Technik
Sat-IP schlägt Bohrer: TV-Programme per Netzwerk verteilen

Unterföhring/Berlin (dpa/tmn) - Sat-TV in jedem Raum ohne Verlegen von Kabeln und sogar auf Smartphone und Tablet? Kein Problem: Das noch junge Sat-IP-Verfahren verteilt TV-Programme von der Parabolantenne über das Heimnetzwerk und sogar über die Stromleitung.

Donnerstag, 24.07.2014, 10:18 Uhr

Die Mehrheit der TV-Zuschauer in Deutschland verfolgt Nachrichten, Sportübertragungen, Krimis und Serien per Satellit. Ende 2013 empfing knapp jeder zweite TV-Haushalt (47 Prozent) öffentlich-rechtliche und private Sender über eine Parabolantenne , wie aus der aktuellen TNS-Infratest-Studie TV-Monitor-Studie hervorgeht, die der Satellitenbetreiber Astra jährlich in Auftrag gibt. Doch um Sat-TV in jedes Zimmer eines Hauses zu bringen, führte bis vor kurzem kaum ein Weg an der Bohrmaschine und dem Ziehen zusätzlicher Strippen vorbei. Das will eine Technologie namens Sat-IP ändern. Noch steckt sie aber in den Kinderschuhen.

«Bei Sat-IP wird das Ausgangssignal in ein IP-konformes Signal umgewandelt und anschließend über den Router eines vorhandenen Internet-Netzwerks in das Heimnetzwerk eingespeist», erklärt Prof. Karl-Heinz Gerrath , Experte für Fernsehtechnik und elektronische Medien. Für die Umwandlung der Antennensignale in IP-Pakete ist ein sogenannter Sat-IP-Server verantwortlich, der in der Nähe der Satellitenantenne montiert wird.

Per WLAN, LAN oder sogar über das Stromnetz (Powerline) können die Signale dann im Haus verteilt und beliebig über mobile Endgeräte wie Smartphones, Tablets und Notebooks abgerufen und als TV-Bilder auf die Displays gebracht werden. «Die Sat-IP-Technik gewährt bislang ungeahnte Freiheiten und völlig neue Möglichkeiten der In-Home-Vernetzung», sagt Holger Wenk von der Deutschen TV-Plattform.

Die Anzahl der zur Verfügung stehenden TV-Programme ist dabei abhängig von der Anzahl der integrierten Empfangsteile im Sat-IP-Server. Je nach verwendeter Empfangseinheit (LNB) an der Parabolantenne können über zusätzliche Empfänger weitere Sender eingespeist werden - bis zu vier beim weit verbreiteten Quad-LNB. «Die klassische Fernbedienung entfällt, die Empfänger werden über das Netzwerk programmiert», erklärt Gerrath. Zappen durchs gesamte Sednerangebot sei aber nicht möglich.

Auch wegen der begrenzten Datenrate im Netzwerk kann bislang nur eine eingeschränkte Anzahl an Programmen eingespeist werden, bis zu 8 hochauflösende (HD) oder maximal 30 Programme in normaler Auflösung (SD). Die von den Herstellern genannten maximalen WLAN-Übertragungsraten von bis zu 300 Mbit/s seien in der Praxis nicht realisierbar, sagt Prof. Gerrath. Mit zunehmender Entfernung zum Router sowie durch Hindernisse wie Wände nimmt die erreichbare Datenrate teilweise dramatisch ab.

Auch Holger Wenk sieht im WLAN-Router das schwächste Glied in der Sat-IP-Kette, das alle anderen Teilnehmer ausbremsen kann. «Fast jeder Router aus dem mittleren Preissegment liefert inzwischen aber für Sat-IP ausreichend schnelle Geschwindigkeiten.»

Während sich das drathlose Fernsehvergnügen auf mobilen Endgeräten mit passenden Apps oder auf Computern mit diversen Media-Center-Programmen realisieren lässt, müssen Flachbildfernseher durch spezielle Settop-Boxen aufgerüstet werden. Diese ermöglichen auch den Zugriff auf bereits bekannte Zusatzdienste wie Videotext, zusätzliche Tonspuren oder HbbTV. Komplettpakete mit Sat-IP-Server, Sat-IP-Receiver und Powerline-Adapter für die Signalübertragung über die Stromleitung sind für rund 400 Euro erhältlich.

Inzwischen gibt es auch erste Flat-TVs, die bereits fit für den Sat-TV-Empfang über das Heimnetzwerk sind und mit allen derzeit zertifizierten Sat-IP-Servern zusammenarbeiten sollen. «Der Zuschauer kann den Standort für seinen Fernseher damit völlig unabhängig vom Antennenanschluss auswählen», nennt Holger Wenk einen wichtigen Vorteil.

Ein wenig technisches Vorwissen ist bei der Einrichtung einer Sat-IP-Anlage hilfreich. «Die Konfiguration eines Netzwerkes für eine bestimmte Raumanordnung sollte einem Fachmann übertragen werden», rät Prof. Gerrath. Wer sich für eine Sat-IP-Anlage interessiert, tut gut daran, sich genau zu informieren und macht sicher keinen Fehler, wenn er noch etwas abwartet: Denn das Sat-IP-Protokoll ist erst Ende März 2014 ratifiziert worden, weshalb viele der angebotenen Sat-IP-Geräte auch noch gar nicht zertifiziert sind. Außerdem müssen Gerrath zufolge noch offene Fragen zu verschlüsselten Programmen geklärt werden.

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