Verkehrsclub ACE fordert digitale Lösungen
Schnelles Internet statt Stau

Plötzlich waren die Straßen leer, Bus und Bahn ebenso. Stattdessen boomt das Rad – und das Auto. Was können wir aus Corona-Zeiten für den Verkehr der Zukunft lernen? Wir brauchen mehr Home-Office, schnelles Internet auch auf dem Land und eine optimale Verknüpfung der Verkehrsmittel, sagt Stefan Heimlich, Vorsitzender des ACE, des zweitgrößten Autoclubs in Deutschland.

Samstag, 01.08.2020, 15:00 Uhr aktualisiert: 01.08.2020, 15:04 Uhr
In Städten wie Hamburg tauchten Pop-up-Fahrradwege auf, während Fernzüge ungewollt viel Platz für die wenigen Passagiere bereithielten.
In Städten wie Hamburg tauchten Pop-up-Fahrradwege auf, während Fernzüge ungewollt viel Platz für die wenigen Passagiere bereithielten. Foto: imago-images/Henning Angerer/ACE

In Corona-Zeiten war plötzlich möglich, was vorher ausgeschlossen schien: In Paris, Berlin, London sind Pop-up-Radwege entstanden. Aus Auto-Fahrspuren wurden Radwege. Teilen Sie die Hoffnung mancher Verkehrs­planer, dass aus solchen temporären Lösungen etwas Permanentes werden sollte?

Heimlich: Wo es so schnell ging, deutet dies darauf hin, dass sich die Verkehrsplaner schon vorher Gedanken gemacht hatten und jetzt die Chance nutzten, ihre Pläne umzusetzen. Das Problem ist, dass wir sehr sensibel damit umgehen müssen, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Wenn die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht da ist, dann zerplatzen solche bunten Verkehrsballons in der Luft. Wir müssen in den Städten auch Platz für Autofahrer haben. Wir haben über 100 000 Menschen, die nach Münster einpendeln. Die können nicht alle aufs Fahrrad umsteigen. Wir müssen zu einer Konsenslösung kommen: Hier lassen wir Platz für einen Radweg, aber wir haben auch Platz für Bus und Bahn, für Autofahrer und für Fußgänger.

Wir haben während des Lockdowns gesehen, dass der Autoverkehr zweiweise um 50 Prozent zurückgegangen ist, weil die Leute zu Hause geblieben sind, im Home-Office. Was wird denn aus Ihrer Sicht von dem Home-Office-Trend bleiben hier im Münsterland-Pendlerland?

Heimlich: Inzwischen hat der Verkehr wieder deutlich zugenommen. Aber Bildungsministerin Anja Karliczek hat Unrecht, wenn sie sagt: Wir brauchen 5G nicht an jeder Milchkanne. Wir brauchen 5G gerade dort, wo die Milchkannen stehen. Ohne schnelles Internet werden die ländlichen Räume zu Entleerungsräumen; die Menschen ziehen in die Städte, weil sie dort bessere Arbeitsangebote haben. Die Wirtschaft basiert heute auf schnellem Internet. Was in den sechziger und siebziger Jahren der Autobahnanschluss war, ist heute schnelles Internet. Auf Glasfaser und 5G im Mobilfunkbereich basieren technische Möglichkeiten, die gerade in der Mobilität die Zukunft sein werden. Stichwort: autonomes Fahren, was in den nächsten zehn Jahren kommt – weniger für den individuellen Autofahrer aber für Flottenbetreiber. Stellen wir uns doch einmal vor, Taxis würden ohne Fahrer auskommen. Das würde die Preise radikal senken und wir hätten flexible Möglichkeiten.

Und das Home-Office?

Heimlich: Die Unternehmen und ihre Beschäftigten haben in der Krise gelernt, dass Home-Office und Video-Konferenzen funktionieren – wenn mein Internet schnell genug ist. Dienstreisen werden deutlich abnehmen, das ist meine feste Überzeugung. Stellen wir uns einmal vor, ein Drittel der täglichen Wege brauchte ich nicht mehr zu machen, weil ich von zu Hause arbeiten kann. Was wäre das für ein Zeit­gewinn im Alltag? Und es wäre eine immense Entlastung des Verkehrs, wenn ein Drittel der Menschen sich nicht mehr täglich in den Berufsverkehr stürzen müssten. Das wäre eine spürbare Entlastung auf allen Verkehrswegen – Rad, Bus, Bahn, Auto . . . Wir hätten mehr Platz, was ins­besondere in Bus und Bahn ein Argument wäre, weil es die Ansteckungsgefahr vermindern würde.

Diese neun Regeln gelten fürs Homeoffice

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  • Da sitzt man nun, an einem Wochentag, zu Hause. Von Urlaub kann aber keine Rede sein: Viele Menschen sind während der Corona-Krise angehalten, im Homeoffice zu arbeiten, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

    Und was im Büro Routine ist, stellt einen in den eigenen vier Wänden plötzlich vor ungeahnte Herausforderungen. Was jetzt hilft:

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  • Ordnung ist das halbe Leben

    Auch die Arbeit zu Hause braucht eine Struktur. Diese muss nicht so starr sein, wie bisher im Büro, sagt Psychologin und Coach  Kristine Qualen  . Aber ohne Plan in den Tag hineinleben beziehungsweise -arbeiten wird nicht funktionieren. Daher sollte man sich zu Beginn ein paar Dinge überlegen - und sich möglichst daran halten.

    Zum Beispiel: Was ist für mich ein guter Start in den Arbeitstag? Wann kann ich am besten arbeiten? Wonach richten sich meine Pausen? Wie möchte ich meine Pausen verbringen? Und natürlich: Wann mache ich Feierabend? Danach richtet sich die Struktur.

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  • Arbeiten im Bett

    Zunächst einmal sollte man sich zu Hause nach Möglichkeit einen festen Arbeitsplatz einrichten. Optimal wäre eigenes Zimmer, notfalls kann man sich auch mit einer Stellwand behelfen. «Sonst fällt das Abschalten schwerer», erklärt Karrierecoach Ute Bölke . Das gilt sowohl für Pausen als auch für den Feierabend zu Hause.

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  • Homeoffice heißt nicht Isolation

    Damit der persönliche Austausch mit Kollegen nicht zu kurz kommt, sollte man dafür feste Zeiten einplanen. Ein regelmäßiger Video-Call sei eine gute Möglichkeit, sagt Slaghuis. Außerdem sei es wichtig, den digitalen Zugang zu allen zentralen Informationen und wichtigen Unterlagen zu besitzen, um effizient arbeiten zu können.

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  • Im Schlafanzug am Schreibtisch

    «Jeder wie er mag, das ist ja der große Vorteil im Homeoffice», betont der Kölner Karrierecoach  Bernd Slaghuis  . «Manche Menschen können zu Hause nur konzentriert arbeiten, wenn sie sich morgens so anziehen, als würden sie ins Büro gehen - andere wiederum genießen die Freiheit, auch mal entspannt in Jogginghose am Schreibtisch zu sitzen.»

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  • Noch eben die Spülmaschine ausräumen:

    Lieber nicht, meint Psychologin und Coach  Kristine Qualen  . Geschirrspüler, Wäsche oder das vermeintlich schmutzige Bad - das alles sind hervorragende Möglichkeiten, um bloß nicht mit der Arbeit anzufangen. Die Psychologin empfiehlt daher, erstmal loszulegen und den «Störfaktor Haushalt» in den geplanten Unterbrechungen zu erledigen.

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  • Auch Pausen planen

    Wer im Homeoffice arbeitet, für den sind Pausen keine Selbstläufer, denn es kommen keine Kollegen, die einen zum Beispiel zum Mittagessen abholen, wie Slaghuis auch aus eigener Erfahrung weiß: «Die größte Gefahr ist, den ganzen Tag ungestört durchzurödeln und Pausen zu vergessen.» Er empfiehlt daher, diese bewusst in den Tagesablauf einzuplanen.

    Wie man seine Auszeiten plant, sei Typsache und hänge vom eigenen Arbeitsrhythmus ab: «Wem Struktur wichtig ist, der kann zum Beispiel alle zwei Stunden einen freien Zeitraum für sich blocken. Andere gehen entspannter in eine Pause, nachdem sie einen Aufgabenblock erledigt haben - das muss jeder für sich ausprobieren.»

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  • Freizeit nicht verdaddeln

    «Viele neigen dazu, in ihren Pausen einfach am Schreibtisch sitzen zu bleiben», warnt  Bölke  . Das sollte man nicht tun, denn dann bekommt man den Kopf nicht frei. «Im Homeoffice kann man sich in der Pause etwas gönnen, was man sonst eher nicht macht», sagt Psychologin Qualen. Sich mit einer Tasse Kaffee auf den Balkon setzen und mit Freunden telefonieren, eine Runde Joggen oder gemeinsam mit der Familie essen zum Beispiel.

    Für wen die sozialen Netzwerke nicht gerade der Inbegriff gut genutzter Zeit sind, der sollte sein Handy in der Pause am besten auf Flugmodus stellen, empfiehlt Slaghuis.

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  • Mit den Kollegen abstimmen

    Bei der Strukturierung müssen Angestellte sich mit ihren Kollegen abstimmen, wie Qualen betont. Das beinhaltet Fragen wie: Wie viel Arbeitszeit muss synchron laufen? Wie viel Freiräume, zum Beispiel früher Schluss oder eine ausgedehnte Mittagspause machen, sind möglich? Grundsätzlich sollte man auch absprechen, was zum Beispiel in Sachen Erreichbarkeit oder Antwortzeit erwartet wird.

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  • Jetzt ist aber Feierabend

    «Feierabend im Homeoffice bedeutet meist auch, die bewusste Entscheidung zu treffen, dass noch nicht Erledigtes auch Zeit bis morgen hat», sagt Slaghuis. Man sollte also ein festes Ende seiner Arbeit definieren und Laptop sowie Diensthandy dann weglegen. Sich mit endlos langen Arbeitstagen nicht auszubeuten, habe auch mit Selbstdisziplin zu tun, wie Bölke betont. Es sei eine Illusion, dass man am Ende des Tages mit der Arbeit fertig sei und dann erst Feierabend machen könne. «Der Tisch wird nie leer sein, das muss ich einfach aushalten können.»

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Die Nachfrage nach Fahrrädern boomt, zugleich sind die Fahrgastzahlen in Bus und Bahn zeitweise auf 20 bis 50 Prozent des Normalen eingebrochen. Wird die Corona-Krise nun zu einem Turbo oder zum Bremsklotz für die Verkehrswende?

Heimlich: Die Corona-Pandemie wird zum Bremsklotz für die Verkehrswende werden, wenn wir nicht intelligent gegensteuern und sichere und zuverlässige Angebote ­machen.

In sechs Schritten zum richtigen E-Bike

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  • Das E‑Bike boomt. 2019 wurden erstmals über eine Million der elektrisch unterstützten Fahrräder in Deutschland verkauft. Bis auf das BMX wurde inzwischen eigentlich jede Fahrradgattung elektrifiziert. Diese Vielfalt kann auf den ersten Blick einschüchtern, auf den zweiten Blick garantiert sie, dass jeder sein persönliches Traumbike findet. Der pressedienst-fahrrad führt durch das Angebot.

    Foto: www.pd-f.de / Sebastian Hofer
  • 1. Den Bedarf klären

    „Was brauche ich und was möchte ich, dass mein Rad kann?“ – Diese Fragen sollte sich jeder E‑Bike-Käufer gestellt haben, bevor er die Kreditkarte zückt. Eine realistische Bedarfseinschätzung hilft später auch dem Fachhändler, die richtigen Modelle vorauszuwählen. Nicht jeder braucht ein vollgefedertes E-Mountainbike und nicht für alle ist ein Hightech-Bolide mit Doppel-Akku und elektrischer Funkschaltung die optimale Lösung – selbst wenn er gut aussieht. Natürlich kann man immer mehr kaufen, als man braucht. Das macht oft sogar viel Freude. Man sichert sich aber gegen Enttäuschungen ab, wenn man vor der Kaufentscheidung genau weiß, was das Rad mindestens können muss. Gelegenheitsnutzer haben einfach andere Anforderungen als Berufspendler oder Radreisende.

    Foto: www.pd-f.de / Messe Friedrichshafen / Eurobike
  • 2. Realistisch sein

    Jeder liebt die Vorstellung von einer eierlegenden Wollmilchsau: ein Rad, das alles kann. Und in der Tat erfreuen sich sogenannten SUV-Bikes hoher Beliebtheit. Sie verbinden Robustheit, Allwegetauglichkeit sowie Komfort und sind dadurch gute Allrounder. Zu ultimativen Alleskönnern werden SUV-Bikes dadurch jedoch nicht automatisch. Aber es gibt auch schlanke und leichte E-Bikes mit Midtail-Rahmen, die für andere Anwendungen und Nutzergruppen die richtige Wahl sein können.

    Foto: www.flyer-bikes.com | pd-f
  • 3. Antrieb, Akku und Kraftübertragung

    Mit einem Marktanteil jenseits der 90 Prozent ist der Mittelmotor die dominierende Antriebsposition. Die gleichmäßige Gewichtsverteilung und der einfache Radausbau im Pannenfall sprechen trotz des höheren Verschleißniveaus an Zahnrädern und Ritzeln für diese Konstruktion. Heckgetriebene Räder werden von einigen für ihre direkte Kraftentfaltung trotzdem geschätzt, während Frontantriebe fast ausschließlich an Spezialrädern oder an Rädern des unteren Preis- und Qualitätsspektrums zu finden sind.

    Foto: www.pd-f.de / Florian Schuh
  • Die meisten aktuellen Akkus haben eine Kapazität von 500 Wattstunden (Wh) manchmal sogar mehr. Das reicht für den Alltagseinsatz gut aus. Wer gern mit viel Zuladung, auf Reisen, in bergigem Gelände unterwegs oder schlicht ladefaul ist, für den sind Doppel-Akku-Systeme mit 1.000 Wattstunden oder mehr eine tolle Lösung. Umgekehrt mögen etwa Kurzstreckenpendler, die zuhause und am Arbeitsplatz laden können, auch mit einem kleineren und dadurch leichteren sowie günstigeren Akku ihre passende Konstellation finden.

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  • Bei der Kraftübertragung gibt es zwei Optionen, an den sich die Geister scheiden. Seit einigen Jahren erfreut sich der Antrieb mit einem carbonfaserverstärkten Riemen wachsender Beliebtheit, weil sie länger halten und der Riemen wartungsfrei ist, also nicht geschmiert werden muss. Allerdings sind Riemen aus technischer Sicht nur mit Nabenschaltungen oder Ein-Gang-Fahrrädern kombinierbar. Das kann ein Vorteil sein, weil Nabenschaltungen oft besser gegen Schmutz gedichtet sind als Kettenschaltungen. Gerade an Sportgeräten oder sehr sportlichen E‑Bikes erfreut sich aber die klassische Kettenschaltung ungebrochener Beliebtheit.

    Foto: www.pd-f.de / Florian Schuh
  • 4. Ausprobieren

    Seit dem Autoquartett der Kindertage orientieren sich viele Menschen gern an technischen Daten. Beim E‑Bike sind das z. B. Drehmoment, Akku-Kapazität und Gewicht. Und obwohl diese Daten Aussagekraft besitzen, zählen bei der Kaufentscheidung auch andere „weichere“ Faktoren: „Wie fühlt sich das Fahren mit Antriebsunterstützung an: harmonisch und natürlich oder setzt der Motorschub plötzlich und ruckartig ein? Wie leise ist der Antrieb? Ist die Bedienung des Gesamtsystem intuitiv? Komme ich auf Anhieb damit klar? Und vor allem: Fühle ich mich auf dem Rad wohl? Antworten gibt eine längere Probefahrt“, wie Horst Schuster vom E‑Bike-Antriebshersteller Brose rät. Auch die Ablesbarkeit des Displays bei direktem Sonnenlicht oder die Bedienbarkeit mit Handschuhen lassen sich so ausprobieren. Übrigens am besten unter Realbedingungen: Wer mit dem Anzug ins Büro fährt und ein E‑Bike zum Pendeln sucht, macht sich auch für die Probefahrt schick, wer oft mit Taschen unterwegs ist, bringt diese mit.

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  • 5. Fachhandel

    Mit einer realistischen Bedarfs- und Budgeteinschätzung gewappnet, ist der Fachhandel der beste Ansprechpartner für E‑Bike-Käufer. Er hilft bei Beratung und Einordnung der unterschiedlichen Angebote, der persönlichen Abstimmung und ermöglicht die Probefahrt. Mehr noch: Die Inbetriebnahme eines online gekauften und per Spedition gelieferten E‑Bikes ist für viele Endverbraucher kaum leistbar. Eine fehlerhafte Endmontage kann sogar zum Sicherheitsrisiko werden. Auch den Service-Aspekt des Fachhandels sollte man nicht unterschätzen. Tipp nicht nur während Corona: Vorher Beratungstermin vereinbaren.

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  • 6. Sonderfall Sportgeräte

    E‑Bikes sind nicht nur im urbanen Alltagseinsatz toll, auch als Sportgerät machen sie viel Freude und eröffnen neue Möglichkeiten. Die kleine Trainingsrunde vor oder nach der Arbeit umfasst auf einmal viel mehr Kilo- und Höhenmeter, die Leistungsunterschiede in Familien oder Trainingsgruppen werden nivelliert, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen können Belastungen besser dosieren. Aber vor allem: E‑Mountainbikes und E-Rennrädermachen machen einfach viel Spaß. Bei Mountainbikes oder Rennrädern ist der Einsatzbereich naturgemäß recht klar umrissen und die Entscheidung deshalb vielleicht weniger schwierig. Trotzdem hilft es, sich auch hier die Tipps eins bis fünf vor dem Kauf durch den Kopf gehen zu lassen.

    Foto: www.cannondale.com | pd-f

Was können wir denn mitnehmen aus der Corona-Pandemie für die Verkehrspolitik der Zukunft?

Heimlich: Im Moment flüchten sich viele Menschen in den Individualverkehr, weil sie Angst haben, sich in Bussen und Bahnen mit dem Coronavirus anzustecken. Die Angst ist ja auch nicht ganz unbegründet. Aber schauen wir zu Ihnen nach Münster: Sie haben 100 000 Einpendler. Wenn die alle mit dem Fahrrad oder dem Auto kommen, ist die Stadt voll und es bewegt sich gar nichts mehr. Es muss uns es gelingen, den Verkehr flüssig zu halten, damit die Menschen noch in einer angemessenen Zeit ihr Ziel erreichen.

Wie soll das gehen? Was ist dafür ­nötig?

Heimlich: Notwendig ist vor allem eine intelligente Kombination der verschiedenen Verkehrsträger. Wenn wir alle im Auto fahren, kommen wir nicht ans Ziel. Wenn wir alle mit Bussen und Bahnen fahren, sind die schnell überfüllt. Wenn alle mit dem Fahrrad fahren und ich an jeder Ampel einen Pulk von 40 oder 50 Radfahrern vor mir habe, dann bewegt sich auch mein Bus nicht mehr so richtig. Ich brauche intelligente Konzepte, die die verschiedenen Verkehre miteinander verknüpfen. Ich muss die Verkehre am Stadtrand abfangen und verteilen. Ich brauche Park&Ride-Plätze. Ich brauche eine Infrastruktur für das Fahrrad. Und ich brauche auch das Auto, wenn ich mehrere Verkehrswege miteinander verknüpfen will: die Kinder zur Schule bringen, zur Arbeit fahren, zum Einkauf und zurück nach Hause. Bei dieser Kombination – mehrere Personen, mehrere Ziele – ist das Auto einfach unschlagbar. Wir dürfen das Auto nicht vergessen. Die Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Lassen wir ihnen doch die Wahl, das Verkehrsmittel zu nutzen, das für ihre Bedürfnisse optimal ist.

Was erwarten Sie denn nach Corona – Autokalypse oder Radler-Paradies?

Heimlich: Einen Mix aus beidem: Die Menschen steigen um auf den Individualverkehr – Fahrrad wie Auto. Beides boomt. Für beides sind die Städte nicht ausgelegt. Auf dem Land fehlt die Infrastruktur für das Fahrrad und öffentlicher Nahverkehr ist praktisch nicht vorhanden. Dort brauchen wir On-Demand-Dienste und Pooling-Angebote.

Pooling? Was ist Pooling?

Heimlich: Das sind digitale Lösungen, die über das Smartphone laufen. Da wird in der App einfach geguckt: Wer möchte zu einer ähnlichen Zeit in eine ähnliche Richtung fahren? Die „poolt“ der Anbieter in einem Fahrzeug – oft einem Bulli. Der eine steigt früher aus, der andere später, aber beide kommen bis zur Haustür. Das ist preiswert und ich muss nicht die letzte Meile durch die Dunkelheit laufen. Da können sich Taxiunternehmer zu Pooling-Anbietern entwickeln. Warum sollten wir das den nordamerikanischen Internetriesen überlassen? Nur: Solche Angebote konzen­trieren sich bislang auf Großstädte, aber wir brauchen das in mittleren Städten, zu Tagesrandzeiten, damit ich nach dem Kino abends noch nach Hause komme. Und vor allem brauchen wir das im ländlichen Raum, wo ich die Fahrgast­zahlen für einen öffentlichen Nahverkehr nach Fahrplan gar nicht habe.

Auf dem Land gibt’s schon Bürgerbusse und Anruf-Taxis…

Heimlich: Das ist 80er Jahre, aber wir leben im Jahr 2020. In den 80ern haben wir „Star Trek“ geguckt und geträumt: „Beam me up, Scotty.“ Heute könnten wir vieles mit Smartphones und Apps lösen. Aber viele Planer und Politiker denken noch viel zu sehr in Haltestellen, Standard-Omnibus, Fahrplan . . . Die Menschen denken nicht in Fahrplänen und Haltestellen.

Sie sprachen vom Trend zum Individualverkehr zu Auto und Rad, wie bekommen wir die Leute in Corona-Zeiten dazu, auch wieder Bus und Bahn zu nutzen?

Heimlich: Vorweg: Der öffentliche Personennahverkehr muss sein Angebot aufrechterhalten, denn nur Angebot schafft Nachfrage. Sie kennen das aus Münster: Ihre Stadt hat ganz massiv den Fahrradverkehr bevorzugt – und was haben sie geerntet? Fahrradverkehr. Wenn Sie den öffentlichen Nahverkehr ausbauen, ernten Sie auch Fahrgäste. Aber wir brauchen nicht nur die festen Fahrplan-Angebote, sondern ergänzend auch die flexiblen Angebote, die mich zur nächsten Haltestelle zu Bus und Bahn bringen – auf Abruf. Und: Der öffentliche Nahverkehr muss in Corona-Zeiten Sicherheit bieten. Die Betreiber müssen – sichtbar – etwas gegen die Ansteckungsgefahr tun. Es gilt, die Oberflächen zu desinfizieren – nicht nur einmal am Tag. Diese Reinigung darf nicht nachts stattfinden, die Fahrgäste müssen das sehen, damit sie es glauben. Die Maskenpflicht muss durchgesetzt werden. Deshalb finde ich es richtig, wenn der Berliner Senat von jedem, der ohne Maske in der Bahn angetroffen wird, künftig 150 Euro Strafe kassieren will. Die soziale Kontrolle allein funktioniert nicht. Wir brauchen – auch aus anderen Gründen – auch Sicherheitspersonal, gerade an den Tagesrandzeiten.

In den vergangenen Monaten stolpert man in allen Großstädten über Leih-Elektroroller. Werden diese E-Scooter über die Spielfunktion hinaus irgendeine Bedeutung im Verkehr der Zukunft haben?

Heimlich: So, wie sie im Moment herumstehen, bringen Sie keinen Mehrwert. Dieser Markt bedarf dringend der poli­tischen Gestaltung. Die Kommunen müssen ihre Möglichkeiten nutzen, dann können diese E-Scooter eine Funktion haben – insbesondere was die letzte Meile angeht, also den Weg vom öffentlichen Personennahverkehr zum Ziel. Dazu bedarf es aber fester, ausgewiesener Abstellplätze, so dass ich auch noch mit dem Kinderwagen oder dem Rollator über den Gehweg komme, ohne über diese Dinger zu stolpern. Wenn in Großstädten wie Münster in der Innenstadt und in den Wohnvierteln einfach einmal an jeder Kreuzung zehn Meter abgegrenzt wären, wo solche E-Scooter und Leihfahrräder abgestellt werden können, dann wäre das eine sehr gute Ergänzung für Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs. Ebenso aber für Autofahrer, die vom Parkhaus bis zum Ziel gelangen. Wie gesagt: Entscheidend ist die intelligente Verknüpfung.

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