Weltstrafgericht
Terror in Uganda: Ex-LRA-Kommandeur in Den Haag veruteilt

Jahrzehnte dauerte der Terror der LRA, eine der mörderischsten Milizen Afrikas. Jetzt ist erstmals ein früherer Befehlshaber schuldig gesprochen worden. Dominic Ongwen war nicht nur Täter, sondern auch selbst Opfer der LRA.

Donnerstag, 04.02.2021, 16:31 Uhr
Berüchtigter Anführer: Ongwen war einer der Stellvertreter des berüchtigten LRA-Chefs Joseph Kony, der noch immer flüchtig ist.
Berüchtigter Anführer: Ongwen war einer der Stellvertreter des berüchtigten LRA-Chefs Joseph Kony, der noch immer flüchtig ist. Foto: Peter Dejong / Pool

Den Haag (dpa) - Nach Jahrzehnten grausamer Verbrechen in Uganda ist erstmals ein früherer Kommandeur der berüchtigten Miliz Lord's Resistance Army (LRA) vom Weltstrafgericht schuldig gesprochen worden.

«Die Schuld von Dominic Ongwen ist zweifelsfrei bewiesen», erklärte der Internationale Strafgerichtshof am Donnerstag in Den Haag. Ongwen wurde wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in 61 Fällen schuldig gesprochen - darunter Mord, Verstümmelungen, sexuelle Gewalt und der Einsatz von Kindersoldaten.

Konzentriert verfolgte der Angeklagte die Verlesung des Urteils, sein Gesicht zum größten Teil von einer Mund-Nasen-Maske bedeckt. Unauffällig brauner Anzug, Schlips - wie ein gefürchteter Befehlshaber der LRA sieht er in diesem Moment nicht aus. Doch die «Widerstandsarmee des Herrn» war über Jahrzehnte eine der mörderischsten Milizen in Uganda und den angrenzenden Staaten. Die Chefanklägerin Fatou Bensouda sprach angesichts des ersten Urteils gegen einen LRA-Führer von einem «Meilenstein auf dem Weg zur Gerechtigkeit für die Menschen in Nord-Uganda.»

Ongwen war einer der Stellvertreter des berüchtigten LRA-Chefs Joseph Kony, der noch immer flüchtig ist. Er hatte sich Anfang 2015 ergeben, die Vorwürfe aber als unwahr zurückgewiesen. Nun droht ihm eine lebenslange Haftstrafe. Das Strafmaß wird zu einem späteren Zeitpunkt festgestellt. Ein mildernder Umstand könnte sein, dass er selbst nicht nur Täter, sondern auch Opfer der LRA war. Er war als etwa Neunjähriger auf dem Weg zur Schule verschleppt und selbst als Kindersoldat eingesetzt worden.

Täter oder Opfer: Das war eine der zentralen Fragen in dem rund fünf Jahre dauernden Prozess vor dem Weltstrafgericht. Er sei gezwungen worden, sagte die Verteidigung, und könne daher nicht verantwortlich sein. «Er war psychisch schwer geschädigt.»

Doch die Richter hatten keinerlei Zweifel: «Dominic Ongwen ist voll für alle Verbrechen verantwortlich», sagte der Vorsitzende Richter, Bertram Schmitt aus Deutschland. Ongwen war zum Zeitpunkt der Taten 2002 bis 2005 weit über 20 Jahre alt. Experten hätten auch keine Anzeichen einer psychischen Störung festgestellt. «Im Gegenteil», sagte Schmitt. «Er war in vollem Besitz seiner geistigen Kräfte.» Auch für Zwang gebe es keine Beweise. Er hätte in all den Jahren auch fliehen können - wie andere Kämpfer auch. «Er war keine Marionette», sagte der Richter.

Richter Schmitt schilderte die Taten, zitierte Zeugenaussagen, verlas die Namen der Opfer. Das Grauen wurde im Gerichtssaal spürbar. Da waren vier Angriffe auf Flüchtlingslager von 2002 bis 2004. Frauen, Männer, Kinder wurden ermordet. «Sie schlossen Menschen in Hütten ein und steckten diese in Brand», hatte ein Zeuge ausgesagt. Frauen mussten ihre Babys in den Busch werfen. Kinder wurden gezwungen, andere zu töten.

Der heute etwa 45 Jahre alte Ongwen wurde nicht nur schuldig gesprochen, weil er seiner Sinia-Brigade befohlen hatte, zu morden. Erstmals sprach das Gericht einen Angeklagten für «Zwangsheiraten» und «Zwangs-Schwangerschaften» schuldig. Sieben junge Frauen hatte er zu seinen «sogenannten Ehefrauen» gemacht: «Sie waren sein Besitz.» Sie wurden immer wieder vergewaltigt, einige mussten seine Babys zur Welt bringen. Ongwen «belohnte» auch Kämpfer mit «Ehefrauen» - oft sehr junge Mädchen.

Vor allem die Grausamkeit gegen Kinder machte die LRA und ihren Chef Kony weltweit zu den meist gesuchten Kriegsverbrechern. Die LRA, die ursprünglich Regierungstruppen Ugandas bekämpft hatte, war 2005 aus Uganda vertrieben worden.

Die Regierung Ugandas sieht das Urteil als Warnung. «Es ist eine Warnung an andere noch flüchtige Mitglieder der LRA», sagte der stellvertretende Außenminister Henry Okello Oryem der Deutschen Presse-Agentur. «Wenn wir sie kriegen, dann übergeben wir sie dem Gericht.» Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hofft, dass Staaten ihre Anstrengungen verstärken, LRA-Chef Kony zu fassen.

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