Gender-Gap
Merkel gegen Niedriglohn für Frauen

Geringere Löhne, drastischere Folgen der Pandemie: Bundeskanzlerin Merkel sieht die Frauen im Land im Nachteil. Bei Hunderttausenden fiel in den vergangenen Monaten der ohnehin geringe Lohn von Minijobs weg.

Sonntag, 07.03.2021, 11:03 Uhr
Unverdient: Frauen verdienen weiterhin im Schnitt deutlich weniger als Männer.
Unverdient: Frauen verdienen weiterhin im Schnitt deutlich weniger als Männer. Foto: Oliver Berg

Berlin (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) tritt für umfassende Parität und gleichen Lohn für Frauen und Männer ein. «Frauen müssen endlich so viel verdienen können wie Männer», sagte Merkel in einem Podcast zum Frauentag.

Zuletzt kamen Frauen laut Bundesagentur für Arbeit (BA) im Mittel auf über 440 Euro im Monat weniger als Männer. Auf dem Jobmarkt traf die Corona-Pandemie Frauen teils noch härter als Männer.

«Wir müssen darauf achten, dass die Pandemie nicht dazu führt, dass wir in manch schon überwunden geglaubtes Rollenmuster zurückfallen», sagte Merkel in dem Podcast vom Samstag. Viele seien im Spagat zwischen Homeschooling, Kinderbetreuung und Beruf.

75 Prozent der Beschäftigten in Praxen, Kliniken, Laboren und Apotheken sind nach ihren Angaben Frauen - in den Führungspositionen der Branche knapp 30 Prozent. An der Spitze der Rathäuser geht der Frauenanteil sogar zurück, von zehn auf neun Prozent, wie der Deutsche Städte- und Gemeindebund der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. «Dass wir beim Anteil der Frauen in den kommunalen Führungspositionen nicht einmal das niedrige Niveau halten können, dürfen wir nicht länger hinnehmen», erklärten Janina Salden, die beim Verband für Frauen in der Kommunalpolitik zuständig ist, und Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg.

Merkel sagte: «Es kann nicht sein, dass Frauen unsere Gesellschaften maßgeblich tragen und gleichzeitig nicht gleichberechtigt an wichtigen Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft beteiligt sind.» Sie setzte hinzu: «Deshalb brauchen wir Parität in allen Bereichen der Gesellschaft.»

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz rief zum Einsatz gegen die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern auf. «Es ist ein Skandal», sagte er am Samstag in einer Videoansprache. Frauen und Männer, die gleiche Tätigkeiten ausführten, würden oft unterschiedlich bezahlt - «obwohl das längst nicht legal ist». Bei Pflege und Einzelhandel müssten die Löhne generell steigen - dort arbeiteten viele Frauen.

Das mittlere Entgelt bei Frauen in Vollzeit lag zuletzt bei 3117 Euro brutto im Monat - bei Männern waren es 3560 Euro. Das zeigt eine der dpa vorliegende BA-Zusammenstellung zum Stand von Ende 2019 für die Linke im Bundestag. Der Niedriglohnanteil betrug bei Männern 15,5, bei Frauen 25,8 Prozent.

Corona und Arbeitslosigkeit:

Die Corona-Pandemie ließ die Zahl der arbeitslos werdenden Frauen etwas mehr wachsen als die der Männer. Das zeigt eine BA-Statistik zum Zugang in Arbeitslosigkeit aus dem ersten Arbeitsmarkt. 1,01 Millionen Frauen rutschten von Februar 2020 bis Januar 2021 in Arbeitslosigkeit - 54 000 mehr als im Vorjahreszeitraum. Bei den Männern stieg die Zahl um 27 000 auf 1,5 Millionen. Etwa im Bereich Kunst, Unterhaltung und Dienstleistungen betrafen von 99 684 Zugängen zur Arbeitslosigkeit 59 884 Frauen. Laut EU-Kommission arbeiten in der Pandemie eher Frauen weniger, um Kinder zu betreuen.

Minijobs:

Mitte 2020 übten 4,1 Millionen Frauen und 2,9 Millionen Männer einen Minijob aus. BA-Chef Detlef Scheele zählte zuletzt neben Älteren, Kranken, Migranten und wenig Qualifizierten vor allem Minijobberinnen und Minijobber zu den Pandemie-Opfern auf dem Arbeitsmarkt: Durch Corona sank deren Zahl um 530 000 - vor allem in Handel und Gastgewerbe.

Die Linken-Abgeordneten Sabine Zimmermann sagte der dpa: «Minijobs sind mangels Alternativen in vielen Fällen erzwungene Teilzeitarbeit.» Geringe Rentenansprüche seien die Folge. DGB-Vizechefin Elke Hannack sagte der dpa, Minijobs müssten zu Beschäftigung mit Versicherungsschutz gemacht werden.

Regierungskurs in der Kritik:

Hannack stellte der Regierung ein schlechtes Zeugnis aus: «Das Gesetz, das Lohngerechtigkeit herstellen sollte, sorgt nicht mal für Transparenz.» Die Vorstandsquote setze nur Minimalziele. Merkel erläuterte: In den großen Unternehmen müsse es ab vier Vorstandsmitgliedern mindestens eine Frau geben. Hannack sagte: «Alle gleichstellungspolitischen Gesetze blieben bislang auf dem Niveau des kleinsten gemeinsamen Nenners.»

Pläne für mehr Chancengleichheit:

Da ist der Ausbau der Kinderbetreuung im Vorschulalter - zentral etwa aus Sicht von SPD, Linken, DGB und Arbeitgebern. Merkel sagte: «Nur wer die eigenen Kinder gut und sicher versorgt weiß, kann sich voll auf seine beruflichen Aufgaben konzentrieren.»

SPD-Fraktionsvize Katja Mast forderte bis 2030 Parität in der Politik. «Wir brauchen mehr Frauen in allen Parlamenten - vom Gemeinderat bis zum Bundestag», sagte sie der dpa. «Bis 2030 wollen wir den Ausstieg schaffen aus der Testosteronpolitik.» Grünen-Chefin Annalena Baerbock sprach sich beim Redaktionsnetzwerk Deutschland für mindestens 33 Prozent als Frauenquote in Vorständen großer Unternehmen aus.

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