Interview mit Bundesforschungsministerin
Karliczek setzt auf Milliardenförderung für Impfstoffe und Medikamente

Münster -

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek setzt im Kampf gegen  Covid-19 auf eine neue Agentur zur Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten, auch um in Zukunft besser für Pandemien gewappnet zu sein. 

Freitag, 16.04.2021, 09:50 Uhr aktualisiert: 16.04.2021, 10:05 Uhr
Anja Karliczek (CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung, spricht im Bundestag bei der Regierungsbefragung zu den Abgeordneten. Foto: dpa
Anja Karliczek (CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung, spricht im Bundestag bei der Regierungsbefragung zu den Abgeordneten. Foto: dpa Foto: Kay Nietfeld

Die CDU-Politikerin aus Brochterbeck bekennt sich im Gespräch mit un­serem Redaktionsmitglied Claudia Kramer-Santel klar zu CDU-Chef Armin Laschet als Kanzlerkandidaten der Union: Er verfüge „über einen sehr guten, von Grundüberzeugungen getragenen politischen Kompass und steht für Verlässlichkeit“, so die Ministerin. 

Frau Ministerin, in der Union ist ja einiges los. Wie nehmen Sie die Debatte wahr – und wer ist Ihr ­Favorit bei der K-Frage?

Karliczek: Es ist gut, wenn sich mit Armin Laschet und Markus Söder zwei sehr profilierte Politiker um die Kanzlerkandidatur bewerben. Ich habe mich auch in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion am Dienstag für Armin Laschet ausgesprochen. Ich kenne ihn schon lange. Armin Laschet verfügt über einen sehr guten von Grundüberzeugungen getragenen politischen Kompass und steht für Verlässlichkeit. Er führt die Landesregierung hervorragend. Dass die Diskussionen um die K-Frage nicht einfach werden, wenn zwei Kandidaten im Rennen sind, war von Anfang an klar. Es ist nun wichtig, dass Markus Söder und Armin Laschet eine ­einvernehmliche Lösung finden.

Viele Studierende beklagen im dritten Corona-Semester emotionale und finanzielle Probleme . . .

Karliczek: Die emotionalen Probleme der Studierenden werden mit der Dauer der Pandemie immer größer. Darum müssen wir uns mehr kümmern. Allein in der kleinen Studentenwohnung zu sitzen, ist für viele schwierig – gerade über eine lange Zeit. Wir haben aber zum Glück nicht feststellen können, dass die Zahl der Studienabbrüche gestiegen ist. Wir wollen auch, dass Studierende, Schülerinnen und Schüler keine finan­ziellen Nachteile erleiden, wenn Lehr- und Prüfangebote aus pandemiebedingten Gründen eingeschränkt oder der Unterrichtsbeginn insgesamt verschoben wird.

Für Studierende ist die Regelstudienzeit in allen Bundesländern verlängert worden und damit auch die Bezugsdauer des BAföG. Zudem gibt es Überbrückungshilfen für all diejenigen, die pandemiebedingt, zum Beispiel wegen Verlust ihres Minijobs, in Not geraten sind. Die Anträge bearbeiten die Studierendenwerke. Trotz kleinerer Probleme: Ich höre, dass das grundsätzlich gut läuft. Es wurden seit Juni vergan­genen Jahres von den rund 470.000 Anträgen rund 75 Prozent bewilligt. Zusätzlich haben wir die KfW-Studienkredite zinsfrei gestellt. Das wird besonders von aus­ländischen Studierenden gut angenommen. Ich denke, dass sich die Bilanz sehen lassen kann, bei allen Härten für die Studierenden.

Wie sehen Sie die Chancen der von ­Ihnen in die Region geholten Batterieforschung in Münster/Ibbenbüren?

Karliczek: Der Standort Münster hat sich in einem harten Wettbewerb durch­gesetzt. Dabei konnte er ­sicher davon profitieren, dass die Rahmenbedingungen schon vorher stimmten. Nicht nur Münster und Osnabrück, sondern das gesamte Münsterland entwickelt sich gerade hervorragend. Diese Region, aber auch der Bereich von Osnabrück bis hin nach Vechta ist eine regelrechte Boomregion für Technik und Forschung. Es ist unsere Aufgabe, die Stärken unserer Region noch ­bekannter zu machen – auch um Mittelständlern und In­stituten zu helfen, gutes Personal zu finden, das lang­fristig bleibt.

Wo sehen Sie Zukunftschancen für den FMO?

Karliczek: Ich bin überzeugt, dass sich unsere Mobilität in den kommenden Jahren sehr verändern wird. Das gilt auch für den Flugverkehr. In der Branche ist längst die ­Suche nach Lösungen beispielsweise für das CO-freie Fliegen und für neue Antriebsstoffe im Gange. Ich finde es kurzsichtig, große Flughäfen einfach größer zu machen. Verkehrsströme zu entzerren, kann auch ein Beitrag zur Nachhaltigkeit sein. Ich glaube, es wäre falsch, den FMO jetzt einfach kurzerhand aufzugeben, weil der Flugverkehr von manchen einen ideologischen Stempel bekommen hat. Ich werbe aber für ein neues Konzept für unseren Airport. Das kann in Richtung Zubringerverkehr oder in Richtung eines Mobilitätshubs gehen. Langfristig steckt im FMO eine Menge Potenzial. Nicht als inter­nationaler Airport, wie man es einmal wollte, sondern als Mobilitätszentrum der Region.

Corona hinterlässt nach einem Jahr mit größtenteils digitalem Unterricht tiefe Spuren. Was muss man jetzt tun?

Karliczek: Ich habe vor­geschlagen, dass wir eine Milliarde Euro in ein gemeinsames Nachholprogramm mit den Ländern investieren. Im vergangenen Jahr haben wir bereits mit unserem Programm „Kultur macht stark“ Lernangebote der Länder in den Sommerferien begleitet, um auch den Teamgeist der Schülerinnen und Schüler zu stärken. Doch wir haben gesehen, dass dies im zweiten Corona-Sommer nicht ausreicht. Die Defizite sind bei vielen Schülern gewachsen, nachdem an den Schulen sehr schon relativ lange ­Präsenzunterricht ausgefallen ist. Deshalb wollen wir nun ein Nachhilfeprogramm starten. Wir fangen damit nach den Sommerferien an, derzeit laufen die Gespräche.

Deutschland hat ein sehr effizientes Potenzial zur Impfstoffforschung. Warum hakt es aber in der Umsetzungsphase?

Karliczek: Zunächst einmal möchte ich an den einmaligen Erfolg von Biontech bei der Impfstoffentwicklung erinnern: Wir wussten früh, dass es reelle Chancen für den Durchbruch der mRNA-basierten Impfstofftechnologie gibt, bei der mit Boten-RNA Informationen für die Aktivierung des Immunsystems übertragen werden. Wir haben diese Technologie bereits zuvor jahrelang gefördert.

Wir wussten auch, dass Biontech bei dieser Art von Impfstoff sehr weit ist und haben die Entwicklung durch unsere Förderung auch massiv unterstützt. Dass dann ­Biontech im Dezember schon eine Zulassung für seinen Impfstoff erhielt, war aber doch eine wissenschaft­liche Sensation. Dieser Impfstoff ist bislang trotz seiner etwas schwierigen Hand­habung einfach großartig, was Wirksamkeit und Verträglichkeit angeht. Für die Zukunft müssen wir aber vorsorgen, damit wir für zukünftige Pandemien besser gewappnet sind.

Wie soll das aber noch konkreter bis zur Produktion funktionieren? Kann man von den USA lernen?

Karliczek: In der Tat. Die USA haben sich in der Forschungsförderung bereits seit Langem viel stärker auch in Richtung Produktentwicklung aufgestellt. Sie haben seit einigen Jahren eine nationale Förderagentur mit der Aufgabe Impfstoffe und Arzneimittel gegen Erreger mit Bedrohungspotenzial für die öffentliche Gesundheit zu entwickeln. Das hat sich in der jetzigen Situation in besonderer Weise ausgezahlt, denn über sie konnten die USA die Impfstoff­entwicklung und –produktion schnell sehr stark antreiben.

Eine erste Lehre aus der Pandemie ist für mich ganz klar: Auch wir brauchen eine solche staatliche Agentur zur Entwicklung neuer Impfstoffe und Arzneimittel. Sie soll Forschung und Unternehmen verbinden, damit aus denexzellenten Forschungsergebnissen in möglichst kurzer Zeit einsetzbare Produkte entstehen. Der Grundstein dafür soll noch vor der Sommerpause gelegt werden. Sie braucht eine schnelle Anschubfinanzierung. Spätersollte ihr ein Budget von einer Milliarde pro Jahre zur Verfügung stehen. Das ist viel Geld, aber so können wir beim nächsten Mal schneller sein. Die Verringerung der Verluste an Menschenleben und Wirtschaftsleistung werden die Kosten um ein Vielfaches übertreffen.

Wann gibt es Medikamente gegen Corona?

Karliczek: Wir haben schon sehr früh in der Pandemie angefangen, die Entwicklung von Medikamenten zu fördern. Zunächst stand im Mittelpunkt, bereits vorhandene und zugelassene Medikament weiterzuentwickeln. Nun haben wir Anfang Januar eine zweite Förderlinie mit 50 Millionen Euro ausgeschrieben, um die die Forschung an neuen Medikamenten bis in die zweite Phase der klinischen Studien zu fördern. Bei positiven Ergebnissen könnte eine vorläufige Zulassung erfolgen. Aber wir müssen es immer wieder sagen: Wir können keine Wunder erwarten. Doch am Geld wird die Förderung der Medikamentenentwicklung nicht scheitern.

Erst Astrazeneca, dann Biontech: Wer bekommt wann welches Vakzin?

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  • EMA-Gutachten zu Johnson & Johnson erwartet

    Nach Prüfung seltener Fälle von Hirnthrombosen will die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) am Dienstag  (20. April) ihr Gutachten zum Corona-Impfstoff von Johnson & Johnson vorlegen. Die Experten der Amsterdamer Behörde haben den Impfstoff erneut geprüft, nachdem in den USA sechs Fälle von Blutgerinnseln in Hirnvenen aufgetreten waren. Johnson & Johnson hatte erst vor einer Woche mit der Lieferung seines Präparats in die EU-Staaten begonnen. Der Hersteller rief dazu auf, bis zur Klärung den Impfstoff nicht anzuwenden.

    Die EMA hatte aber erklärt, dass der Impfstoff uneingeschränkt eingesetzt werden könne. Die "Vorzüge des Impfstoffs, Covid-19 zu verhindern", seien höher zu bewerten seien als die Risiken von Nebenwirkungen.

    Vor einer Woche hatten die US-Behörden die Verabreichung des Impfstoffs ausgesetzt. In den USA wurden bisher rund 6,8 Millionen Personen damit geimpft.

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  • Zweitimpfung für Jüngere nicht mit Astrazeneca

    Klarheit für mehr als zwei Millionen Menschen unter 60 Jahren, die in Deutschland bereits eine Erstimpfung mit Astrazeneca erhalten haben: Sie sollen aufgrund des sehr geringen Tromboserisikos, das offenbar eher jüngere Patienten betrifft, bei der notwendigen Zweitimpfung auf ein anderes Präparat umsteigen. Auf diese Empfehlung haben sich die Gesundheitsminister von Bund und Ländern einstimmig geeinigt. Sie folgen damit dem Vorschlag der Ständigen Impfkommission (Stiko) von Anfang April.

    Bei den Beratungen sei klar geworden, dass die Zweitimpfung mit einem mRNA-Imfpstoff, also dem Präparat von Biontech/Pfizer oder Moderna, eine gute Basis sei, um die Menschen wirksam zu schützen, sagte der Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Bayerns Ressortchef Klaus Holetschek.

    Laut Bundesgesundheitsministerium haben in Deutschland aber bereits rund 2,2 Millionen Menschen unter 60 eine erste Impfung mit dem Präparat erhalten.

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  • Wie geht es mit den Jüngeren weiter?

    Sollten die sogenannten Vektorimpfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson für jüngere Personen unter 60 Jahren ungeeignet sein, droht ein Engpass: Dann steht bis Herbst nicht ausreichend mRNA-Impfstoff zur Verfügung.

    "Der deutschen Impfkampagne droht ein großes Problem, deswegen muss die Bundesregierung jetzt reagieren und sowohl mit Biontech als auch mit Curevac in neue Verhandlungen treten und mehr Impfdosen für Deutschland sichern", sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl. 

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  • Astrazeneca für Über-60-Jährige

    Helmut Holtkamp (73) wird im Impfzentrum im Kreis Borken mit dem Impfstoff der Firma Astrazeneca geimpft: Menschen ab 60 Jahren können sich seit dem 3. April in Nordrhein-Westfalen einen Termin zur Impfung mit dem Wirkstoff von Astrazeneca vereinbaren. 

    Hintergrund der Empfehlung für ältere Menschen sind Fälle von Hirnvenen-Thrombosen nach einer Impfung mit Astrazeneca. Experten vermuten, dass das sehr geringe Risiko vor allem jüngere Menschen betrifft. Bund und Länder hatten deshalb kürzlich beschlossen, dass in der Regel nur noch Menschen über 60 mit Astrazeneca geimpft werden sollen. 

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  • Astrazeneca-Imfungen im März für Jüngere gestoppt

    Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern beschlossen am 30.03.2021, dass das Präparat von Astrazeneca in der Regel nur noch Menschen ab 60 gespritzt werden soll nachdem in Einzelfällen Trombosen nach der Impfung aufgetreten waren. 

    Mit dem Mittel des britisch-schwedischen Herstellers schon einiges Hin und Her: zugelassen, dann eingeschränkt, wieder erweitert, ausgesetzt, wiederaufgenommen. Dabei geht es immer wieder um Auffälligkeiten mit Fällen von Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen in zeitlichem Zusammenhang zu Impfungen, die vor allem bei jüngeren Frauen gemeldet wurden.

    Mitte März hatte die Bundesregierung alle Astrazeneca-Impfungen nach einer Empfehlung des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) ausgesetzt - wie mehrere andere Länder auch. Nach erneuten Prüfungen der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) gaben Bund und Länder nach vier Tagen Pause dann wieder grünes Licht - aber verbunden mit neuen Warnhinweisen für Ärzte und Patienten auf das Thrombose-Risiko.

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  • Ab Freitag Impfstart für 70- bis 80-Jährige

    Von Mittwoch (8 Uhr) an können in Nordrhein-Westfalen Menschen der Geburtsjahrgänge 1948 und 1949 also ab 73 Jahren Impftermine vereinbaren. Bei den Impfungen kommen je nach Verfügbarkeit die Impfstoffe der Hersteller Biontech oder Moderna zum Einsatz.

    Wie bisher erfolgt die Terminvergabe auch für die nächsten Jahrgänge über die Terminbuchungssysteme der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV). 

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Thema Digitalisierung: Es gibt aus Ihrem Haus einen Vorstoß in Richtung 6 G. Oft fehlt es aber noch am 4 G oder 5 G-Level . . .

Karliczek: Das sind einfach unterschiedliche Ebenen. Trotz aller Umsetzungsprobleme müssen wird jetzt bereits die Grundlagenforschung für die Zeit ab 2030 starten. Wir denken mit 6G schon an die nächste Stufe des Fortschritts: Deutschland soll in der nächsten Mobilfunk-Generation technologisch souverän sein. Daher stellen wir für die ­Förderung des Mobilfunknetzes der nächsten Generation bis 2025 rund 700 Millionen Euro zur Verfügung.

Ab 2030 soll 6G dann das 5G-Netz ­ablösen. Damit werden die Daten mehr als 100-mal schneller übertragen. Das ist wichtig für den Büroalltag, in der Produktion und auch in der Medizin. So ­können mit Hologrammen zum ­Beispiel Menschen in 3D in hoher Auflösung in Echtzeit auf mobile End­geräte oder in Räume ge­streamt werden.

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