Völker zu knechten.

Sie entführten Kinder. So war es in den vergangenen Monaten am Rande mancher Corona-Demo zu hören. „Bilder aus dem antisemitischen Malkasten“, sagt Köhler. Und mancher wähnt sich gleich „im Widerstand“ – nicht gegen die NS-Diktatur, sondern gegen den demokratischen Rechtsstaat bis hin zum Sturm auf gewählte Parlamente. „Das ist ein Angriff auf unsere Staatlichkeit, unsere Gesellschaft und unsere Freiheit mit einem Portfolio an historischen Vorurteilen, an die man anknüpfen kann“, sagt Köhler. Das gesellschaftliche „Navi“ auf Abwegen …

Andererseits: „Kein Mensch hat erwartet, dass der NS-Aufarbeitungsboom der 1980er Jahre vier Jahrzehnte anhalten würde und heute in seiner Blütezeit steht“, sagt Köhler. Das sei nur damit zu erklären, dass es ein Anliegen der Mehrheit sei.

"Das ist kein Vogelschiss" 

„Mein Anliegen ist es, auch diejenigen für eine verantwortungsvolle Geschichtskultur zu gewinnen, die sich aktuell für einen Schlussstrich aussprechen.“ Die NS-Zeit – der Holocaust, der Mord an mehr als sechs Millionen Juden, Sinti, Roma, Homosexuellen, Nazi-Gegnern, Wehrdienstverweigerern – das ist eben kein „Vogelschiss“.

„Auschwitz, das ist die Summe von völkischem Denken, Rassenhass und nationaler Raserei“, hat Steinmeier vor einem Jahr in das Gästebuch geschrieben. Das Erinnern ohne Zeitzeugen wird anders sein, aber Auschwitz darf und wird nicht vergessen sein – um Justin Sonder, Paul Sobol, Renate Lasker-Harpprecht, Ruth Klüger, Max Mannheimer und sechs Millionen Ermordeter willen. Und um der deutschen Demokratie willen.

Justin Sonder, Paul Sobol, Renate Lasker-Harpprecht und Ruth Klüger – vier Namen, vier Menschen, die den Holocaust überlebt haben. Vier Zeitzeugen, die die Erinnerung an dieses Menschheitsverbrechen lebendig gehalten haben. Alle vier sind in den letzten Monaten gestorben. Die Generation der Zeitzeugen, Opfer wie Täter, schwindet. Stirbt mit ihnen die Erinnerung? Was würde das für die Gesellschaft bedeuten?

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