Tag der Geschwister
Geschwister haben eine besondere Bindung

Die Schule fällt wegen Corona aus - und Kinder haben viel Zeit, sich mit ihren Geschwistern zu streiten. Das ist laut Experten normal. Trotzdem können Eltern die Bindung ihrer Töchter und Söhne bewusst stärken.

Freitag, 10.04.2020, 04:39 Uhr aktualisiert: 10.04.2020, 05:02 Uhr
Susann Sitzler, Sachbuchautorin, zeigt ihr Buch «Geschwister - Die längste Beziehung des Lebens».
Susann Sitzler, Sachbuchautorin, zeigt ihr Buch «Geschwister - Die längste Beziehung des Lebens». Foto: Corinna Schwanhold

Berlin (dpa) - Manchmal reicht ein einziger Blick, dann bricht Streit zwischen den beiden Söhnen von Nina Müller (Name geändert) aus. Die beiden Jungen sind acht und zwölf Jahre alt - und wegen der Corona-Pandemie derzeit ständig zuhause bei ihren Eltern.

«Ich habe den Eindruck, dass die Luft zum Atmen aktuell sehr dünn ist», sagt die 37 Jahre alte Mutter. Sie lebt in einer Patchwork-Familie in Nordrhein-Westfalen: Vom Vater ihrer beiden Söhne ist sie getrennt. Mit einem neuen Lebensgefährten, der selbst zwei Töchter hat, hat sie eine gemeinsame, zweijährige Tochter.

Häufige Streitereien, Eifersüchteleien und Enttäuschung, weil eine Geburtstagsfeier ausfällt - das dürften aktuell viele Eltern erleben, die ihre schulpflichtigen Kinder zuhause betreuen müssen. Der Grat zwischen friedlichem Spielen und wütenden Streitereien ist bei Brüdern und Schwestern oft schmal - das gilt auch ohne Pandemie.

«Mit Geschwistern erleben wir Gefühlspremieren, zum Beispiel Eifersucht und Wut», sagte die Sachbuchautorin Susann Sitzler der Deutschen Presse-Agentur. Für ihr Buch «Geschwister - Die längste Beziehung des Lebens» hat sie Erfahrungsberichte gesammelt und Studien ausgewertet. Seit den 1980er Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen verstärkt mit der Geschwister-Bindung. Die US-Amerikanerin Claudia Evart hat den «Tag der Geschwister» (10. April) als Gegenstück zum Muttertag Ende der 1990er Jahre ausgerufen. Hintergrund ist der tragische Tod ihrer beiden Geschwister Alan und Lisette.

Inzwischen hat die Forschung ergeben, dass Brüder und Schwestern auf Menschen einen ähnlich großen Einfluss haben wie die Eltern. «Wenn man als Kleinkind lernt, Gefühle zu regulieren, sind die eigenen Geschwister dabei», erklärt Sitzler. Im Laufe der Kindheit lerne man zwar, Wut und Eifersucht zu zügeln. «Vor Geschwistern muss man aber keine Maske aufsetzen. Die haben einen sowieso schon hundertmal in allen Verfassungen gesehen.»

Dass das Verhältnis zu Geschwistern ein anderes ist als zu Freunden, hat auch etwas damit zu tun, dass man sich Geschwister nicht aussuchen könne, schreibt Nina Brück in ihrer erziehungswissenschaftlichen Dissertation «Geschwisterbeziehungen und Freundschaften» von 2019. «Diese Unfreiwilligkeit bietet jedoch auch Potenziale für die Entwicklung von Kindern. Es ist anzunehmen, dass Konflikte anders ausgetragen werden, dass Kinder anders zu argumentieren lernen als mit Freunden.»

Wie innig die Beziehung ist, ist laut Sitzler unter anderem vom Altersabstand abhängig. Beträgt die Lücke etwa zwei bis vier Jahre, sei das Verhältnis in der Regel am engsten. Das müsse es aber nicht sein, betont die Autorin. «Das hängt auch damit zusammen, ob die Geschwister charakterlich zueinander passen und wie sie aufgewachsen sind.»

Grundsätzlich erkennen Geschwisterforscher einen Verlauf in der Beziehung: Im Kleinkindalter ist man sich nah, weil man einen Großteil des Tages miteinander verbringt. Die Beziehung löst sich im Teenager-Alter und wird distanzierter, wenn die Heranwachsenden ausziehen. Im Alter nähern sich viele wieder einander an. «Dann hat man oft ein Bedürfnis, Erinnerungen von früher zu teilen. Geschwister sind ein Archiv für das eigene frühe Leben: Sie erinnern sich zum Beispiel noch an die Witze, die der Vater immer am Küchentisch gemacht hat.»

Zum Anteil der Kinder, die nicht nur mit leiblichen, sondern auch mit Stief- oder Halbgeschwistern aufwachsen, gibt es keine aktuellen Zahlen. Je nach Datenquelle seien etwa 7 bis 13 Prozent der Familien in Deutschland Stief- oder Patchworkfamilien, heißt es im 31. Monitor des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2013. Sie haben laut Susann Sitzler zwar oft eine weniger enge Bindung als leibliche Geschwister. Das liege aber vor allem daran, dass sie nicht von Anfang an zusammen aufwachsen. Stiefgeschwister, die im sehr jungen Alter zusammengebracht würden, könnten eine sehr innige Beziehung aufbauen.

Das beobachtet auch Nina Müller. Auch wenn die Nerven aktuell angespannt seien, gebe es Eifersüchteleien zwischen den Stief- und Halbgeschwistern eher selten. Das führt Müller auch darauf zurück, dass sie und ihr Partner genau darauf achten würden, welche Bedürfnisse die Kinder haben. «Wenn an einem normalen Besuchs-Wochenende alle fünf Kinder da sind, teilen wir uns auch mal auf. Dann geht der Papa mit seinen Zwillingen und ich bleibe mit den Jungs zuhause oder umgekehrt.»

Die Kinder einzeln zu betrachten und sie nicht miteinander zu vergleichen, ist laut Psychologen eine gute Strategie, um die Geschwisterbindung zu stärken. Nina Müller versucht, sich auch in der Corona-Krise daran zu halten. Gemeinsam mit ihrem Partner überlege sie sich Beschäftigungsmöglichkeiten - etwa Oster-Basteln oder gemeinsame Stunden im eigenen Garten. Damit hätten sie bei allen Streitereien manchmal Erfolg, sagt die 37-Jährige. «Wir haben trotz Corona auch gute Momente.»

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